Und tschüss!  10 Dinge, die Sie schon immer über die Dramaturgie wissen wollten

Und tschüss! 10 Dinge, die Sie schon immer über die Dramaturgie wissen wollten

Am 15. Juni findet die große Abschluss-Gala Addio Dortmund statt – danach ist auch die Arbeit der aktuellen Operndramaturgie getan. Wiebke Hetmanek und Georg Holzer verabschieden sich Richtung Nürnberg. Im Opernblog lassen sie einige Phänomene und Gegenstände Revue passieren, die den dramaturgischen Alltag der letzten Jahre geprägt haben.

Tapete und Teppich
Laut einer im Theater mündlich überlieferten Legende wurde die Wandtapete im ansprechenden 70er-Jahre-Bildschirm-Design eigenhändig von Klaus Angermann geklebt, der bis 2010 Chefdramaturg der Dortmunder Oper war. Was klar beweist, dass Dramaturgen nicht zwangsläufig so unpraktisch sein müssen, wie man es ihnen gemeinhin nachsagt. Sehr viel älter ist sicher der im Dramaturgiebüro verlegte grünliche Teppichboden, von dem es kein Foto gibt, weil solche Bilder die Bevölkerung verunsichern könnten.

Schreibtische
In sehr unterschiedlichem Zustand präsentieren sich die Schreibtische der Dramaturgen. Obwohl sie beide gut strukturierte und detailverliebte Menschen sind, wie es sich in diesem Beruf gehört, ist der Schreibtisch des Chefdramaturgen eine Katastrophe. Täglich türmt sich dort immer noch mehr Papier, gelegentliche Aufräum-Attacken (meist dann, wenn etwas Bestimmtes gesucht wird) sorgen nur für kurzfristige Linderung. Der Tisch seiner Kollegin hingegen ist geometrisch klar gegliedert und vollkommen übersichtlich.

Bleistifte und Papier
Die Bemühungen der Dramaturgen um einen nachhaltigen Gebrauch von Ressourcen sind im Kollegenkreis eine Zielscheibe des Spottes und manchmal auch Grund für Unmut, wenn sich mal wieder wichtige Texte und Notizen auf den Rückseiten von Notenblättern oder Manuskripten befinden. Fehldrucke, wie sie im Theaterbetrieb recht häufig vorkommen, wandern sofort in die Dramaturgie und werden dort als Schmierpapier benutzt. Dass diese vorbildliche Praxis nicht überall geschätzt wird, stößt bei den Dramaturgen auf Unverständnis. Ebenso wie dumme Sprüche über 1 cm lange Bleistifte, die mithilfe von Stiftverlängerern so lange benutzt werden, bis wirklich gar nichts mehr geht. Der ökologische Fußabdruck der Operndramaturgie dürfte jedenfalls nicht größer sein als eine Mäusepfote.

Der Drucker
Beim Einzug der Dramaturgie im Jahr 2011 wurde dem im Büro befindlichen, schon sehr alten Drucker von der EDV-Abteilung nur noch ein kurzes Dasein prophezeit. Sieben Jahre später funktioniert er immer noch und ist für die Dramaturgen eine Art „Brother“ geworden, so lautet auch seine Modellbezeichnung. Wobei man zugeben muss, dass er über die Jahre immer schrulliger wurde und inzwischen so viele sonderbare Eigenheiten hat, dass sich die Nachfolgerinnen vermutlich nicht mehr an ihn gewöhnen wollen. Überlebt hat dieser Methusalem unter den Druckern durch herzliche Zuwendung, Solidarität, die sensible Beseitigung der häufigen Papierstaus und das gelegentliche liebevolle Schwenken der Tintenpatrone. (s.u.)

Premierengeschenke
Von den Dramaturgen gibt es außer dem druckfrischen Programmheft keine Premierengeschenke für die Sängerinnen und Sänger; umgekehrt kriegen sie trotzdem manchmal welche. Süßigkeiten werden in der Regel sofort verputzt, während Spirituosen und Sekt auf einem Regal gesammelt werden. In der Mitte der kleinen Fläschchen befindet sich übrigens Tangolita, ein Premierengeschenk anlässlich der „Blume von Hawaii“. Der klickende Hüftschwung der unermüdlichen, weil mit Solarenergie betriebenen kleinen Tänzerin hat am Anfang wahnsinnig genervt, aber irgendwann hört man es kaum noch. Und der Anblick dieser immer gut gelaunten Figur hat auch etwas Meditatives.

Bier
Das Bier ist ein traditionelles dramaturgisches Lieblingsgetränk: Nichts hilft so gut gegen die Mundtrockenheit nach einem Einführungsvortrag. Es gibt jedoch aus Gründen der Herkunft große Geschmacksunterschiede zwischen Wiebke (Kiel) und Georg (München). Während Wiebke im Ruhrgebiet Stauder aus Essen bevorzugt, sind Georgs Lieblingsmarken aus der Region Fiege Gründer aus Bochum und Bergmann Spezial aus Dortmund. Wegen der leichten Verfügbarkeit bleibt es am Ende aber doch meistens bei der grünen Brinkhoffs-Flasche, die eigentlich niemandem wirklich schmeckt, aber eben auch nicht das Gegenteil.

Fußball
Ein Hort des Fußball-Sachverstands ist die Dramaturgie nicht gerade. Das liegt vor allem an der totalen Fußball-Muffeligkeit des Chefdramaturgen, der sich auch in sieben Jahren nicht an die Fußballbegeisterung im Ruhrgebiet gewöhnen konnte. Während er versucht, den Fußball so gut wie möglich zu ignorieren, hat seine Kollegin ein viel schlimmeres geheimes Laster: Aus ihrer Zeit als Dramaturgin am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen ist ihr eine innige Zuneigung zu Schalke 04 geblieben, die sie aber aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich auslebt.

Der Kalender
Es begann mit einem Weihnachtsgeschenk von Bodo Harenberg vor etwa 4 Jahren: Er stiftete der Dramaturgie einen Abreißkalender mit naturwissenschaftlichen Themen und Phänomenen. Daraus hat sich ein tägliches Ritual entwickelt, der Vortrag des Kalendertextes durch den Chefdramaturgen und eine anschließende kurze Diskussion über das Gehörte. Nach zwei Jahren Naturwissenschaft und einem Jahr mit deutscher Geschichte sind die Dramaturgen inzwischen bei einem philosophischen Kalender gelandet. Weiterbildung auch auf fachfremden Gebieten wird in der Dramaturgie jedenfalls großgeschrieben.
(s.o.)

Ohrwürmer und Zitate
Nicht nur auf der Bühne und in den Proberäumen, auch in der Dramaturgie wird gerne und viel gesungen. Das Repertoire speist sich meist unmittelbar aus den Produktionen. Besonders ohrwurmreich sind Operetten; so waren die beliebtesten Dramaturgen-Hits der letzten Jahre das „Diwanpüppchen“ und „Ein Paradies am Meeresstrand“ aus der Blume von Hawaii (mit dem legendären Reim „Mango-Baum“ auf „Tango-Traum“), „Es hat sich immer schon bewährt“ aus Roxy und ihr Wunderteam, der Titelsong aus Sunset Boulevard und sogar der Beginn des Rosenkavalier-Terzetts. Auch Zitate aus Stücken fließen gerne bei passender Gelegenheit ein, etwa „Ich bin doch nicht bescheuert! Mixed Pickles unten raus!“ aus Roxy oder „So sieht das aus“ aus Hairspray.

Der 10. Punkt
Das Opernblog-Format „10 Dinge, die Sie über xyz wissen sollten“ war die vielleicht populärste Erfindung der Dramaturgie in den letzten Jahren, deshalb waren wir darauf auch ziemlich stolz und haben diese Kolumne mit Hingabe gepflegt. Manchmal kamen die 10 Dinge fast von alleine zusammen, manchmal ging uns aber auch nach Punkt 9 die Luft aus, sodass nur mit vereintem, intensivem Nachdenken ein letztes Ding gefunden werden konnte. In Erinnerung an solche Fälle schenken wir uns hier zum Abschied das zehnte Ding. Und tschüss! War schön mit euch!

This article was written by
Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

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