Eugen Onegin: Vom Versroman zur Oper

Eugen Onegin: Vom Versroman zur Oper

Alexander Sergejewitsch Puschkin (1799-1837) ist bis heute wohl der meistverehrte russische Dichter geblieben. Man übertreibt nicht, wenn man sagt, dass er der russischen Literatur den Weg in die Moderne geebnet hat. Als erster versuchte er, echte Menschen und ihre Probleme in einer oft sehr direkten und unverblümten Sprache zu beschreiben. Doch das war nur die eine Seite seines Werks. Ebenso fasziniert wie von den Menschen, die er in der Wirklichkeit traf, war er von historischen Persönlichkeiten. Auch sie zeigte er immer als Zweifler und Gejagte, nicht als Helden oder Bösewichter wie die traditionelle literarische Geschichtsschreibung. Auf die russischen Opernkomponisten hatten Puschkins Werke einen starken Einfluss, immer wieder wurden sie zur Grundlage von Libretti. Die bekanntesten Puschkin-Opern sind Ruslan und Ljudmila von Michail Glinka, Boris Godunow von Modest Mussorgsky (zuletzt 2012 an der Oper Dortmund), Mozart und Salieri von Nikolaj Rimskij-Korsakow – und Eugen Onegin von Peter Tschaikowsky.

Ein gewagtes Unternehmen
Sieht man sich Puschkins Popularität bei den russischen Lesern des 19. Jahrhunderts an, muss man sich wundern, dass mit Tschaikowsky erst 1877 ein Komponist an einer Vertonung zu arbeiten begann, obwohl Eugen Onegin schon 1833 erstmals vollständig erschienen war. Man kann es aber auch genau andersherum sehen: In den 44 Jahren zwischen der Erstveröffentlichung und Tschaikowskys Opernidee war Eugen Onegin zu einer Art Nationalepos geworden. Auch durch den tragischen Tod des jungen Dichters – beim letzten der vielen Duelle seines Lebens war Puschkin mit nur 38 Jahren getötet worden – waren seine Schriften inzwischen zu Heiligtümern geworden, und ganz besonders der Onegin. Die Erwartungen an eine Onegin-Oper würden sehr hoch sein, das wusste Tschaikowsky. In Deutschland hat sich im 19. Jahrhundert kein bedeutender Komponist an Goethes Nationaldrama Faust gewagt…

Vom Roman in die Oper
Zunächst einmal mussten Tschaikowsky und sein Librettist Konstantin Schilowski einen sehr umfangreichen Roman in eine gar nicht so lange Oper verwandeln. Dafür wurde die Handlung auf das Wesentliche reduziert, die meisten der über 100 Figuren verschwanden. Und natürlich musste aus einem erzählenden ein dramatischer Text gemacht werden, was in der Oper vielleicht nicht immer ganz gelungen ist. Die drei großen Handlungsblöcke des Romans behielt die Oper jedoch bei: die Begegnung von Tatjana und Onegin mit Tatjanas Liebesbrief und Zurückweisung; das Fest bei den Larin, auf dem sich Onegin und Lenski überwerfen, und das anschließende Duell; das Wiedertreffen von Tatjana und Onegin auf dem Ball des Fürsten Gremin sowie Onegins endgültige Zurückweisung.

Die Figuren
Puschkin sieht seine Figuren mit einem zugewandten und liebevollen Blick an, spart aber auch nicht mit Spott über ihr Verhalten. Eugen Onegin ist der Typ des „überflüssigen Menschen“, den Puschkin für die russische Literatur erfunden hat und von dem die späteren Romane und Theaterstücke des 19. Jahrhunderts wimmeln, man denke nur an Gontscharows Faulenzer Oblomow und Tschechows Versager Onkel Wanja. Im Roman ist Eugen erst 18 Jahre alt, hat aber mit der Menschheit schon abgeschlossen. Liebe, Freundschaft, Kunst sind für ihn nur abgeschmackte Lügen. Er kann dem Leben nichts abgewinnen, obwohl er es noch gar nicht kennen gelernt hat. Auch Lenski bekommt bei Puschkin sein Fett weg: Er ist ein überspannter romantischer Dichter, der große Töne spuckt, aber wenig Talent besitzt. Tatjana ist freundlich, aber rachsüchtig: Für den Korb, den ihr Onegin einst gegeben hat, rächt sie sich sehr bewusst, als sie am Ende eine große Dame geworden ist.

In der Oper bleiben vor allem die sympathischen und rührenden Züge der Figuren erhalten. Sicher ist Onegin nicht allzu einfühlsam, aber Tschaikowsky zeichnet musikalisch eher einen jungen Mann, der nach Orientierung sucht und sie in der kalten Gesellschaft um ihn her nicht findet. Tatjana ist eins der reinsten Herzen der gesamten Operngeschichte, und Lenski rührt mit seiner großen Todesangst-Arie vor dem Duell mit Onegin noch den hartnäckigsten Spötter.

Übrigens: Eine Figur aus dem fatalen Quartett junger Leute hat Tschaikowsky in der Oper stillschweigend verschwinden lassen. Während Lenski stirbt und Tatjana und Onegin am Schluss der Oper für immer getrennte Wege gehen, ist von Tatjanas jüngerer Schwester Olga nicht mehr die Rede. Aber keine Sorge: Der Roman verrät uns, dass sie sich über den Tod des schwärmerischen Poeten bald tröstet und einen Ulanenoffizier heiratet.

Und noch etwas: Was in den sechs Jahren zwischen dem Duell und dem Ball des Fürsten Gremin passiert ist, erfahren wir auch aus dem Roman nicht. Puschkin plante eine Fortsetzung des Romans mit dem Titel Onegins Reise, doch weil diese Tour durch das autokratische Europa seiner Zeit unter Puschkins Hand wahrscheinlich politisch bedenklich geworden wäre, wurden nur 19 Strophen dieses Kapitels veröffentlicht. Onegins Flucht vor dem Gespenst des toten Lenski bleibt also ganz der Fantasie des Zuschauers überlassen.

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Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

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