Was hat Verdi mit Erdgas zu tun?

Was hat Verdi mit Erdgas zu tun?

Nabucodonosor – so hieß die Oper, die wir heute als Nabucco kennen, bei ihrer Uraufführung im Jahr 1842. Irgendwann muss jemandem aufgefallen sein, dass Theaterstücke, deren Namen der Kunde an der Kasse nur schwer über die Lippen bringt, sich nicht so gut verkaufen wie die mit einem griffigen Titel. Also verkürzte man die Oper zu Nabucco. Das lag nahe, denn Verdi hatte den König im Libretto schon mit diesem Namen versehen – sonst hätte er allein dafür schon bei jeder Namensnennung zwei Takte gebraucht.

Nabucco ist nun nicht nur ein Name, der sich gut aussprechen lässt, sondern ist auch Menschen bekannt, die mit Oper wenig am Hut haben. Das verleitet natürlich dazu, ihn auch anderweitig zu verwenden. Italienische Restaurants, die „Nabucco“ heißen, gibt es in Deutschland und der ganzen Welt zuhauf; ein Designer-Spiegel ist nach dem König benannt, ebenso unzählige Hunde und sogar ein Alpaka. Dass Nabucco aber als Namenspatron einer Erdgas-Pipeline herhalten musste, ist inhaltlich nur schwer zu begründen.
Das Projekt „Nabucco“ wurde 2002 vom österreichischen Öl- und Gas-Konzern OMV angestoßen und sollte die Abhängigkeit Westeuropas von russischen Erdgaslieferungen verringern. Die Pipeline sollte ursprünglich von Georgien über die Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich führen. Die Geschichte dieses gigantischen Projekts, das nach über 10 Jahren Planungszeit und mindestens 50 Millionen Euro Planungskosten im Jahr 2013 beerdigt wurde, ist noch komplizierter als die Story von Verdis Nabucco. Mit dem Unterschied, dass aus der Nabucco-Pipeline im wahrsten Sinn des Wortes ein Rohrkrepierer wurde, was man von Verdis Meisterwerk absolut nicht sagen kann.
Aber warum „Nabucco“? Sicher, die Oper spielt in Gebieten, durch die sich auch die Pipeline gezogen hätte, und Verdi hat mit der für das Opernhaus von Kairo entstandenen Aida lange nach dem Nabucco auch etwas für den Kulturtransfer von Europa in den arabischen Raum getan. Hängt es vielleicht mit Nabuccos Größenwahn zusammen? Da konnte das fast 4000 km lange Pipeline-Projekt allerdings gut mithalten.
Der wahre Grund für den klangvollen Namen war viel simpler. Als sich das Firmen-Konsortium des Großprojekts 2002 zum ersten Mal in Wien versammelte, wollte man auf ein standesgemäßes Abendprogramm nicht verzichten. Die Wahl fiel auf einen Besuch in der Staatsoper, gespielt wurde Nabucco. Am nächsten Tag sprach man sich einstimmig für den Titel der Oper als Namen der Pipeline aus.

Es gibt aber auch wohlschmeckendere Liquide als Flüssiggas, die einen Bezug zu Nebukadnezar haben, wie der babylonische König auf Deutsch heißt. „Nabuchodonosor“, die französische Form seines Namens, bezeichnet eine Weinflasche, die großen Durst zu stillen vermag: Sie fasst 15 Liter, also den Inhalt von 20 Flaschen der gängigen Größe 0,75 l. In privaten Haushalten kommt so etwas eher selten auf den Tisch, deshalb wird sie von Kellereien nur auf Vorbestellung befüllt. Grundsätzlich steht der Nabuchodonosor für alle Weine offen, in der Praxis bekommt aber nur der berühmteste Wein, der Champagner, die Ehre eines solchen Gefäßes. Und warum gerade Nebukadnezar? Keine Ahnung. Die meisten Champagnerflaschen in Sondergrößen tragen alttestamentarische Namen, bis hinauf zur 30-Liter-Flasche Melchisedech. Man sollte schon ein paar Freunde einladen, um dieses Ungetüm leer zu trinken – von Problemen beim Einschenken ganz zu schweigen. Aber hat man den Schampus dann mal im Glas, kann man anstoßen und eine gute CD einlegen. Vielleicht Nabucco?

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Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

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