10 Dinge, die ihr über LINIE 1 wissen solltet

Dortmund – Hauptbahnhof
Steht man am Dortmunder Hauptbahnhof, steigt in die Linie 1 / die S1 landet man über Bochum, Essen, Mühlheim, Duisburg und Düsseldorf in Solingen. Fahrradbeförderung gibt es ganztägig, P+R-Parkplätze an vielen Stationen, merkwürdige Fahrgäste vielleicht, Musik eher nicht. Fahrtzeit: knapp zwei Stunden

Dortmund – Junge Oper
Steigt man in der Jungen Oper in die „Linie 1“ landet man für gut 100 Minuten im Berlin der 80-er Jahre. Angekommen am Bahnhof Zoo, geht es vom Wittenbergplatz mit der U1, der ältesten U-Bahnstrecke Berlins, neun Kilometer quer durch die Stadt von West nach Ost bis nach Kreuzberg. Auf dieser Fahrt trifft man all die Typen und ihre Geschichten, die so oder ähnlich auch den Bahnsteig in Dortmund bevölkern, nur dass sie Berliner Flair haben: Buletten-Trude sorgt für die warme Mahlzeit am Imbiss-Stand, Kontrolleure für Ordnung und den Fahrausweis in der U-Bahn, Straßensänger geben ihre Songs zum Besten, eine Lady mit Geld lässt ihren Frust raus, Mädels schwänzen die Schule oder sind auf der Suche nach einer Lehrstelle oder geben das Leben gleich ganz auf. Und mittendrin ein Mädchen – nennen wir es Sunny oder Natalie – auf der Suche nach ihrem Traumtypen, Johnnie, dem Rocksänger, aber erst mal ist da nur Bambi zum Glück.

„Linie 1“ – Grips-Theater
1986, vor über 30 Jahren begründete das Musical „Linie1“ den Kultstatus des Berliner Kinder- und Jugendtheaters „Grips“. Mehr als 1800 Aufführungen des Stücks sind bisher allein in Berlin gespielt worden. Der Erfolg stellte sich erst zögerlich ein, doch nachdem die ersten Theater „Linie 1“ nachspielten, löste das Musical auch im Ausland eine wahre Begeisterungswelle aus. Und das, was so berlinerisch daherkam, funktionierte ebenso in Amsterdam, Dublin, Kalkutta, London, Paris, Seoul, Vilnius, New York oder Wien. Es wurde zum meistgespielten Theaterstück seiner Zeit, die Autoren Volker Ludwig und Birger Heymann erhielten den Mühlheimer Dramatikerpreis, mehr als drei Millionen Zuschauer erlebten die Aufführungen weltweit.

„Linie 1“ – Stationen
Wittenbergplatz – Nollendorfplatz – Kurfürstenstraße – Gleisdreieck – Möckernbrücke – Hallesche Tor – Prinzenstraße – Kottbusser Tor – Görlitzer Bahnhof – Schlesisches Tor. Eines der größten Komplimente für einen Komponisten ist, dass er auch in der Lage sei, das Telefonbuch zu vertonen – in diesem Fall ist es mit dem BVG-Fahrplan gelungen.

„Linie 1“ – German Songbook
Schon zwei Jahre nach der Uraufführung entstand die erfolgreiche gleichnamige Verfilmung, größtenteils mit den Schauspielern des Grips-Theaters. Der Song „Hey du / Du bist schön, auch wenn du weinst“ machte eine eigene Karriere: er wurde von den Beatsteaks und dem Berliner Rapper Sido gecovert. 2015 entstand in Lübeck die erste Adaption für das Kobalt Figurentheater. Und auch in den Schulen hielt „Linie 1“ Einzug. Viele Schultheatergruppen spielten das Musical, einige bereits in der zweiten Generation. Nun kann sich auch der Opernclub „Tortugas“ in diese Liste einreihen zusammen mit der Band „Orange Groove“ der Musikschule Dortmund.

22 Darsteller – 60 Rollen
Auf dem Bahnsteig und in den U-Bahnwaggons treffen Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten zusammen, die alle eines gemeinsam haben: „Sie werden um ihr Leben beschissen, und zwar von den Leuten, die du nie in der U-Bahn triffst“, sagt der Junge im Mantel. Alle Figuren tragen ihre „Tüte“ Leben mit sich herum, bei einigen, die auf dem Bahnhof gestrandet sind, passt wortwörtlich das ganze Leben in eine große Plastiktüte. Manche verzweifeln und können es nicht weiter leben, andere hat das Leben enttäuscht und verbittert und bösartig gemacht: „Was nach uns kommt ist Schiete, denn wir sind die Elite!“. Aber dann gibt es auch Typen wie Bambi, der alles daran setzt, den Traumprinzen für das Mädchen Sunny ausfindig zu machen, weil sie ihn „mitten in die Pumpe getroffen“ hat oder den Rentner Herrmann, der „dem Sozialamt getrotzt und dem Klassenfeind noch einmal in die Fresse gerotzt!“ hat. Es ist herrlich zu leben in Berlin!
Um dieses Gefühl selbst einmal hautnah zu erleben, machte der Opernclub im Februar einen „Rechercheausflug“ nach Berlin, stieg in die Linie 1 und besuchte die Vorstellung im Grips-Theater.
Alle Mitglieder des Opernclubs schlüpfen in mehrere Rollen, in immer neue Geschichten und immer neue Kostüme. Schnelle Szenenfolgen und rasante Umzüge lassen nie Langeweile aufkommen. Ein Fest für jeden Spieler.

Musik – Orange Groove
Birger Heymann war Chefkomponist des Grips Theaters und schuf u.a. Kinderlieder, die eine ganze Generation prägten („Wir werden immer größer, jeden Tag ein Stück“), aber auch Ohrwürmer für jedes Alter, darunter so bekannte Songs aus „Linie 1“ wie „Hey du“, „Die Wilmersdorfer Witwen“ oder „Es ist herrlich zu leben in Berlin“, mal sentimental, mal bös ironisch.
In der Jungen Oper wird seine Musik von der Band Orange Groove der Musikschule Dortmund interpretiert. Damit kam es zu einer ersten intensiven Zusammenarbeit zwischen der Musikschule und der Jungen Oper. Eine Kooperation, die in die Zukunft weist.

Opernclub, Abbild der Stadtgesellschaft
Als vor nun fast 10 Jahren die Junge Oper eröffnet wurde, war die erste Produktion mit Laien ein TanzTheaterProjekt mit vier Generationen: „Frühzünder und Spätblüher“ mit der Musik „Vier Jahreszeiten“ von Vivaldi. Nach vielen Produktionen mit Kindern und Jugendlichen, sind in „Linie 1“ wieder alle Generationen, „alte Hasen“ und „Newcomer“ mit am Start: altersmäßig bewegt sich das zwischen 11 und 50+. Einige Akteure sind seit fast 10 Jahren dabei, andere machen ihre erste Erfahrung mit dem Opernclub. Kollegen und Kolleginnen aus dem Opernensemble wirken bei den „Tortugas“ zum wiederholten Mal als „treue Gäste“ mit.

„Linie 1“ – Gestern und heute
Volker Ludwig wollte nie, dass seine „Linie 1“ als Sozialdrama gesehen wird, sondern als ein Panoptikum der Großstadtgesellschaft. Hier sind Arbeitslosigkeit, Drogen, Fremdenfeindlichkeit, Obdachlosigkeit, Prostitution, Einsamkeit und die Hoffnung auf ein kleines bisschen Glück immer ein Thema: vor dreißig Jahren wie heute.

„Linie 1“ – Zitatenschatz
„Fahr mal wieder U-Bahn!“
„Zurückbleiben und Warten!“
„Liebe heißt in Wirklichkeit: Schrankwand, Wüstenrot, Rentenbescheid.“
„Du bist schön, auch wenn du weinst.“

Mut zum Träumen
Von einem Leben, das brennt
Mut zum Träumen
Von dir wie dich keiner kennt
Mut zum Träumen
Von einer Zukunft ohne Krieg
Mut zum Träumen
Damit die Liebe siegt.

This article was written by

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.