Haben oder sein?

Haben oder sein?

Manchmal gibt es besondere, fast magische Probenmomente. In einer Szene gehen 55 DarstellerInnen langsam auf der Bühne in alle möglichen Richtungen. Gleichzeitig stürmt eine Gruppe in die Menge und bringt Gerätschaften und schwere Säcke. Im nächsten Moment ist die Bühne fast leer. Nur vereinzelt sehen wir Figuren in ihren Wohnungen. In ihrem privaten Raum beschäftigen sie sich. Zum Beispiel gießen sie ihre Blumen, schneiden ihre Nägel, weinen oder lachen, putzen oder denken nach. Auf der Straße vor den Wohnungen, im öffentlichen Raum, herrscht unterschiedliche Geschäftigkeit. Wir sehen Leute, die Handzettel verteilen oder mit Kopfhörern Musik hören. Eröffnet wird das Stück mit einem Stimmengewirr, das in einen fulminanten Chorgesang übergeht, um dann in eine Stille zu wechseln. Die Stadtgesellschaft schläft, wir hören das Atmen eines Akkordeons, gefolgt von einer orchestralen Traummusik zu der eine einzige Darstellerin ein Fahrrad quer über die Bühne trägt. Unbemerkt wird sie von einer Frau, die nicht schlafen kann, beobachtet, die diesen Moment etwas später besingt mit den Worten, dass es auch mal ganz entspannend sein kann nichts mitzukriegen. Für die Proben haben wir noch kein Fahrrad, also simulieren wir es mit einem Stuhl. Das ist eine normale Probensituation. Noch proben wir viel mit Imagination oder sogenannten Stellvertretern. Ein Pappkarton dient uns als Schaufensterpuppenarm oder ein Schal als Absperrband für die Baustelle. Später werden wir das Geübte auf die Opernbühne übertragen und immer mehr unsere realen Requisiten zur Hand haben. Dieser Transfer ist sensibler Moment, denn plötzlich kann viel Vertrautes und Gelerntes fremd erscheinen. Die Wege sind länger und die echten Gegenstände schwerer oder leichter. Für die DarstellerInnen bedeutet das, sich immer wieder neu auf Veränderung einstellen zu müssen. Das ist manchmal fordernd und aber auch genau das, warum Theaterarbeit nie langweilig oder zur Routine wird. Jede Probe und jeder Auftritt lebt von der Hingabe zum Augenblick. In den Proben erforschen wir den Puls des Stückes. Musiktheater braucht die Gestaltung von Zeit. Der rote Faden der dramatischen Erzählung, unsere Hauptschlagader, fließt rhythmisch.

Das Orchester der Bürgeroper bei den Proben.

Günfer Cölgecen im Interview mit der Sängerin Farina Görma Es ist ein bisschen wie zusammen einen Christbaum zu schmücken.

Was hörst du gerne für Musik?
Ich höre Gospel, Jazz, New Jazz… aber eigentlich alles. Ich liebe einfach jede Musik und mag es immer wieder etwas Neues auszuprobieren. Lieder aus aller Welt begeistern mich immer wieder. Das ist etwas für das Herz.


Was sind die ersten drei Wörter, die dir spontan in den Kopf kommen, wenn du das Wort „Oper“ hörst?
Kreativität, hohe Töne, ein Schmaus für Herz und Auge.


Was sind die ersten drei Wörter, die dir spontan in den Kopf kommen, wenn du das Wort „Bürgeroper“ hörst?
Engagement, Vielfältigkeit und Experimente mit allen Sinnen.

Bei den Musikrichtungen, die du aufgezählt hast, ist klassische Musik nicht dabei. Wie schätzt du dein Verhältnis zu klassischer Musik ein?
Dadurch, dass ich schon immer gesungen und Schauspiel gemacht habe, habe ich meine Fühler überall hin ausgestreckt. Und somit auch in Richtung Klassik. Mich interessiert wie gesagt eigentlich alles. Dabei konzentriere ich mich nicht nur auf eurozentrierte Musik, sondern schaue rund um den Globus, welche Musik gab es wo und in welcher Epoche.

Der Ansatz der Bürgeroper Dortmund ist ein interkultureller. Wie interkulturell erlebst du die Gruppe?
Wie auch in anderen Gruppen, so spielt es auch in dieser eine Rolle wer aus welcher Ecke kommt, sei es musikalisch oder kulturell. Es gab auch schon Situationen in denen jemand einer anderen Person gegenüber gesagt hat: „Das musst du aber kennen, das kennt jeder.“ Aber das ist nicht die Realität. Das ist vielleicht die Realität von einer Gruppe in einem bestimmten Kontext, aber andere Menschen, die wo anders groß geworden sind, kennen andere Lieder und haben ein anderes Wissen. Diese unterschiedlichen Wissensschätze zusammenzubringen ist die große Herausforderung dieses Projekts. Und auch das tolle. Es geht darum diese sichtbar zu machen.

Wenn dich jemand aus deinem Bekanntenkreis fragen würde „Was machst du da eigentlich bei diesem Bürgeroper-Projekt?“, was würdest du dieser Person antworten?
Als erstes würde ich sagen: „Komm doch vorbei und versuch es auch!“. Ich denke, dass das Projekt eine große Herausforderung ist. Es ist total dran an dieser Zeit. Ich würde mir wünschen, dass sich noch viel mehr Menschen trauen daran teilzunehmen. Egal welches Gender, egal ob alt oder jung, ob Migrationshintergrund, Fluchtgeschichte, was auch immer. Egal wer zusammen kommt, es ist toll etwas gemeinsam zu erschaffen. Dabei entsteht immer etwas und das ist klasse.

Wie schätzt du den aktuellen Probenstand ein? Wo steht die Gruppe gerade?Es ist einfach toll. Man kann auf allen Levels kreativ sein, ohne dass Perfektionismus gefragt ist. Ich habe das Gefühl, dass jeder, egal wo er steht, sich künstlerisch einbringen und etwas beisteuern kann. Es ist ein bisschen wie zusammen einen Christbaum zu schmücken.

Welches war in der bisherigen Probezeit dein Lieblingsmoment?
Meine Lieblingsmomente sind die, in denen man richtig kreativ sein kann. Zum Beispiel wenn man eine kleine Vorgabe bekommt und man ganz spontan etwas singen oder spielen soll. Das ist ein situativer Ansatz, ähnlich wie im Kindergarten. Das macht richtig Spaß. Ich schätze an diesem Projekt sehr, dass jeder mitgenommen wird, egal welche Beeinträchtigung vorhanden ist. Jeder hat eine Idee und somit etwas hinzuzufügen.

Fotos: Sigrid Kreische

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