„Ich könnte mir nicht vorstellen, nur für Erwachsene zu spielen. Da würde mir echt etwas fehlen.“

„Ich könnte mir nicht vorstellen, nur für Erwachsene zu spielen. Da würde mir echt etwas fehlen.“

Interview mit Annika Boos (Gesang) und Karin Nakayama (Violine), den Darstellern der mobilen Opernproduktion Nils Karlsson Däumling.  Die Oper ist für Kinder ab 4 Jahren konzipiert und im Rahmen der Kooperation Junge Opern Rhein-Ruhr entstanden. Die Geschichte von Astrid Lindgren wurde von dem Komponisten Thierry Tidrow komponiert, basierend auf einem Text von Manfred Weiß. Regie führte Anselm Dalfert. Das Stück ist im April und Mai in Kindergärten Dortmunds zu erleben und zweimal in der Jungen Oper.

Nils Karlsson Däumling erzählt die Geschichte von Bertil, einem kleinen einsamen Jungen, der einen Freund findet, nämlich Nisse, den Däumling. Kanntet ihr die Geschichte schon vorher? Und wie waren die ersten Eindrücke dieser Geschichte als klar war, dass ihr an der Entstehung dieser Oper mitwirken würdet?

Annika: Ich hatte die Geschichte als Kind vorgelesen bekommen, kannte sie also schon, konnte mich zu Beginn der Probenzeit aber nicht mehr so richtig daran erinnern.

Karin: Ich kannte sie vorher gar nicht, fand es aber sofort eine schöne Geschichte.

Annika: Ich auch. Ich mag Astrid Lindgren sowieso sehr gerne und war wahrscheinlich schon etwas voreingenommen, weil ich mir dachte: „Eine Geschichte von ihr muss toll sein.“ Ungewöhnlich war der etwas heftige Anfang: In der Ursprungsgeschichte ist Bertils Schwester gerade gestorben, weshalb Bertil alleine ist. Das hat mich etwas überrascht in einer Kindergeschichte.

Karin: Das fanden wir etwas schwierig zu erzählen, wenn wir in Kindergärten unterwegs sind.

Annika: Deshalb haben wir uns auch entschieden, das wegzulassen. Auch, weil es für die Einsamkeit Bertils nicht notwendig ist. Sie hat nur in der Ursprungsgeschichte eine andere Dringlichkeit.  

„Entschieden“. Das heißt, ihr wart an der Entstehung beteiligt? Wie war denn dieser Entstehungsprozess?

Karin: Es gab schon einen vereinfachten Text von Manfred Weiß, den wir zur Grundlage genommen haben. Der Komponist Thierry Tidrow hatte damit aber noch keine komplette Komposition angefertigt. Wir haben jeden Tag neues Musikmaterial bekommen, also Ideen. Zusammen mit dem Regisseur Anselm Dalferth haben wir dann geschaut, wohin welche Musik passen könnte.

Annika: Das waren super intensive Proben, weil wir jeden Tag neu improvisiert haben. Aus der Improvisation haben Regisseur und Komponist dann wiederum Elemente genommen und sie fixiert. Man kriegte also fast jeden Tag neue Noten, was bei neuer Musik ja auch nicht unbedingt einfach ist (lacht). Und innerhalb von acht Wochen ist dann dieses Stück entstanden.

Wie würdet ihr die Musik denn beschreiben?

Annika: Sehr lautmalerisch an manchen Stellen, fast programmatisch. Es gibt aber auch Stellen, die aus der Musik heraus entstanden sind. Also illustrierend, aber auch abhängig von den Charakteren. Bertil hat beispielsweise eine andere Tonsprache als Nils. Die Musik ist für mich wahnsinnig organisch, weil sie ja auch mit mir zusammen entstanden ist, also etwas, das meiner Stimme liegt und sehr angenehm ist für mich.

Karin: Es war beispielsweise so, dass wir wussten, dass in einer Szene irgendetwas mit Feuer kommt, mit Streichhölzern. Thierry hatte eine Idee, wie das klingen kann und hat das notiert. Das habe ich dann gespielt, aber meine eigene Idee dazu eingebracht und geschaut, wie man ein Feuerknistern auf der Geige hinbekommen kann.

Und was gefällt euch an dem fertigen Stück, also dem Endergebnis?

Karin: Es hat eine klare Struktur und eine musikalische Richtung, es ist gut gebaut.

Annika: Ja, die Musik hat einen guten Spannungsbogen. Das lag auch daran, dass der Regisseur und der Komponist sehr kompromissbereit waren und sich auch teilweise von Stellen getrennt haben, auch wenn es ihnen – und uns – in der Seele wehtat (lacht). Und mir gefällt auch, dass die Musik nicht anbiedernd ist, sondern immer noch neue Musik.

Und wie reagieren die Kinder darauf?

Annika: Sehr positiv. Das schöne ist ja, dass Kinder noch nicht dieses Wertesystem haben, wie Musik zu sein hat, sondern alles total offen annehmen. Sie stellen das gar nicht infrage, ob das tonal oder atonal ist. Für sie ist das gar nicht so: „Oh Gott, jetzt singt sie klassisch.“ So bewerten sie das gar nicht.

Karin: Solche Fragen kommen dann eher von den Erwachsenen, wie beispielsweise letzte Woche von einem der Erzieher. 

Während der Vorstellung kommen ja viel mehr Reaktionen als bei Erwachsenenstücken, also Zwischenrufe, lautes Lachen usw. Wie geht ihr damit um?

Annika: Wir haben uns bewusst überlegt, kein interaktives Stück zu machen. Wir haben dementsprechend die Reaktionen auf so etwas eher klein gehalten. Ich habe aber gemerkt, dass, wenn Kinder sehr viel Aufmerksamkeit fordern, es auch nur um diese Aufmerksamkeit geht. Mehr als um Inhalte. Wenn sich ein Kind also sehr oft mitteilt, mache ich es beispielsweise so, dass ich das Kind fokussiere. Das Kind ist dann meist glücklich, weil es merkt, dass es wahrgenommen und gesehen wird, es geht also gar nicht unbedingt um eine verbale Reaktion.

Was gefällt euch denn an Kindervorstellungen generell?

Annika: Genau diese unmittelbaren Reaktionen. Und dass man nie genau weiß, was auf einen zukommt. Und dass Kinder eben nicht dieses Wertesystem haben. Wie oft sind wir Erwachsenen als Musikkonsumenten so weit geschult oder auch nicht geschult, dass wir immer meinen, wir müssen das Gesehene bewerten. Und darüber wird aber oft die Ebene des Berührens und des Sich-berühren-Lassens in der Emotionalität, in der Musik, in der Geschichte, die erzählt wird, vergessen. Und das haben Kinder nicht. Die Kinder sind voll drin und fiebern mit. Und stehen dann auf, weil sie vor Spannung nicht mehr sitzen können. Das haben wir Erwachsenen leider nicht mehr, jedenfalls erlebe ich das in der klassischen Musik bei den Erwachsenen gar nicht.

Karin: Bei einer klassischen Opernproduktion säße ich im Graben und bekomme vom Publikum gar nichts mit. Deshalb sind solche Kinderproduktionen sehr interessant, ich lerne viel und es macht einfach sehr viel Spaß.

Könnt ihr euch denn vorstellen, nur Produktionen für Kinder zu machen?

Annika: „Nur“ vielleicht nicht. Also ich genieße durchaus auch manchmal diese konzentrierte Atmosphäre eines Liederabends oder einer Opernproduktion. Aber es ist unglaublich bereichernd. Ich könnte mir andersherum nicht vorstellen, nur für Erwachsene zu spielen. Da würde mir echt etwas fehlen.

Das Interview führte Matthias Keller, Dramaturg für Outreach-Projekte.

Fotos: Birgit Hupfeld

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