„Als Kind dachte ich, dass Komponist_innen nur tot sein können“

„Als Kind dachte ich, dass Komponist_innen nur tot sein können“

Thierry Tidrow ist in dieser Spielzeit Composer in Residence an der Oper Dortmund. In dieser Funktion komponiert er das diesjährige Stück der Bürgeroper und zwei Werke für die Junge Oper, die in der nächsten Spielzeit ihre Premieren feiern werden. Im Interview spricht er über seine Anfänge als Komponist und über die Arbeit für Kinder und Jugendliche.

Du hast einen sehr ungewöhnlichen Beruf. Wie kam es dazu?

Ich hatte schon die Idee, dass es cool wäre, ein Komponist zu sein, als ich zehn war. Aber als Kind dachte ich, dass Komponisten nur tot sein können, da ich nur tote Komponist_innen kannte. Und als ich meinen Vater gefragt habe, hat er gesagt, dass es keine lebendigen gibt (lacht).

Mit dieser Antwort dachte ich also, dass es gar nicht möglich sei. Dann wollte ich für eine lange Zeit Countertenor werden, weil ich gut gesungen habe und das auch sehr mochte. Als ich an die Uni kam, habe ich festgestellt: Es gibt wirklich lebendige zeitgenössische  Musik. Ich habe zunächst viel Alte Musik gesungen und dabei entdeckt, dass es auch eine Kompositionsklasse gibt. Ich habe versucht, in diese Kompositionsklasse zu kommen und wurde auch angenommen. Aber es hat sich schnell herausgestellt, dass ich nicht gleichzeitig Sänger und Komponist werden kann. Also habe ich mich für die Komposition entschieden.

Was war dein erster wichtiger Meilenstein?

Es gab viele Schritte. Wir haben schon während des Studiums mit den Student_innen Stücke aufgeführt, was sehr viel Spaß gemacht hat und wobei ich viel gelernt habe. Aber meine erste große Sache war 2010, als ich in Amsterdam war, wo ich meinen Master gemacht habe. Dort hat die Dutch National Opera Academy ein sehr spezielles Projekt durchgeführt, bei dem zwei neue Opern entstehen sollten. Ich habe mich beworben und auch erwähnt, dass ich selbst Sänger bin und sehr interessiert und sie haben mich ausgewählt. Das war ein bisschen wie, wenn man seinen ersten Roman schreibt, bei dem man das Gefühl hat, man muss das Wichtigste sagen. Ich spürte eine Dringlichkeit über ein Thema zu sprechen und es ist mein ernsthaftestes Stück geworden. Es heißt Less Truth, More Telling und dreht sich um Sünde und Versöhnung. Dieses Projekt war sehr wichtig für mich. Ohne es hätte ich andere Sachen vielleicht nicht bekommen.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus? Wie gehst du vor, wenn du ein neues Stück schreiben sollst?

In der Zeit, in der ich nicht komponiere, esse ich eigentlich. Es ist mir sehr wichtig, mich schon bei Beginn des Tages mit dem Stück zu beschäftigen, deshalb frühstücke ich mit dem Stück. Dann komponiere ich ungefähr zwei Stunden. Danach mache ich andere Sachen, Alltagsdinge, koche und esse. Im Anschluss daran beschäftige ich mich nochmal ein paar Stunden mit dem Stück und gebe meine Ideen in den Computer ein. Das ist wahnsinnig viel Arbeit, die die frühere Generation nicht selbst gemacht hat. Aber wir jüngeren, die wir gut mit dem Computer umgehen können, machen das selbst. Dabei höre ich aber viele Podcasts über unterschiedliche Themen. Es ist Arbeit, aber ich muss nicht komplett konzentriert sein. Danach esse ich zu Abend und arbeite bis in die Nacht. Ein normaler Arbeitstag geht bei mir also von 11 Uhr bis Mitternacht.

Ich arbeite übrigens nie direkt am Klavier, da das Klavier im negativen Sinne eine Stütze sein kann. Ich benutze das Klavier nur als Werkzeug, um bestimmte Dinge zu überprüfen, nicht um zu erfinden.

Warum?

Dafür gibt es zwei Gründe: Das Klavier ist begrenzt. Es gibt kein Crescendo, Vibrato, Glissando. Meine Musik kommt eher aus der Idee der Stimme, wo diese Dinge sehr einfach sind. Das beeinflusst auch, wie ich für Instrumente schreibe, weil ich eben diesen Gesangshintergrund habe. Das Klavier war mir immer fremd.

Und ich mag es nicht, weil das Klavier die Komposition beeinflusst. Auch durch das motorische Gedächtnis. Also dass die Finger nicht unbedingt das tun, was der Kopf will. Und diese Automatismen können gefährlich sein. Für mich ist es wichtig, erst über den Klang nachzudenken.

In der letzten Spielzeit hast du für unsere Kooperation Junge Opern Rhein-Ruhr das Stück Nils Karlsson Däumling geschrieben, das in der Kategorie „Regie Kinder- und Jungendtheater“ für den Faust-Preis nominiert wurde. Inwiefern siehst du das auch als eine Auszeichnung deiner Arbeit?

Ich glaube, dass das Stück so ist, wie es ist, weil der Regisseur und ich direkt und offen miteinander kommuniziert haben. Generell war es wirklich super, wie Anselm Dalfert und ich zusammen gearbeitet haben. Es war auch toll, dass wir diese Chance bekommen haben. Ich habe viel darüber gelernt, was entstehen kann, wenn es ein solches Vertrauen gibt zwischen Regisseur und Musiker.

Ich sehe es also auch als eine Auszeichnung meiner Arbeit. Die Regie und die Musik sind in diesem Stück eng miteinander verbunden. Und das macht auch gutes Musiktheater aus, eine Fusion von Bühne und Musik. 

Für uns komponierst du wieder ein Stück ab vier Jahren, aber auch eins ab zwölf. Was ist dir bei diesen Zielgruppen wichtig?

Bei Nils Karlsson Däumling habe ich gelernt, dass Kindergartenkinder eine relativ kurze Aufmerksamkeitsspanne haben, das muss man immer im Hinterkopf behalten. Aber gleichzeitig kann man sie verzaubern und das finde ich toll. Dass man ihre Neugierde füttern kann.

Für Jugendliche schreibe ich zum ersten Mal. Ich glaube, dass es so viele Filme oder Serien über Jugendliche gibt, weil wir als Erwachsene immer noch mit unseren Traumata aus der Pubertät zu kämpfen haben und wir noch immer lernen, was da angefangen hat. Ich glaube, deswegen ist es für uns interessant. Es gibt viel Drama in der Zeit und viele schwierige Momente, die uns aber prägen. Ich möchte da irgendwie helfen und über Themen sprechen, die für Jugendliche schwierig sind. Heutzutage ist es vielleicht noch schwieriger mit den Smartphones und der Instagram-Kultur. Ich glaube, dass das viele Schwierigkeiten verstärkt, die Jugendliche haben. Und damit möchte ich mich beschäftigen und versuchen, sie zu berühren, denn sie haben es echt nicht leicht in 2020.

Titelbild © Anika Neese

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