10 Dinge, die Sie über Nabucco wissen sollten

10 Dinge, die Sie über Nabucco wissen sollten

Endlich ein Erfolg!
Anfang der 1840er Jahre ging Giuseppe Verdi auf die 30 zu und war in einer Lebens- und Schaffenskrise: Innerhalb von zwei Jahren waren seine Frau und seine beiden kleinen Kinder gestorben, seine zwei ersten Opern hatten ihm nicht den Durchbruch beschert. Verdi behauptete, er habe sogar mit dem Komponieren aufhören wollen – als er von einem Theaterdirektor das Libretto von Nabucco bekam. Es stammt von dem Dichter Temistocle Solera, der zwischen Mailand, Wien und Madrid ein abenteuerliches Leben führte. Von diesem Text war Verdi sofort fasziniert. Die Uraufführung an der Mailänder Scala im Jahr 1842 brachte den ersehnten Erfolg. Verdis Aufstieg zum berühmtesten Opernkomponisten Europas hatte begonnen.

Nebukadnezar
Bei der Uraufführung hieß die Oper noch Nabucodonosor nach der italienischen Form des Namens Nebukadnezar (korrekt: Nabu-kudurri-usur), doch weil dieser Name so kompliziert war, änderte man ihn schon nach zwei Jahren in Nabucco. Nebukadnezar war ein babylonischer König, der im 7. und 6. Jahrhundert vor Christus regierte. Er wird an mehreren Stellen des Alten Testaments erwähnt, vor allem im Buch des Propheten Jeremia. Nebukadnezar herrschte über ein riesiges Reich, auch die Könige von Israel und Juda waren ihm tributpflichtig. Als sie sich gegen Nebukadnezar auflehnten, ließ Nebukadnezar den Tempel in Jerusalem zerstören und die israelitische Elite in die babylonische Gefangenschaft verschleppen.

Politik und Herzensangelegenheiten
Von dieser Gefangenschaft erzählt die Oper Nabucco. Die wehrlosen Israeliten werden vom grausamen und entschlossen Heer der Babylonier heimgesucht. Ihnen bleibt keine Hoffnung als die Errettung durch ihren Gott Jahwe. Im Zentrum der Oper stehen aber nicht nur Krieg und Politik, sondern auch eine Liebesgeschichte. Gleich zwei Frauen sind in den jungen Judäer Ismaele verliebt – damit es richtig kompliziert wird, sind es die beiden Töchter des Königs. Ismaele entscheidet sich für Fenena, die jüngere der beiden. Abigaille, die abgewiesene Ältere, sinnt auf Rache.

Zwei ungleiche Schwestern
Während Fenena sanft und lieb ist, aber kein politisches Gespür besitzt, ist Abigaille entschlossen und durchsetzungsstark. Auf ihrem Weg zur Macht gibt es aber ein großes Hindernis: Sie ist nicht Nabuccos leibliches Kind, sondern eine Adoptivtochter, die aus niedrigsten Verhältnissen stammt. Beweis dafür ist ein Schriftstück, das König Nabucco immer bei sich trägt. Abigaille bringt das Papier in ihren Besitz und versucht, den Makel der illegitimen Herrschaft abzuwaschen.

Doppelt gekränkt
Abigaille ist keine Sympathieträgerin, aber sie ist die wahre tragische Figur der Oper. Sie wird doppelt gekränkt: Ismaele erwidert ihre Liebe nicht, ihr Vater verstößt sie zugunsten ihrer Schwester. Als sie merkt, dass Nabucco die Kontrolle über den Staat verliert, nimmt sie entschlossen den Kampf um die Herrschaft auf. Das ist auch ihre einzige Chance, überhaupt noch vorzukommen und nicht sang- und klanglos in der Versenkung zu verschwinden.

Fundamentalisten
Auf dem Weg zur Macht ist Abigaille nicht allein. Einer fundamentalistischen Gruppe um den Oberpriester des Gottes Baal ist König Nabucco schon länger verdächtig. Sie werfen ihm Schwäche vor, weil er aus Liebe zu seiner Tochter Fenena seine Pflichten vernachlässigt. Schließlich sehen sie klar, dass Fenena als Nachfolgerin ungeeignet ist. Außerdem geht ihnen die religiöse Liberalität des Königs gegen den Strich. Nabucco hält es immerhin für möglich, dass der Gott der Israeliten existiert. Das können sich die Baalspriester nicht gefallen lassen. Deshalb versuchen sie, mit Abigaille als Galionsfigur die Macht im Staat zu übernehmen.

Und noch ein Fundamentalist
Auch auf der anderen Seite ist man sich nicht einig. Der jüdische Hohepriester Zaccaria deutet Israels Gefangenschaft als göttliche Strafe für allzu lockere Sitten, die in letzter Zeit eingerissen sind. Besonders auf den Lebemann Ismaele hat er es abgesehen. Zaccaria ruft das Volk zum Durchhalten und zur Leidensbereitschaft auf und sorgt mit seinem religiösen Stoßtrupp, den Leviten, dafür, dass keiner aus der Reihe tanzt. Es gelingt ihm auch, Fenena zum jüdischen Glauben zu bringen und sie als Geisel bei den Gefangenen zu halten, die dadurch ihrer Ermordung durch Nabuccos Leute vorläufig entgehen.

Schauplätze
Verdis Dramaturgie in Nabucco ist etwas chaotisch: Ständig springt die Handlung zwischen dem Jerusalemer Tempel und dem einige 1000 Kilometer entfernten Babylon am Ufer des Euphrat (heute im Irak ca. 90 km entfernt von Bagdad) hin und her. Die Neuinszenierung an der Oper Dortmund fasst die beiden Schauplätze zusammen. Die Geschichte spielt in Nabuccos Palast, wo die Israeliten nach einem missglückten Botschafts-Empfang gefangen gehalten werden. Inspiriert ist die Inszenierung von der Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran 1979-81. Die Geiseln werden zum Opfer eines politisch-privaten Geschehens, dem sie ohnmächtig zusehen müssen.

Flieg, Gedanke!
Herzstück der Oper Nabucco ist der so genannte Gefangenenchor Va, pensiero! Auch wer Verdis Stück noch nie gesehen hat, wird diese Melodie sofort mitsummen können. Er ist eine typische Komposition des frühen Verdi: Eine eingängige Melodie wird in größter Einfachheit präsentiert, die harmonischen Kunstgriffe sind sparsam eingesetzt, machen dafür aber einen umso größeren Effekt. Für den Chor ist dieses Musikstück der Höhepunkt einer äußerst anspruchsvollen Oper, in dem die Sängerinnen und Sänger fast durchgehend auf der Bühne sind und in rascher Folge Israeliten und Babylonier darstellen müssen.

Die Oper zum Freiheitskampf
Man darf sicher sein, dass Verdi beim Komponieren des Nabucco vor allem seinen eigenen Erfolg im Blick hatte. Doch das Stück machte sich schnell selbständig. Das Schicksal der unterdrückten Israeliten verstanden die Italiener als Sinnbild für ihr eigenes Leben unter habsburgischer und päpstlicher Herrschaft. Insbesondere der Gefangenenchor wurde zu einem nationalen Symbol. Bis heute gilt er als heimliche Hymne Italiens, viel bekannter und beliebter als die offizielle Nationalhymne Fratelli d’Italia.

This article was written by
Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

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