Liebe und Politik – Probenstart zu Verdis NABUCCO

Liebe und Politik – Probenstart zu Verdis NABUCCO

Es wird nicht die letzte Premiere der Intendanz von Jens-Daniel Herzog an der Oper Dortmund sein – im April folgt noch die Familienoper DIE SCHNEEKÖNIGIN. Aber wenn sich am 10. März der Vorhang für NABUCCO von Giuseppe Verdi öffnet, zeigt der Intendant seine letzte Dortmunder Inszenierung.
Von Abschiedsstimmung war beim Probenbeginn am Montag im Opernfoyer allerdings nichts zu spüren. Das Ensemble, ergänzt um Gastsängerin Gabrielle Mouhlen in der Partie der Abigaille, freut sich sichtlich auf die Produktion. Verdis erster großer Erfolg aus dem Jahr 1842 ist nicht gerade ein Werk mit filigraner Psychologie: Hier wird jedes Gefühl, jede Leidenschaft überdeutlich ausgestellt. „Für einen Regisseur ist Verdi eine sehr spezielle Herausforderung“, sagt Jens-Daniel Herzog. „Aber wir haben in den letzten Jahren gezeigt, dass wir mit unserer musikalischen und darstellerischen Arbeit auch sperrige Stücke auf eine andere Ebene heben können.“

NABUCCO ist für Herzog eine „tolle, intensive, leidenschaftliche und schwarze Geschichte über das Leben, die Gesellschaft und die Politik“. Dass es zum Konflikt zwischen Hebräern und Babyloniern kommt, hat zunächst einmal keine religiösen, sondern amouröse Gründe. Der Hebräer Ismaele (gespielt von Thomas Paul) interessiert sich für die babylonischen Königstöchter Abigaille und Fenena (Almerija Delic). Als er sich für die jüngere Fenena entscheidet, kommt es zum Eklat. Die Israeliten werden in Geiselhaft genommen. Eine Situation, die Herzog an die Geiselnahme in der amerikanischen Botschaft in Teheran im Jahr 1980 erinnert. Hier ist die Handlung angesiedelt.
„Spannend wird die Oper dadurch, dass sich auch innerhalb der hebräischen und der babylonischen Fraktion Bruchlinien zeigen“, sagt Herzog. Bei den Hebräern stehen sich Ismaele und der radikale Hohepriester Zaccaria (Karl-Heinz Lehner) gegenüber. In Babylon bricht ein offener Machtkampf zwischen König Nabucco (Sangmin Lee) und einer fundamentalistischen Gruppe um den Oberpriester (Morgan Moody/Luke Stoker) aus. Er wirft Nabucco die Affenliebe zu seiner sanftmütigen, aber nicht mit politischem Talent gesegneten Tochter Fenena vor. Abigaille, die zuerst von ihrem Geliebten Ismaele und dann von ihrem Vater zurückgewiesen wird, schlägt sich auf die Seite der religiösen Extremisten.
Bühnenbildner Mathis Neidhardt hat die Räume des Stücks auf eine Drehbühne gesetzt: den anfangs eleganten Botschaftsraum, in dem die Hebräer eingeschlossen werden und der sich im Lauf der Geiselnahme nicht zu seinen Gunsten verändert; einen Krankenraum für den immer wieder in Wahnsinn verfallenden Nabucco; einen halb-sakralen Schulungsraum für die Fundamentalisten. Wie das Bühnenbild zeigen auch die Kostüme von Sibylle Gädeke den Übergang von fröhlichen Farben und Formen der 70er Jahre hin zur strengen Verhüllung unter dem Diktat der religiösen Despotie. „Wenn man Fotos aus Teheran aus den Jahren 1971 und 1979 nebeneinander hält, sieht man diesen Prozess der Entsexualisierung und Uniformierung. Die Kleidung greift in das Leben der Menschen und der Gesellschaft ein“, so Sibylle Gädeke.

Ab Montagabend wird NABUCCO auf der Probebühne in Körne geprobt, nach gut drei Wochen dort wird dann auf der Opernbühne weitergearbeitet. Am 25.2. in der Matinee und am 1.3. in der öffentlichen Probe können Zuschauerinnen und Zuschauer weitere Einblicke in die Inszenierung bekommen.

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Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

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