Angekommen im Wunderland

FSJ im Opernhaus

Überraschung
Mein Handy klingelt. Es ist Heike Buderus, die Theaterpädagogin für das Ballett und die Oper am Theater Dortmund, die mir verkündet, dass die FSJ-Stelle wieder frei ist. Anscheinend war ich mit meiner Bewerbung und meinem Vorstellungsgespräch überzeugend genug, um in der engeren Auswahl zu landen und mein FSJ Kultur als völlige Oper-Newcomerin dort anzutreten. Sie lädt mich zu einem weiteren Gespräch am nächsten Tag ein.
Ich mache mich leicht aufgeregt auf den Weg ins Theater. Dort angekommen, geht alles ganz schnell. Heike und Svenja, Koordinatorin aller fünf Sparten, erklären mir die Situation und die Aufgaben, die auf mich zukommen werden, und ich werde offiziell eingestellt.

Start
Ich werde mit einem Lebkuchenherz von den beiden an der Pforte empfangen und zu ihrem – und zukünftig auch meinem – Büro geführt, das zu der Zeit noch im Schauspielhaus untergebracht ist.
Zum Glück finde ich alle weiteren Male alleine dorthin, was sich angesichts der mir komplett neuen Umgebung auch schon mal schwierig gestalten kann. Die Wege im nicht gerade kleinen Opernhaus prägen sich überraschend schnell ein. Bleiben also nur noch die verworrenen „Geheimgänge“, die sich hinter der Bühne befinden.

Vor, auf und hinter der Bühne!
Im September dann der erste „Auftritt“: die TheaterReal-Eröffnung auf der Opernbühne, wo ich die Ehre habe, die Patenschaftsbücher der Klassen Herrn Sierau zu überreichen.
Danach geht es Schlag auf Schlag weiter: Es folgt die Planung des „Living Room“, der im Rahmen der „Nacht der Jugendkultur 2017 im Dortmunder U“ in Kooperation mit anderen Freiwilligen organisiert und betreut werden soll und dann endlich die ersten Proben zu „Wunderland“, meiner ersten Profi-Produktion, bei der ich als Regieassistentin mitwirken darf.
Vor Beginn der Proben muss ich das Textbuch der Oper erstellen(heißt, den Text ohne Noten noch einmal abtippen), Infos für das Materialheft recherchieren, dabei stoße ich auf eine Menge interessanter Dinge. Wussten Sie, dass es ein Alice-im-Wunderland-Syndrom gibt, das mit Halluzinationen zusammenhängt? Oder dass die ursprüngliche Geschichte von Lewis Carroll (der mit bürgerlichem Namen übrigens Charles Lutwidge Dodgson hieß) eigentlich nur eine Geschichte ist, die er seiner jungen Freundin Alice Liddell auf der Themse zum Zeitvertreib erzählte und die er anfangs gar nicht veröffentlichen wollte? Oder dass der Dodo in dieser Geschichte eine überspitzte Darstellung von ihm selbst ist, da er sich aufgrund seines Stotterns immer als „Do-Do-Dodgson“ vorstellte?

Mittendrin im Probengeschehen
Während der Proben sind meine Aufgaben vielfältig: mal bin ich der verlängerte Arm der Regisseurin Ilaria Lanzino, mal ihr erweitertes Gedächtnis. Ich notiere Änderungen an der Szene, erstelle zahlreiche Requisiten- (und Hut-)Listen und achte darauf, dass alle Dinge jederzeit an Ort und Stelle eingerichtet sind, sowohl während der Proben als auch später während der Vorstellungen, bei denen ich als „Abend“Spielleitung (wobei die Vorstellungen ausschließlich vor- und nachmittags stattfinden J) immer anwesend bin. Ich agiere manchmal als Beleuchtungsstatist, darf die Einsätze für Stimmungswechsel durch Licht geben und mich am Mischpult ausprobieren, wenn es zu Blitzeffekten kommen soll. Ich lerne, wie man blitzschnell die richtige Seite des Klavierauszugs findet, immer im Wettbewerb mit Marlon, der in der Produktion hospitiert und schon in einigen Produktionen des Opernclubs mitgespielt hat.
Eine spannende Herausforderung ist die Führung des Regiebuchs zum Stück. Eine große Verantwortung für eine frisch gebackene FSJ-lerin wie mich. Dort werden alle Regieanweisungen und Einsätze, sogenannte „Cues“, teilweise auf einzelne Noten eingetragen. Diese präge ich mir so sehr ein, dass mich Ilaria, die Regisseurin des Stücks, irgendwann nur noch die „Cue Machine“ nennt, vor allem, wenn es um die verschiedenen Lichtstände geht. Irgendwann kann ich das Stück im Schlaf.

Abgetaucht im Operntreff
Während der Proben sehe ich kaum noch das Tageslicht und lebe quasi im Operntreff, wo die Proben und dann die Aufführungen stattfinden. Ich komme oftmals nur noch an die frische Luft, wenn mal wieder die Lüftung an- oder ausgeschaltet werden muss und ich dafür zur Haustechnik laufe. Doch es sind auch so viele lustige Momente in den Proben, sei es die Szene am Strand, wenn Marvin Zobel mit seinem einfältigsten Gesichtsausdruck den „klugen“ Zimmermann spielt und Boshana Milkhov als Walross über den Boden robbt und es dabei trotzdem schafft die richtigen Töne zu treffen, oder die Raupen-Szene, die aufgrund diverser Anspielungen für Erwachsene wahrscheinlich noch unterhaltsamer ist als für Kinder. Es zeigt sich, dass „Wunderland“ nicht unbedingt nur für junge Zuschauer geeignet ist. Erwachsene haben ihren Spaß an ganz anderen Stellen und hören oft andere Dinge als die Kinder im Publikum. Nie wird es langweilig im Operntreff. Das ist Oper kurz und gut in einer Stunde.
Als im Oktober schließlich die Premiere ansteht, bin ich alles andere als entspannt: Ich habe ständig Angst, irgendetwas falsch zu machen, einen Einsatz falsch zu geben oder ein essentielles Requisit zu vergessen. Am Ende verläuft die Vorstellung glücklicherweise reibungslos. Und außerdem gibt es ja noch genug andere Leute im Team, die mir im Notfall immer noch unter die Arme greifen können, sollte ich irgendwann doch Mist bauen.

Zurück im Alltag
Bis November besteht mein Tag nun aus den Vorstellungen und Büroarbeit wie E-Mails beantworten und für kommende Führungen zu lernen. Wie soll ich all die Informationen und technischen Daten über das Theater und damit verbundene Berufe nachhaltig in meinem Kopf speichern? Lernen, lernen, lernen und dann kommt die erste eigene Führung: trockener Mund, da steht die Schulklasse. Und da fallen mir alle die Dinge ein, die ich immer wieder gelesen habe: Bühnenbreite: Bühnentiefe: Züge. Nach einer Stunde Applaus von den Schülern, ein Dank von den Lehrern. Geschafft! Angekommen im Wunderland.

Neue Aufgaben
Damit auch andere Jugendliche das „Wunderland Theater“ kennenlernen, betreue ich die erste Veranstaltung des neuen Formats „Getestet“, das Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Möglichkeit bietet, in alle Sparten des Theaters hinein zu schnuppern. Zusammen mit neun anderen Leuten besuche ich also das Musical „Hairspray“, wovon ich zuvor auch schon die Generalprobe sehen konnte, weshalb ich mich besonders freue, dass ich die Möglichkeit habe, noch einmal eine Vorstellung davon zu sehen.
Und immer wieder zeige ich Schülern das Haus: bei Theaterrallyes und nach Workshops, begleite die Preisverleihung des Literaturwettbewerbs und darf selbst wieder auf der Bühne stehen. Leider doch nicht im Batman-Kostüm wie zunächst geplant.

Auf den nächsten Zug aufgesprungen
Zusammen mit Heike besuche ich die erste musikalische Probe für das ganze Ensemble des Musicals „Linie 1“, welches die nächste Produktion sein wird, bei der ich assistieren darf. Die ersten szenischen Proben liegen mittlerweile hinter mir, „Fahr mal wieder U-Bahn“ geht mir nicht mehr aus dem Ohr. Nach fünf Monaten am Theater Dortmund fühle ich mich immer noch pudelwohl – wenn nicht sogar noch besser.
Und dann kommen ja auch schon im Februar die nächsten Vorstellungen von „Wunderland“ im Operntreff.

Laura Mettenbörger

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