Typen, die es an jedem Bahnhof gibt

Typen, die es an jedem Bahnhof gibt

Seit 10 Jahren arbeitet er mit dem Opernclub Tortugas, nun wagt er sich mit den Jugendlichen an die bisher schwierigste Aufgabe. Regisseur Alexander Becker inszeniert das Kult-Stück LINIE 1 für die Junge Oper – ein Interview.

Was sind die besonderen Qualitäten von LINIE 1?
LINIE 1 spielt in den kultverdächtigen 80er Jahren im Berlin vor dem Mauerfall – das hat heute natürlich einen besonderen Charme, weil die 80er wieder in sind, die Mode und auch die Musik mit Nena, Bonnie Tyler und vielen anderen. Was ich an LINIE 1 aber am großartigsten finde, sind die Charaktere. Es stehen viele Figuren auf der Bühne, die man als Zuschauer gerne kennen lernen möchte. Irgendwie sind das alles gestrandete und oft traurige Figuren, die einen Haken in ihrem Leben haben, die aber das Beste daraus machen. Wir wollen den Charakteren mehr Tiefe geben! Wir waren gemeinsam in Berlin und haben uns die berühmte Uraufführungs-Inszenierung angeschaut. Klar machen die das toll, aber sie haben 1600 Vorstellungen hinter sich, da schleicht sich auch Routine ein. Und die Schauspieler sind älter geworden. Wir haben eine Idealbesetzung, weil wir die verschiedenen Generationen auf die Bühne holen können. Es gibt in diesem Stück Figuren, mit denen sich Menschen in jedem Alter identifizieren können.

LINIE 1 ist ein Berliner Kult-Musical. Funktioniert das in Dortmund?
Stimmt, der Berlin-Bezug ist sehr, sehr deutlich, aber letztlich kann das Stück in jeder Stadt und an jedem Bahnhof spielen. Wir hatten mal die Idee, die Handlung auf Dortmund zu übertragen, was der Verlag nicht erlaubt hat. Das ist aber gar nicht nötig. Der Charme funktioniert überall, weil es allgemein um Menschen geht und um Typen, die es an jedem Bahnhof gibt.

Wer ist auf der Bühne dabei?
Wir haben insgesamt 21 Solisten: die Tortugas natürlich, drei Gäste aus Münster in kleineren Rollen, Johanna Schoppa und Georg Kirketerp aus dem Opernchor, drei Jungs aus der Musikschule, Solisten aus Iserlohn und noch einige mehr… Der Reiz liegt darin, dass Profis, Halb-Profis und Amateure miteinander spielen und alle ihre Stärken dazugeben. Die 5-köpfige Band kommt von der Dortmunder Musikschule, hier wechseln sich in den Vorstellungen 13 Musiker ab, die sich unter der Leitung von Rüdiger Albers zusammengefunden haben und wirklich eine tolle Arbeit machen.

Du hast über viele Jahre mit dem Opernclub Tortugas gearbeitet. Welche Entwicklung siehst du?
Mit jedem Projekt sind Anspruch und Qualität gewachsen! Große Projekte wie BEETHOVEN’S LAST NIGHT in der letzten Spielzeit oder jetzt LINIE 1 kann man nur mit echten Talenten machen. Die Jugendlichen trauen sich was, sie haben viel Text und gehen auf eine große Bühne. Die Verbundenheit mit den älteren und professionellen Kollegen hilft natürlich enorm. Ich würde fast sagen, musikalisch sind wir besser als die Berliner…

Also eine aufwendige Produktion!
Das kann man wohl sagen. Es sind 21 Menschen auf der Bühne, und jede und jeder spielt mindestens fünf verschiedene Figuren. Alleine die Umzüge sind eine echte Herausforderung… Durch die vielen Dialoge ist das Stück schwieriger als die rein musikalischen Unternehmungen in den letzten Jahren. Dafür braucht es viel Energie und eine gute Vorbereitung. Aber mit dem vollen Einsatz von allen sind wir zu einer großartigen Premiere gekommen.

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Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

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