„Von rechts der Feind, von links der Feind“

„Von rechts der Feind, von links der Feind“

Als der erste Weltkrieg in Europa ausbrach, war die noch junge Berliner Operette auf einem ersten Höhepunkt angelangt: Zahlreiche Operettenhäuser hatten eröffnet, um das immer noch wachsende Bedürfnis des Publikum nach leichter Unterhaltung zu stillen, die Komponisten komponierten wie am Fließband, und die Einnahmen flossen nicht zu knapp. Der Krieg stoppte diese Industrie nur langsam. Nach einer ersten Schockstarre setzten die Theatermacher geschäftstüchtig auf Kriegsoperetten, in den die üblichen Operettenhandlungen mit Hurra-Patriotismus angereichert wurden – mit großem Erfolg. Titel wie Kálmáns „Gold gab ich für Eisen“ oder Kollos „Immer feste druff“ erfreuten sich in den ersten beiden Kriegsjahren großer Beliebtheit. Kein Wunder also, dass Paul Lincke, einer der Gründungsväter der Berliner Operette, ebenfalls einen Beitrag zu dieser zweifelhaften Gattung beisteuerte.

Sein Lustspiel mit Gesang in 3 Akten „Fräulein Kadett“ basiert auf einem Libretto von Julius Winkelmann und Gesangstexten von Will Steinberg. Das „Hamburger Fremdenblatt“ fasste die Handlung nach der Uraufführung wie folgt zusammen: „Damen hochgestellter belgischer Kreise haben sich in einem Schloss bei Lüttich, das von deutschen Soldaten belegt ist, gegen die Eroberer verschworen. Eine von ihnen gesammelte Million Franken soll in die Hände des belgischen Generalstabs gespielt werden. Unsere Feldgrauen kommen bald dahinter, dass feindliche Pläne gegen sie gesponnen werden. Ein unternehmungslustiger Kadett steckt sich in Frauenkleidung, sucht und findet Eingang in den Kreis der Verschwörerinnen, wird Mitwisser wichtiger militärischer Geheimnisse der Gegner, deckt schließlich die Pläner der Verschwörerinnen auf und spielt die Million in die Hände der Deutschen…“

“Keine patriotische Gelegenheitskomödie”
Die Handlung war zum Zeitpunkt der Uraufführung, am 25. Dezember 1914, bereits anachronistisch: Der Blitzkrieg, der am 4. August mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Belgien begann, war schon Anfang September mit dem Rückzug der Truppen verloren gegangen. Das kümmerte die Autoren jedoch nicht. Sie betonten, dass es sich bei „Fräulein Kadett“ nicht um eine der üblichen Kriegsoperetten handele, sondern um ein Werk sei, das die Zeiten überdauern würde. Auf dem Deckblatt des Librettos stand zu lesen: „Fräulein Kadett ist keine patriotische Gelegenheitskomödie, wie sie das Kriegsjahr dutzendweise hervorgebracht hat, sondern ein wirkungsvolles, musikalisches Lustspiel, welches noch lange Repertoirestück aller Bühnen sein wird, wenn die Stücke oben genannter Gattung längst vergessen sind.“

“Wir müssen siegen!”
Der Textdichter Julius Winkelmann war zugleich Regisseur und Theaterunternehmer. „Fräulein Kadett“ sollte mit dem „Apollo-Theater-Ensemble“ auf Tournee durch ganz Deutschland gehen. Als Uraufführungsort wurde das Dortmunder Olympia-Theater gewählt, das zu dieser Zeit einen weit über das Ruhrgebiet hinaus verbreiteten Ruf als hervorragende Operetten- und Varieteebühne hatte. Es bot 1700 Zuschauern Platz und befand sich am Burgwall in der Nähe des Hauptbahnhofs und des historischen Markts. Die Uraufführung dirigierte Lincke selbst, im Januar zog die Truppe schon weiter nach Bremen. Lincke dirigierte an den folgenden Gastspielorten entweder die erste oder 25ste Aufführung. Geschäftsmann, der Lincke auch war, veröffentlicht er das Terzett „Wir müssen siegen“ unter dem Titel „Patriotisches Lied“ auch als Einzelnummer. Insgeheim hoffte er durch die Komposition derartiger Lieder eine Anwartschaft auf das Eiserne Kreuz. Doch obwohl er des Öfteren mehr oder weniger deutlich darauf hinwies, wurden ihm militärische Ehren nie zuteil. Allerdings zierte sein Slogan „Wir müssen siegen“ zahlreiche Kriegspostkarten.

Von rechts der Feind, von links der Feind,
So drohen uns die Gefahren.
Doch sind wir alle treu vereint
und trotzen kühn den Barbaren.
Wir fürchten nicht die ganze Welt
und ziehen voller Mut ins Feld.
Wir müssen siegen! Wir müssen siegen!
Alle umschlingt uns ein festes Band
einig im Kampfe fürs Vaterland!

So kann sich Dortmund zwar einerseits rühmen, Uraufführungsort einer Operette von Paul Lincke zu sein. Doch leider handelt es sich hierbei nicht nur wegen seines Inhalts um ein höchst fragwürdiges Werk, sondern auch die Qualität der Musik scheint nicht besonders hoch gewesen zu sein. „Sie ist sehr leicht und sehr gefällig, aber bei weitem nicht so originell wie sonst“, stand in der Presse zu lesen.

This article was written by
Wiebke Hetmanek

Sie ist eine der wenigen Dramaturginnen Deutschlands, die sich nicht nur der Oper verschrieben hat, sondern ein spezielles Faible für die so genannte leichte Muse hat: Wiebke Hetmanek nimmt Operette und Musical verdammt ernst – und liebt sie leidenschaftlich. Nach „Funny Girl“ folgt nun mit „Roxy und ihr Wunderteam“ ihre zweite Ausgrabung am Theater Dortmund. Geboren in Kiel, studierte Wiebke Hetmanek Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an den Universitäten Bochum und Köln. Erste Station ihrer beruflichen Laufbahn war die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg, es folgte das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, und seit 2011 die Oper Dortmund. Wiebke Hetmanek ist außerdem die sehr erfolgreiche Autorin der Kinderopern „Der kleine Barbier oder Eine haarige Angelegenheit“, „Kaimakan und Pappatatschi oder Piraten fluchen nicht“ sowie „Ritter Eisenfraß“.

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