Wo ist Gott in der Geschichte?

Wo ist Gott in der Geschichte?

Kanzelrede zu „Nabucco“ in St. Reinoldi am 18. März 2018

Der Text, mit dessen Hilfe ich heute über Verdis „Nabucco“ sprechen möchte, steht beim Propheten Daniel im 2. Kapitel, die Verse 31-35. Daniel steht vor Nebukadnezar, dem mächtigsten Mann seiner Zeit, und deutet dem König einen Traum:

31 Du, König, schautest, und siehe, ein sehr großes und hohes und hell glänzendes Bild stand vor dir, das war schrecklich anzusehen.
32 Das Haupt dieses Bildes war von feinem Gold, seine Brust und seine Arme waren von Silber, sein Bauch und seine Lenden waren von Bronze,
33 seine Schenkel waren von Eisen, seine Füße waren teils von Eisen und teils von Ton.
34 Das schautest du, bis ein Stein herunterkam, ohne Zutun von Menschenhänden; der traf das Bild an seinen Füßen, die von Eisen und Ton waren, und zermalmte sie.
35 Da wurden miteinander zermalmt Eisen, Ton, Bronze, Silber und Gold und wurden wie Spreu auf der Sommertenne, und der Wind verwehte sie, dass man sie nirgends mehr finden konnte. Der Stein aber, der das Bild zerschlug, wurde zu einem großen Berg und füllte die ganze Welt.

Daniels Bild vom gewaltigen Monster, das auf tönernen Füßen steht, hat sich tief in unseren Sprachgebrauch eingeprägt. Es ist zugleich tröstlich und Furcht einflößend. Tröstlich, weil es uns den Rat gibt: Wenn du vor einer Macht stehst, die viel größer und stärker ist als du, schau dir ihre Füße, ihre Fundamente an, und du wirst sehen, dass sie schwach sind und keineswegs so fest stehen, wie es den Anschein hat. Auf der anderen Seite macht das Bild Angst, denn der Stein, der das Bild zermalmt, begräbt vieles unter sich. Eine große Macht verschwindet nicht einfach so von der Bildfläche, sie reißt vieles und viele mit in ihren Abgrund.
Es ist mutig von Daniel, einem Gewaltherrscher ins Gesicht zu sagen, dass seine Macht auf tönernen Füßen steht und dass sie vergehen muss. Das Bild beschreibt auch sehr gut die Situation des Königs Nabucco, als der uns Nebukadnezar in Verdis Oper entgegen tritt. Im 6. Jahrhundert vor Christus beherrscht er große Teile der ihm bekannten Welt, aber es wird von allen Seiten an seinem Thron gesägt. Er hat die Israeliten gefangen gesetzt, weil sie sich ihm in den Weg gestellt und seine Lieblingstochter Fenena zu ihrem Glauben bekehrt haben. Sie sind schwach, deshalb muss er sie eigentlich nicht fürchten. Aber ihr Widerstand und vor allem ihr Gottvertrauen lassen seine Macht jämmerlich wirken. Auch bei seinem eigenen Volk, den Babyloniern, wächst die Unzufriedenheit mit Nabucco, weil er sich nicht für den religiösen Kult des Gottes Baal interessiert. Dessen Oberpriester will Nabucco mithilfe seiner Gotteskrieger wegputschen. Nabucco zieht aus dieser Lage einen Schluss: Der Gott der Israeliten ist schwach, weil er ihnen nicht helfen kann. Der Gott Baal ist ein Verräter, der seine Landsleute dazu aufruft, sich gegen ihren König zu stellen. Es gibt diese beiden Götter nicht. Also erklärt sich Nabucco selbst zum Gott. Was die Oper als einen Anfall von Wahnsinn darstellt, ist vielmehr eine konsequente Betrachtung der Realität: Wer Gewalt über Menschen hat, der ist Gott.

Von hier aus haben wir begonnen, darüber nachzudenken, wie man die Oper Nabucco auf die Bühne bringen kann. Dramaturgisch betrachtet, ist Nabucco, ehrlich gesagt, ein ziemlich misslungenes Stück. Es wimmelt von Zufällen und Unwahrscheinlichkeiten, die Handlung läuft chaotisch und unglaubwürdig. Aber es geht um Figuren, die man verstehen kann, weil sie lieben, gekränkt werden und hassen, weil sie darum kämpfen, das Leben zu führen, das sie sich wünschen und das sie für richtig halten. Und es geht um große Fragen. Die schwierigste von ihnen lautet: Wo ist Gott in der Geschichte?
In Nabucco sehen wir Gott nicht und hören ihn nicht sprechen. Wir sehen und hören Menschen, die behaupten, sie wüssten, was er uns sagen will. Auf jüdischer Seite ist das der Hohepriester Zaccaria, der die gefangenen Israeliten immer wieder zum Durchhalten auffordert und ihnen verspricht, dass sehr bald Gottes Hilfe eintreffen wird. Bei den Babyloniern ist es der Oberpriester des Baal, der im Namen seines Gottes die Macht übernehmen will. Wir sehen also etwas, das in der Geschichte der Menschheit so furchtbar oft passiert ist und immer noch passiert: Jemand behauptet, im Namen Gottes zu handeln und deshalb im Besitz der Wahrheit zu sein. Aber letztlich ist das die Selbstvergottung des Menschen, hinter der fast nie etwas anderes steht als handfeste egoistische Interessen. Eine Chance hat das nur, wenn man sich Gott vorstellt wie im Kinderglauben: Wenn du brav bist und betest, erfüllt dir Gott deine Wünsche und beschützt dich. Wenn du etwas tust, was ihm nicht passt, wird er dich auf irgendeine Weise bestrafen. Das Alte Testament beschreibt den Weg des Volkes Israel vom Glauben an einen Kinderglauben-Wunscherfüller-Gott hin zu einem erwachsenen Verhältnis zu Gott. Der Prophet Jeremia, aus dessen Buch ein großer Teil der Geschichte um Nebukadnezar und die Gefangenschaft der Hebräer stammt, steht für dieses Erwachsenwerden des Glaubens. Er verspricht nicht, wie Zaccaria in der Oper, dass bald alles besser wird, sondern er gibt zu, dass die verzweifelte Lage lange dauern kann, drei Generationen möglicherweise, bevor Israel wieder in der Heimat ist und Babylon in Trümmern liegt. Aber Jeremia sagt an einer anderen Stelle auch die berühmten Worte: „Wo ihr mich mit ganzem Herzen sucht, da will ich mich finden lassen, spricht unser Gott.“ Von den Israeliten in Nabucco lässt er sich nicht finden. Im berühmten Gefangenenchor beschwören sie die Sehnsucht nach ihrem verlorenen Kinderglauben-Heimatland. Aber das werden sie nicht mehr sehen.

Aber noch mal: Wo ist Gott in der Geschichte? Verdi und sein Librettist Solera haben ihn auf brachiale Weise in die Oper eingeführt, als Blitz, der zweimal in Nabucco einschlägt und ihm den Verstand nimmt; wenn er sich dann an den Gott der Juden wendet, kriegt er ihn wieder zurück. Also auch hier der gute, alte Wunscherfüller-Gott. Weil wir an den nicht glauben, nimmt die Oper bei uns die furchtbare Wendung, die sie nehmen muss, wenn man die Geschichte ernst nimmt: Die Israeliten werden getötet, Nabucco stirbt, die Fundamentalisten übernehmen die Macht. Das glückliche Ende, das Verdi der Oper angeklebt hat, weil das zu seiner Zeit so sein musste, ist nur der Traum des sterbenden Nabucco von Verständigung, Liebe und Glück. Die Oper Nabucco zeigt uns eine bittere Logik: Wer für eine Idee lebt, aber keine Macht hat, sie zu verteidigen – das sind die Israeliten –, der muss untergehen. Wer die Macht hat, sie aber nicht mit einer Idee füllen kann – das ist Nabucco –, der steht auf den tönernen Füßen der Gewalt und wird zermalmt werden. Wer eine Idee hat und für sie rücksichtslos Gewalt anwendet – das sind die Fundamentalisten –, der ist am gefährlichsten.
In der Geschichte der Oper Nabucco haben wir Gott nicht gefunden. In der Weltgeschichte, deren Teil wir sind, drängt er sich auch nicht auf. Viele der verantwortungslosen Männer und Frauen, die zurzeit an der Spitze wichtiger Staaten stehen, führen Gott laut im Mund, dabei ist es zu offensichtlich, dass sie damit nur ihre eigennützigen Interessen schönreden. Moderne Zaccarias erklären uns, es sei alles nicht so schlimm und werde schon gut, wenn wir nur still halten. Aber wir sollten auf die Jeremias in dieser Welt hören, die uns sagen: Es kann besser werden, aber ihr müsst etwas dafür tun. Entwickelt eine Idee zu eurem Leben, gebt ihm einen Sinn und lasst euch nicht von der Gewalt beeindrucken, die auf tönernen Füßen steht. Das hört sich einfach an und ist furchtbar schwer. Aber das ist die Aufgabe.

This article was written by
Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

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