Wenn Fantasie beflügelt…

Wenn Fantasie beflügelt…

… dann schafft man es aus einem grauen Berliner Hinterhof sogar bis zum Mond. Der Mechaniker Fritz Steppke, der Schneider Lämmermeier und der Steuerbeamte Pannecke jedenfalls sind von Anfang an fest davon überzeugt. Und so starten sie eines Nachts, mit dem von Steppke erdachten Stratosphärenrückstoß-Expressballon, ihre fantastische Reise. Steppkes angehende Schwiegermutter und raubeinige Vermieterin Pusebach verheddert sich im Sicherungsseil des merkwürdigen Luftgefährts und wird quasi aus Versehen mit auf die Reise genommen. Schon auf dem Weg zum Mond kommen die drei Abenteurer aus dem Staunen nicht heraus.

Fantasiereisen haben in der Psychotherapie ihren Platz. Sie aktivieren alle Wahrnehmungskanäle. Vom Hören und Sehen und der Berührung bis zum Geschmack und Geruch. Von den meisten Menschen werden sie als wohltuend, manchmal ablenkend und ressourcenaktivierend empfunden.

Die drei Berliner und Frau Pusebach, beflügelt von ihrer Fantasie, erreichen tatsächlich ihr Ziel – und lassen sich von einer scheinbar fremdartigen, aber prachtvollen und mondänen Welt faszinieren. Diese Welt ist so anders als ihr Berliner Milieu. Zufällig werden sie Gäste der großen interstellaren Feier und lernen alle Planeten, den Haushofmeister Theophil, Prinz Sternschnuppe und nicht zuletzt Frau Luna kennen. Zunächst etwas unbeholfen, stolpern sie durch diese Fantasiewelt, lernen jedoch bald, dass sich die Beziehungsprobleme der Mondgesellschaft nicht von denen in Berlin unterscheiden.

Fantasiereisen in der Psychotherapie
Fantasiereisen sind in der Psychotherapie im Rahmen von Ressourcenaktivierung, als Schmerzablenkung bei chronischen Schmerzzuständen, als Genusstraining und als Achtsamkeitsübung einsetzbar. Sie führen zu Entspannung und innerer Ruhe. Sie können von unangenehmen Zuständen und Situationen ablenken, auf angenehme Vorstellungen und Gefühle fokussieren und auf diese Weise die Bewertung belastender Erinnerungen verändern.

Im Laufe des Festes kommen die vier Reisenden immer besser in der neuen Welt zurecht. Sie orientieren sich neu, genießen ihre neue Sicht der Dinge. Und so finden sich auf den Mond völlig neue Paarkonstellationen.

Und der Zuschauer? Er wird mitgenommen auf die Fantasiereise, darf die prächtige Inszenierung und die Revue des grandiosen Planetenballs genießen. Er kann sich an wunderschönen Melodien, am zauberhaften Luftballett, an phantasievollen Kostümen und an humorvollen Szenen erfreuen.

Ist das schon Therapie? Sicher nicht. Aber schön war es auf dem Mond und kurzweilig und anders und entspannend und weit, weit entfernt vom Alltag.

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Hans Joachim Thimm

Hans Joachim Thimm ist Erster Oberarzt der Allgemeinen Psychatrie an der LWL Klink in Dortmund Aplerbeck. Als enger Berater hat Hans Joachim Thimm bei dem Musical "Next to Normal", bei dem es um eine manisch-depressive Frau geht, dem Leitungsteam und den Darstellern wertvolle Informationen und Einblicke in die Welt der psychischen Erkrankungen gegeben. Seitdem lässt ihn das Theater nicht mehr los - als ständiger Besucher und nach wie vor mit seinem Wissen über die menschliche Psyche als inspirierender Gesprächspartner. In lockerer Folge wird Hans Joachim Thimm auf dem Opernblog seine ganz spezielle Sichtweise auf einige Opernfiguren darstellen.

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