10 Dinge, die Sie über die Oper Dortmund wissen sollten

10 Dinge, die Sie über die Oper Dortmund wissen sollten


Liebes Publikum, im Moment läuft nichts nach Plan. Seit einiger Zeit ist es still geworden auf der Bühne der Oper Dortmund und zahlreiche Vorstellungen müssen entfallen. Doch das bedeutet nicht, dass auch Stillstand herrscht – die vielen Mitarbeiter:innen des Theater Dortmund sind durchaus aktiv, teilweise auch von zu Hause aus, soweit dies möglich ist. Die Künstler:innen haben Zeit, sich intensiv auf die Stücke der kommenden Spielzeit vorzubereiten und in diesem Blog kann einmal fernab einer konkreten Produktion über allgemeine Dinge berichtet werden. Da in den nächsten Wochen keine Premiere ansteht, möchte ich, Operndramaturgin Laura Knoll, die Gelegenheit nutzen und Ihnen 10 Dinge vorstellen, die die Oper Dortmund unter der Intendanz von Heribert Germeshausen auszeichnen und besonders machen.

1) So trällert Dortmund: ein Sänger:innenfest

Wer der Oper Dortmund einen Besuch abstattet, kann sich einer Sache ganz gewiss sein: Hier erlebt man Operngesang auf allerhöchstem Niveau! Das Ensemble der Oper Dortmund zeichnet sich durch seine durchweg hohe Qualität aus – und dies kommt nicht von ungefähr. Intendant Heribert Germeshausen war bereits vor seinem Dienstantritt in der Ruhrmetropole Mitglied in der Jury von verschiedenen bedeutenden Gesangswettbewerben und seinem geschulten Ohr entgeht keine Ausnahmestimme. Dank seiner internationalen Tätigkeit bei Wettbewerben wie dem Internationalen Hans Gabor Belvedere Gesangswettbewerb, RING AWARD, Gesangswettbewerb für Barockoper Pietro Antonio Cesti und den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik ist er stets auf dem aktuellsten Stand, was den vielversprechenden Sänger:innennachwuchs angeht und kann so die spannendsten Künstler:innen an sein Haus verpflichten. In den beiden vergangenen Spielzeiten konnten Sie dies bereits eindrucksvoll erleben, doch auch in der bevorstehenden Spielzeit 2020/21 gibt es großartige neue Stimmen, die das Ensemble der Oper Dortmund bereichern. Zwei Damen und drei Herren werden die Dortmunder Sänger:innenriege künftig ergänzen, und ich möchte die Gelegenheit nutzen, sie Ihnen an dieser Stelle ein wenig genauer vorzustellen.

Maria Boiko © Julian Baumann

Die russische Mezzosopranistin Maria Boiko ist der/dem ein oder anderen Dortmunder Operngänger:in vielleicht schon bekannt, da sie in der aktuellen Spielzeit bereits als Kate Pinkerton mit großer Souveränität in unserer Madama Butterfly-Inszenierung eingesprungen ist. Die junge Sängerin, die ihre Ausbildung in ihrem Heimatland absolvierte, begann 2016 ihre Opernkarriere in Deutschland, wo sie bis 2019 als Mitglied des Opernstudios der Deutschen Oper am Rhein zahlreiche Partien erarbeiten konnte. Eine davon ist der geheimnisvolle Prinz Orlofsky – diese Hosenrolle ist eine Glanzpartie für jede Mezzosopranistin. Umso mehr freuen wir uns, dass sich Maria Boiko als ebendieser Prinz in Die Fledermaus auch dem Dortmunder Publikum präsentieren soll. Ebenfalls ist vorgesehen, dass sie alternierend die heißblütige Carmen in Georges Bizets gleichnamiger Oper sowie die Mercédès darstellen soll. Darüber hinaus soll sie als 2. Sekretärin in Nixon in China auf der Bühne stehen.

Sooyeon Lee © Julian Baumann

Die in Südkorea geborene Sooyeon Lee studierte Gesang sowohl in Seoul als auch in Wien. Die junge Sopranistin, von deren Stimme ein bezwingender Zauber ausgeht, ersang sich bereits mehrere Auszeichnungen, u. a. beim ARD-Musikwettbewerb, Luciano Pavarotti International Competition, dem Gian Battista Viotti International Music Competition, beim Internationalen Gesangswettbewerb Beaumarchais Concours in Wien, beim Plácido Domingo Operalia sowie beim Internationalen Mozartwettbewerb in Salzburg. 2018 war sie u. a. Finalistin des Wettbewerbs Cardiff Singer of the World im Haupt- und Liedwettbewerb – das Programm des daraus resultierenden Rezitals in der traditionsreichen Wigmore Hall in London wird sie voraussichtlich im Oktober wenige Tage vor ihrem Debüt im Rahmen einer Liedmatinee in Dortmund präsentieren. Sooyeon Lee wechselt aus dem Opernensemble des Oldenburgischen Staatstheaters, dessen Mitglied sie seit 2016/17 war, in die Ruhrmetropole. Dort glänzte sie u. a. als Konstanze in Die Entführung aus dem Serail, in der Titelrolle aus Lucia di Lammermoor sowie als Gilda in Rigoletto. Als Dortmunder Ensemblemitglied ist sie in der Spielzeit 2020/21 für die Partien Frasquita in Carmen, Chiang Ch’ing in Nixon in China, Adele in Die Fledermaus sowie Helmwige in Die Walküre vorgesehen.

Sungho Kim © Youngin Lee

Der Tenor Sungho Kim wurde in Gwangmyeong (Südkorea) geboren und erhielt seine musikalische Ausbildung in Korea und in Berlin an der Hochschule für Musik Hanns Eisler sowie im Rahmen verschiedener hochkarätiger Meisterklassen. Auch Sungho Kim machte sich durch erfolgreiche Teilnahmen an bedeutenden Wettbewerben wie u. a. beim Internationalen Hans Gabor Belvedere Gesangswettbewerb (2018, 1. Preis), 54. Internationalen Gesangswettbewerb Tenor Viñas in Barcelona (2016), 47. Nanpa Musik Wettbewerb in Suweon (2015) sowie jüngst beim Salvatore Licitra Concurso in Mailand (2020, 2. Preis) einen Namen. Auf diese Weise wurde er in der Spielzeit 2018/19 Mitglied des Internationalen Opernstudios der Hamburgischen Staatsoper, wo er bereits mit Künstlern wie Kent Nagano, Kirill Serebrennikow, Plácido Domingo und Ks. Kwangchul Youn arbeitete. Als neues Ensemblemitglied der Oper Dortmund wird er sein Können in Rollen wie Remendado (Carmen), Alfred (Die Fledermaus), Fortunatus (Frédégonde) sowie Nagg in der Deutschen Erstaufführung/Zweitinszenierung von Fin de Partie unter Beweis stellen.

James Lee © Julian Baumann

Ebenfalls im Tenorfach zuhause ist der Südkoreaner James Lee, der Gesang sowohl an der University of Yeungnam in Kyongsan sowie an der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf studierte und mittlerweile auf eine beachtliche Karriere blicken kann. Dem Publikum der Oper Dortmund ist sein kraftvoller und strahlender Tenor bereits bestens bekannt, denn als Gast interpretierte James Lee hier mit großem Erfolg seine Paraderollen Radamès (Aida), Calaf (Turandot) sowie Benjamin F. Pinkerton (Madama Butterfly). Nun kehrt der Preisträger zahlreicher Wettbewerbe (u. a. 1. Preis beim International Singing Competition Masters of Lyrical Art – Valentin Teodorian in Bukarest sowie 1. Preis/Spezialpreis beim Competizione dell’Opera 2013 in Linz) als festes Ensemblemitglied nach Dortmund zurück, wo er für drei weitere spannende Partien vorgesehen ist: als Don José in Carmen, Mao Tse-tung in Nixon in China sowie Mérowig in Frédégonde.

Matthias Störmer © Julian Baumann

In der aktuellen Spielzeit bereits zum Publikumsliebling avanciert ist der österreichische Bariton Matthias Störmer, der mit seiner charmanten Interpretation des Leopold im Weißen Rössl die Dortmunder Herzen im Sturm eroberte. Umso mehr freuen wir uns, ihn ab der Spielzeit 2020/21 fest im Opernensemble begrüßen zu dürfen. Sein musikalischer Werdegang führte ihn über die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, an das Tiroler Landestheater, wo er sein erstes Engagement erhielt. Umfassende Bühnenerfahrung sammelte er als Ensemblemitglied am Theater Regensburg, dem er 2013–2019 angehörte. Als Sänger mit herausragenden darstellerischen Qualitäten überzeugt er neben dem Standardrepertoire seines Faches nicht nur in Buffopartien wie Guglielmo (Così fan tutte) oder Papageno (Die Zauberflöte), sondern insbesondere auch in zeitgenössischen Werken (u. a. von Moritz Eggert, Ella Milch-Sheriffs und Philip Glass). Das Dortmunder Publikum darf sich nun darauf freuen, ihn als Ensemblemitglied in den Rollen Dr. Falke (Die Fledermaus) sowie Un serviteur in der Deutschen Erstaufführung von Frédégonde auf der Bühne zu erleben.

2) Oper 2.0: Eine Oper für die Jugend

Anna Lucia Struck, Marcelo de Souza Felix und Ruth Katharina Peeck © Julian Baumann

Dass die Oper Dortmund ein besonderes Augenmerk auf ihr junges Publikum legt, dürfte mittlerweile bekannt sein. Immerhin war das Theater Dortmund eines der ersten Häuser deutschlandweit, das eine eigene Bühne für genau diese Zuschauer:innen bauen ließ. Doch in der aktuellen Spielzeit 2019/20 erfuhr die Junge Oper eine weitere Aufwertung, indem nun sogar ein eigenes Ensemble gegründet wurde. Dabei verfügen die drei eigens dafür engagierten Sänger:innen Ruth Katharina Peeck, Anna Lucia Struck und Marcelo de Souza Felix über ganz besondere Fähigkeiten: Bei der Auswahl achtete man sehr genau darauf, dass die jungen Künstler:innen nicht nur über ausgezeichnete Gesangsstimmen verfügen, sondern auch eine pädagogische Vorbildung besitzen. So stehen sie nicht nur wie ihre Kolleg:innen in verschiedenen Rollen auf der Bühne, sondern gehen gemeinsam mit den Theatervermittler:innen der Oper Dortmund in Schulen und Kitas, um das junge Publikum mit ihrer Liebe zum Musiktheater zu begeistern. Dafür wurden verschiedene liebevolle Workshop-Formate entwickelt, in denen die Kinder je nach Altersgruppe ihr eigenes Musiktheaterstück erfinden und dieses am Ende von professionellen Sänger:innen aufgeführt erleben. Dabei ist es wichtig, dass die jungen Sänger:innen einfühlsam auf die Schüler:innen eingehen und sie auch mit pädagogischen Kenntnissen an die Materie heranführen – und genau dafür sind die Ensemblemitglieder der Jungen Oper prädestiniert. Doch auch in Formaten wie dem Familiensingen, der Klanghöhle oder im Rahmen der Opernclubs Turtles und Tortugas, die im Theater Dortmund stattfinden, werden die Künstler:innen auf besondere Weise aktiv, indem sie sich an der Programmkonzeption beteiligen oder Gruppen anleiten. Darüber hinaus stehen sie selbstverständlich in Musiktheaterproduktionen auf der Bühne, die eigens für die Junge Oper entwickelt wurden. Vielleicht einzigartig in Deutschland ist, dass die Junge Oper Dortmund einen eigenen Composer in Residence besitzt. Hier wird nicht nur „große“ Oper auf „klein“ gemacht, sondern modernes und innovatives Musiktheater neu für das junge Publikum komponiert! In der Spielzeit 2020/21 liegt dies in den Händen des ebenfalls noch jungen franko-kanadischen Komponisten Thierry Tidrow, dessen Mobile Oper Nils Karlsson Däumling bereits in der vergangenen Spielzeit für große Begeisterung sorgte.

Thierry Tidrow © Anika Neese

Mit seiner fundierten, breitgefächerten Ausbildung in den Bereichen Chormusik, Komposition und Barockgesang hat Thierry Tidrow ein besonderes Gespür für die Anforderungen von Oper. So entstand beispielsweise die Sci-Fi-Oper Prothesen der Autonomie, für die Sopranistin 2018 den Berliner Opernpreis der Neuköllner Oper erhielt. Als Dortmunder Composer in Residence komponiert er in der Spielzeit 2019/20 für die Junge Oper gleich zwei Werke: Kirsas Musik sowie Persona. In der Mobilen Oper Kirsas Musik, die sich an Kinder ab 4 Jahren richtet, geht es um das Anderssein – und dessen positive Nebeneffekte. Besonders ist daran, dass sich Thierry Tidrow in dieser Komposition einzig auf die menschliche Stimme konzentriert und Instrumente außen vor lässt – Kirsas Musik ist eine a capella-Oper! Persona hingegen ist für alle ab 12 Jahren und handelt von einem Thema, das in Zeiten von Corona vielleicht noch aktueller ist als zuvor: Die Kreation der eigenen Persönlichkeit in der digitalen Welt verbunden mit der Frage, wie viel Wahrhaftigkeit dort tatsächlich dahintersteckt. Auch in dieser Stückentwicklung, die in Kooperation mit der Akademie für Theater und Digitalität Dortmund im Rahmen des Projektes Play on! von der Europäischen Union gefördert wird, gibt es eine Besonderheit: Das Publikum gestaltet den Verlauf der Handlung maßgeblich mit und nimmt somit einen direkten Einfluss auf den Ausgang der Geschichte. Man darf also gespannt sein auf die beiden Auftragswerke der Oper Dortmund, die der Jungen Oper gleich zwei Uraufführungen bescheren – ein Abenteuer, das dem Entdecken neuer Welten gleichkommt!

3) We DO Opera: Eine Oper für die Stadt

Elnaz Seyedi © Roya Noorinezhad

Eine weitere Institution, die unter der Intendanz von Heribert Germeshausen neu geschaffen wurde, ist die Bürger:innenOper We DO Opera!. Hier zeigt sich ein weiterer programmatischer Schwerpunkt: Oper für die Stadt, Oper für Dortmund. Außergewöhnlich daran ist, dass sich in diesem Ensemble Menschen mit jeder Art von musikalischer Vorbildung treffen können – von Anfänger:in bis zum Profi an Instrumenten wie Blockflöte, Steel Pan oder Oud –, da das Stück extra auf die Fähigkeiten der Mitwirkenden hin komponiert wird. Zu diesem Zweck gibt es in der Spielzeit 2020/21 gleich zwei Komponist:innen, die die Gruppe gemeinsam über zwei Jahre hinweg begleiten werden: Thierry Tidrow, Composer in Residence an der Oper Dortmund, und Elnaz Seyedi. Die in Teheran (Iran) geborene Komponistin studierte ihr Handwerk u. a. bei Younghi Pagh-Paan, Jörg Birkenkötter, Günter Steinke, Caspar Johannes Walter und Michael Reudenbach in Bremen, Essen, Basel und Frankfurt am Main. Ihre Arbeit zeichnet sich durch eine große musikalische Neugier aus, so sucht sie darin nicht nur den Dialog zwischen Menschen, sondern auch zwischen verschiedenen Kunstformen. Beispielsweise widmete Elnaz Seyedi ihre audiovisuelle Komposition A very close look from far away der persischen Schrift und untersuchte darin, wie Klänge die Bewegungen des Schreibens abbilden können. Man darf also gespannt sein, auf welche Weise sie gemeinsam mit Thierry Tidrow die Klänge Dortmunds und seiner Bürger:innen aufgreift und welches Ergebnis nach zweijähriger Entwicklungsarbeit auf der Bühne der Oper Dortmund zu sehen sein wird.

Justo Moret © Christoph Bohnenkamp

Für eine gelungene szenische Umsetzung wurde Justo Moret verpflichtet, der in Dortmund schon lange kein Unbekannter mehr ist. Der spanische Tänzer, Tanzpädagoge, Choreograf und Regisseur erarbeitete nicht nur als künstlerischer Leiter des JugendTanzTheaterBallettDortmund großartige Produktionen, sondern inszenierte in der Jungen Oper zuletzt das sensible Jugendstück Romeo & Zeliha. Wer nun Lust bekommen hat, sich dem kreativen Team von We DO Opera! anzuschließen und sich auf irgendeine Weise aktiv in dieses Projekt einzubringen, um die Grenzen des Musiktheaters zu sprengen und eine eigene Oper für Dortmund zu entwickeln, kann sich auf der Website des Theaters anmelden:

https://www.theaterdo.de/extras/we-do-opera/

Die einzigen Voraussetzungen sind, dass man zwischen 14 und 99 Jahren alt ist und sich dazu bereit erklärt, regelmäßig an den Proben teilzunehmen. Alles andere kann im Probenprozess erlernt werden. Seien Sie neugierig und machen Sie mit!

4) Auf Entdeckungsreise: Der Wagner-Kosmos

Camille Saint-Saëns © public domain, Bernhard Lang © Harald Hoffmann, Richard Wagner © public domain

Ein Begriff, der seit dieser Spielzeit durch das Programm der Oper Dortmund geistert, ist der Wagner-Kosmos. Richard Wagner, der 1813 in Leipzig geboren wurde und später seine Vision eines eigenen Operntempels auf dem Grünen Hügel im idyllischen oberfränkischen Bayreuth realisierte, ist ein Komponist, der die Massen spaltet. Die einen können mit seinen zugegebenermaßen oft etwas ausufernden Werken (so dauert beispielsweise allein der 3. Akt von Die Meistersinger von Nürnberg ca. 2h, die Gesamtspieldauer beträgt ca. 4:20h) wenig anfangen und kritisieren ihn für seine mitunter hetzerischen und eklatant antisemitischen Schriften. Die anderen bezeichnen sich als Wagnerianer, finden sich in eigenen Vereinen zusammen, pilgern zu den Aufführungen seiner Werke und betreiben gelegentlich einen regelrechten Kult um den sächsischen Künstler. Selbstverständlich sind beide Haltungen zu akzeptieren und jeder darf sich seine eigene Meinung dazu bilden, unumstritten ist aber, dass Richard Wagner mit seinem Schaffen die Musiktheaterwelt nachhaltig und wie nur wenige andere vor und nach ihm prägte. (Als ehemalige Studentin der Musiktheaterwissenschaft möchte die Autorin an dieser Stelle anmerken, dass in 99% der Seminare und Vorlesungen sein Name auf irgendeine Art und Weise fiel, ganz egal, was das eigentliche Thema der Stunde war. So groß war und ist sein Einfluss.) Richard Wagner steht gleichermaßen als Bindeglied aber auch Gegenpol zwischen dem frühen 19. und dem 20. Jahrhundert, ebenso zwischen dem deutschen, italienischen und französischen Musiktheater. Und gerade die Tatsache, dass seine Person und sein Wirken bis heute derart polarisieren, macht ihn zu einem spannenden Gegenstand des wissenschaftlichen wie künstlerischen Diskurses. Darum wurde mit dem Wagner-Kosmos ein Festival und interdisziplinäres Symposion entwickelt, das sich stets im Wonnemonat Mai – dem Geburtsmonat des Komponisten – mit seinen Vorläufern, Weggefährten, Antipoden und Nachfolger:innen beschäftigt und einen kontroversen Schwerpunkt seines Lebens zur Diskussion stellt. Dies erfolgt einerseits auf künstlerische Weise, indem innerhalb eines Wochenendes eine Oper Wagners mit ein oder zwei Opern von historisch bedeutsamen, heute zu Unrecht vergessenen Komponist:innen im Spielplan kombiniert wird, andererseits auf wissenschaftliche Weise durch die Auseinandersetzung innerhalb eines Symposion mit hochkarätigen Beteiligten. In dieser Spielzeit hätte das Programm aus Lohengrin, Aubers Die Stumme von Portici und Spontinis Fernand Cortez oder Die Eroberung von Mexiko bestanden, doch leider ist nun der erste Wagner-Kosmos Corona zum Opfer gefallen. Umso mehr steigt die Vorfreude auf die Folgeveranstaltung, die unter dem Motto „Macht und Manipulation“ für den 13.–16. Mai 2021 angesetzt ist. Der/Die ein oder andere Leser:in weiß vielleicht, dass Wagner die Jahre zwischen 1859 und 1861 in Paris verbracht hat. Dies war keine leichte Zeit für ihn, da sie ihm nicht den erhofften Durchbruch bescherte. Aber sie brachte ihn in Kontakt mit der französischen Musik und ihren Künstler:innen und beeinflusste ihn somit maßgeblich. Neben den Begegnungen mit Giacomo Meyerbeer und Gaspare Spontini ist vor allem auch der Austausch mit Camille Saint-Saëns interessant, denn er steht exemplarisch für die Rezeption Wagners im Allgemeinen. Beide Komponisten verbindet das Engagement für eine national geprägte Musiksprache – der eine suchte das deutsche, der andere das französische Pendant. Ihr Verhältnis zueinander blieb jedoch stets gespalten: Zwar bewunderte Saint-Saëns seinen Kollegen, gleichzeitig war er jedoch ein Gegner des französischen Wagnérisme. Im Zuge dieser Auseinandersetzung soll ein selten gespieltes Werk zu Gehör kommen, das in Dortmund seine Deutsche Erstaufführung erlebt: Frédégonde. Der Großteil dieser Oper stammt von Ernest Guiraud, dem Lehrer von Camille Saint-Saëns, der das Werk jedoch nicht mehr beenden konnte. So sprang der Schüler für den Verstorbenen ein und komponierte die verbleibenden letzten beiden Akte, während Paul Dukas die Orchestrierung der ersten drei übernahm. In Saint-Saëns Kompositionsweise lässt sich der Einfluss Wagners insbesondere in den langen melodischen Flüssen und chromatischen Läufen feststellen. Somit ist Frédégonde anlässlich des 100. Todestags des französischen Komponisten ein wunderbares Bindeglied zwischen den beiden Antipoden. Von Wagner hingegen soll im Rahmen des Wagner-Kosmos II der nicht nur durch Kinofilme und Computerspiele berühmt gewordene und sich größter Beliebtheit erfreuende Erste Tag seines Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen erklingen: Die Walküre. Den letzten Teil der Trias bildet schließlich ein Auftragswerk der Oper Dortmund, die Uraufführung Der Hetzer von Bernhard Lang. Hier wird das Thema Politik und Musiktheater aus einem aktuellen Blickwinkel beleuchtet, denn das Werk beschäftigt sich mit dem erschütternden wie zeitlosen Othello-Stoff Shakespeares, der musiktheatralen Verwandlung durch Verdi sowie der heutigen politischen Situation, in der die Hetze gegen das Andere keine Ausnahme ist. Flankiert werden die drei Opernabende von spannenden Vorträgen und aufregenden Podiumsdiskussionen mit namhaften Wissenschaftler:innen und Künstler:innen. Das Format bietet die nahezu einmalige Gelegenheit, sich auf vielfältige Weise in den so reichhaltigen Kosmos rund um Richard Wagner zu stürzen und diesen bedeutenden Komponisten aus ungewöhnlichen Perspektiven kennenzulernen.

5) Ein Ring sie zu knech… äh begeistern: Der Ring des Nibelungen

Richard Wagner © Bernhard Staerck (pixabay.com)

Den Höhepunkt in der Auseinandersetzung mit Richard Wagner bildet – und da führt kaum ein Weg daran vorbei – sein Opus magnum Der Ring des Nibelungen. Es gibt kaum ein Werk in der Musikgeschichte, das derart die Grenzen seiner Gattung sprengt. Vergleichbar mit Blockbustern wie Der Herr der Ringe, Harry Potter oder Game of Thrones könnte man hier mit einem Superlativ nach dem anderen werben: 16 Stunden Spieldauer, 4 zusammenhängende Opern, zahlreiche Spezialinstrumente (u. a. 16 Ambosse, drei Stierhörner, 4 Wagnertuben, 1 Kontrabassposaune), eine gigantische Orchesterbesetzung (u. a. 6 Harfen, 16 erste und 16 zweite Geigen, 12 Bratschen), sage und schreibe 33 Gesangsrollen, spektakuläre Verwandlungen, Pyroeffekte und und und! Die Tetralogie verlangt einem Opernhaus wirklich alle erdenklichen Kräfte ab – doch es lohnt sich! 13 Jahre ist es nun her, dass die letzte Inszenierung dieses Mammutprojekts auf der Dortmunder Opernbühne zu sehen war, und somit allerhöchste Zeit für eine Neudeutung! Verantwortlich für die Regie des neuen Dortmunder Rings zeigt sich kein Geringerer als Altmeister Peter Konwitschny, dessen Dortmunder Debüt, Aubers Die Stumme von Portici, am 13. März 2020 nur vor einer Handvoll Journalist:innen gezeigt werden konnte. Mit umso größerer Spannung wird nun seine erste Inszenierung des kompletten Rings erwartet. Dass dies zustande kommen kann, ist ein großes Glück und dem Geschick Heribert Germeshausens zu verdanken! Doch was steckte dahinter? Der berühmte Regisseur hat es sich zur Regel gemacht, jedes Werk nur einmal zu inszenieren, ein durchaus ambitioniertes Vorhaben – vor allem eingedenk der Tatsache, dass er bereits über 200 Opern in Szene gesetzt hat! Im Jahr 2000 hatte er bereits die Götterdämmerung an der Oper Stuttgart inszeniert, damals ein innovatives Konzept, das vier Regisseure für die vier Abende vorsah. Somit war es ihm danach nicht mehr möglich, für ein anderes Theater, und sei es auch das Bayreuther Festspielhaus, eine Neudeutung dieses Stückes zu erarbeiten. Für Dortmund übernimmt Heribert Germeshausen nun die Stuttgarter Götterdämmerung und greift darüber hinaus den ursprünglichen Gedanken auf, die vier Abende des Rings als in sich geschlossen zu betrachten. Zwar wird Peter Konwitschny alle Teile inszenieren, um ihre Selbstständigkeit zu betonen werden jedoch vier verschiedene Bühnenbildner die jeweilige Ausstattung übernehmen und die ursprüngliche Reihenfolge wird aufgebrochen. So startet der Dortmunder Ring nicht mit dem Vorabend Das Rheingold, sondern mit dem Ersten Tag Die Walküre und dessen packender Geschichte um das Zwillingspaar Siegmund und Sieglinde, die – nach langer Trennung – vom Schicksal wieder zueinander geführt werden und einem am Ende leider aussichtslosen Kampf um ihre Liebe führen müssen. Die Sänger:innen, die dafür in die Ruhrmetropole kommen werden, gehören zur Crème de la Crème des Wagner-Faches: Neben den Ensemblemitgliedern Stéphanie Müther (Brünhilde), Hyona Kim (Fricka) und Denis Velev (Hunding) sind in weiteren Hauptpartien Derek Welton (Wotan), Astrid Kessler (Sieglinde) und Viktor Antipenko (Siegmund) unter der Musikalischen Leitung von Gabriel Feltz zu erleben!

6) En française: Grand opéra ist Große Oper

Act IV, Szene 2 aus Giacomo Meyerbeer’s Grand opera Le prophète in der Uraufführung am 16. April 1849. Zeichnung veröffentlicht in L’Illustration am 24. April 1849 © public domain

Dass Richard Wagner in den kommenden Jahren an der Oper Dortmund eine wichtige Säule ist, dürfte mittlerweile deutlich geworden sein. Daneben gibt es jedoch noch eine weitere Gattung, die einen wesentlichen Stellenwert im programmatischen Konzept einnimmt: die französische Grand opéra. Den Auftakt hätten in dieser Spielzeit gleich zwei selten zu hörende aber umso lohnendere Werke machen sollen: Die Stumme von Portici von Daniel-François-Esprit Auber und Fernand Cortez oder Die Eroberung von Mexiko von Gaspare Spontini. Der Begriff Grand opéra, also „Große Oper“, wurde zur Zeit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert in erster Linie zur Kategorisierung von Werken verwendet, die den Umfang oder die Anforderungen der übrigen Opern dieser Zeit deutlich überstiegen. Geprägt wurde er von dem einstigen Direktor der Pariser Opéra (1831–1835) Louis-Désirée Véron, der damit das während seiner Amtszeit geprägte Ideal einer neuartigen Oper beschrieb. Doch was sind die Merkmale und Besonderheiten dieser Gattung, als deren bekanntester Hauptvertreter Giacomo Meyerbeer gilt?

I) Ein grundlegendes Charakteristikum sind die Sujets, die auf historischen Stoffen der jüngeren und jüngsten Vergangenheit mit machtvollen Auseinandersetzungen beruhen – wie zum Beispiel der neapolitanische Fischeraufstand in Die Stumme von Portici. Bei der Ausstattung war man stets um die möglichst authentische Darstellung originaler Schauplätze bemüht, um dem zeittypischen Ideal einer „couleur locale et des temps“ zu entsprechen. Diese Bemühungen setzten sich in der Musik fort, so widmeten sich die Komponisten u. a. auch dem Studium älterer Musik, um die historische Distanz auch klanglich erfahrbar zu machen.

II) Wichtig ist außerdem bei diesen historischen Stoffen, dass sie spannende und komplizierte Intrigen mit einem möglichst unvorhergesehenen Wendepunkt geben – also eigentlich das gleiche Grundrezept wie in jeder guten Netflix-Serie. Dabei mag man es, wenn der/die Zuschauer:in mehr weiß als die Figuren auf der Bühne und auch immer mehr von der Vorgeschichte erfährt.

III) Ein weiteres Schlagwort, das die Grand opéra auszeichnet, ist die „Kontrastdramaturgie“. Dabei geht es darum, möglichst große Gegensätze gegenüberzustellen, um das Publikum stets im Bann des Bühnengeschehens zu halten. Sie merken schon, dieses Operngenre funktioniert wie ein moderner Blockbuster! Diese Kontraste ziehen sich in der Oper dabei durch sämtliche Ebenen, sei es im Libretto (große pompöse Chornummern vor intimen Arien oder Duetten), in der Partitur (große Orchesterbesetzung versus kammermusikalische Passagen) oder auch auf der Bühne. Wie schon erwähnt, war man bei der Ausstattung um größtmögliche Authentizität bemüht und stets auf der Suche nach dem Spektakulären: So nutzte man die neuartige Technik der Gasbeleuchtungen, um z. B. die wechselnde Intensität des Mondlichts an einem bewölkten Himmel nachzuahmen. Selbst lebendige Pferde kamen zum Einsatz, um eine möglichst realistische Darstellung zu erreichen.

IV) Eine neue Bedeutung erhielt das Ballett innerhalb der Grand opéra. Operndirektor Vérnon hatte gefordert, dass man die wesentlichen Handlungspunkte auch dann verstehen müsse, wenn man mit dem gesungenen Text nicht vertraut ist (damals hatte man schließlich noch keine Übertitel). Darum setzte er auf pantomimische Verständlichkeit, und in diesem Zuge fügte man nach dem Vorbild des Handlungsballetts Tänze in die Opern ein. Waren diese zwar schon zuvor Bestandteil der französischen Tragédie lyrique, so erhielten sie in der Grand opéra eine neue Wertigkeit.

V) Auch die Stellung des Chores veränderte sich – was durch die radikalen Umbrüche der Französischen Revolution erklärt werden kann. Mit der neuen Bedeutung des Bürger:innentums wird auch der Opernchor von einer rein kommentierende Menge zu einer handelnden, die das neu erstarkte Volk auf der Bühne repräsentiert. In Zuge dessen verlagerte sich auch das Verhältnis von Individuum und Masse, ganz im Sinne der Kontrastdramaturgie: Die individuellen Hoffnungen und Ängste einer Einzelperson stehen der unvermeidlichen Dynamik von unkontrollierbaren Massenprozessen gegenüber.

VI) Bei der allgemeinen Struktur kam man in den meisten Fällen überein, die Handlung in fünf Akten zu organisieren. Das unglückliche Ende, das sich seit 1790 zumindest schon in Italien durchzusetzen begann, fand nun auch in den französischen Opern Anwendung. Durch die politisch bedingte Veränderung des Publikums, das nun nicht mehr hauptsächlich aus Aristokrat:innen bestand, sondern sich dem Bürger:innentum öffnete, änderten sich auch die Ansprüche an die Werke. Die Librettisten setzten weniger auf literarische Qualitäten als vielmehr auf spektakuläre visuelle Unterhaltung verbunden mit einer engeren Verbindung der verschiedenen Künste.

Fazit: Die Grand opéra ist großes Kino! Freuen Sie sich darauf, in den kommenden Spielzeiten an der Oper Dortmund in diese aufregende Welt einzutauchen.

7) Ein Blick über den Tellerrand: Beyond Opera

György Kurtág © Lenke Szilágyi

Ein Festival, das auch zukünftig fest im Programm der Oper Dortmund verankert sein wird, ist Beyond Opera. Im Rahmen dieses Festivals können Sie all die Veranstaltungen entdecken, die über den klassischen Opernbesuch hinausgehen. Das beinhaltet einerseits Vorstellungen, die den Rahmen des Gewohnten sprengen oder Produktionen der vielfältigen partizipativen Projekte, andererseits aber auch die unterschiedlichsten Formate zum Mitmachen, die dazu einladen, Musiktheater aktiv zu erfahren. Das Festival der kommenden Spielzeit, Beyond Opera 21, legt seinen Fokus auf das Musiktheater des 21. Jahrhunderts und beleuchtet dadurch das Jetzt aber auch die Zukunft der Oper. Einen Schwerpunkt bildet die Auseinandersetzung mit György Kurtág, einem der führenden Komponisten unserer Zeit, und der Deutschen Erstaufführung seiner erst 2018 uraufgeführten Oper Fin de Partie. Der ungarische Musiker, der für seine sinnliche und intuitive Klangsprache geschätzt wird, vertonte damit Samuel Becketts wegweisendes Drama Endspiel. Ungewöhnlich an der Inszenierung von Ingo Kerkhof wird dabei die Spielsituation sein, denn das Publikum wird in unmittelbarer Nähe zu den Sänger:innen auf der Bühne sitzen. Auf diese Weise intensiviert sich das Kunsterlebnis und die Wahrnehmung wird geschärft. Um eine weitere Facette von Kurtágs Kunst zu demonstrieren, wird Ensemblemitglied Anna Sohn im gleichen Bühnenbild im Rahmen ihrer Liedmatinee den hochvirtuosen Vokalzyklus Kafka-Fragmente op. 24 interpretieren. Eine andere Produktion, die während Beyond Opera 21 zu sehen sein wird, ist die Opéra buffe Orpheus in der Unterwelt von Jacques Offenbach. Auch wenn die Botschaft dieser Operette bis heute aktuell ist, so lässt sich nicht leugnen, dass sie bereits 1858 entstand. Die Lesart, mit der sie nun aber auf die Bühne der Oper Dortmund gebracht wird, entspricht jedoch dem modernen Anspruch: Als Produktion der Reihe Oper erleben wird das Stück vom Jugendopernclub Tortugas gemeinsam mit Schüler:innen weiterführender Schulen unter der Leitung von Alexander Becker erarbeitet. Und so viel ist klar, die jungen Künstler:innen werden das Stück zu ihrem ganz eigenen machen! Begleitend dazu wird es ein Sing-along geben, ein Mitsingkonzert, in dem die Zuschauer:innen gemeinsam mit den Darsteller:innen Auszüge aus Offenbachs Operette aber auch aus beliebten Oper erleben-Stücken der vergangenen Jahre singen werden. Die dritte Produktion wird von den Mitgliedern der Dortmunder Bürger:innenOper We DO Opera! gezeigt, die damit die St. Petri Kirche für sich erobern werden. Noch weiß niemand, was der Probenprozess mit Regisseur Justo Moret sowie den Komponist:innen Elnaz Seyedi und Thiery Tidrow bringen wird – mit umso größerer Spannung erwarten wir das Ergebnis! Das detaillierte Programm zum Mitmachen wird noch veröffentlicht werden, es werden jedoch auf jeden Fall verschiedene Spezialführungen angeboten, das gemeinsame Familiensingen mit dem Ensemble der Jungen Oper, ein Kaffeeklatsch mit dem Intendanten sowie einem Opernkurs für Einsteiger:innen, in dem Sie Interessantes, Lustiges und Unerwartetes über die Geschichte der Oper erfahren können.

Sigune von Osten © privat

Den krönenden Abschluss bildet schließlich das partizipative Klangprojekt SoundTram 21, das erneut von der Sängerin und Musikkünstlerin Sigune von Osten konzipiert und durchgeführt wird. Die Stadtbahn fungiert dabei als mobiles Opernhaus: Ein Teil der Musiker:innen, Performer:innen und Akteur:innen übernehmen dabei die Funktion der Fahrer:innen einer Bahn und werden mit ihrer Kunst den Sound voranbringen. Dabei geleiten sie das Publikum von Sound-Station zu Sound-Station – von der Innenstadt über den Friedensplatz, durch den Stadtgarten zum Opernvorplatz und hinein in die Foyers. Ein anderer Teil repräsentiert als fest positionierte Gruppen die Stationen, und auch in ausgesuchten Bahnen und Bussen auf den Strecken der Innenstadt wird es Darbietungen geben. Damit dieses ehrgeizige Projekt gelingen kann, sind Sie gefragt – denn neben einem engagierten Publikum braucht es dafür auch ebenso engagierte Musiker:innen. Egal ob allein oder in der Gruppe, ob Profimusiker:in oder Badezimmersänger:in, Tänzer:in, Fußballer:in, Skater:in, Beatboxer:in oder Maler:in – werden Sie Teil von SoundTram 21! Wer nun Lust dazu verspürt, sich diesem Großereignis anzuschließen, meldet sich bitte bei Houssie Shirin an (hshirin@theaterdo.de). Die Woche zwischen dem 19. und dem 27. Juni 2021 wird aufregend, seien Sie neugierig, entdeckerfreudig und machen Sie mit!

8) Ein hochbegabter Tausendsassa: Hausregisseur Nikolaus Habjan

Nikolaus Habjan © Lupi Spuma

Ab der Spielzeit 2020/21 wird es einen ganz besonderen Regisseur geben, der mit seiner künstlerischen Handschrift das Repertoire der Oper Dortmund maßgeblich prägen wird: der junge Grazer Nikolaus Habjan. Man bekommt bei ihm schnell das Bedürfnis, ihn als Universalgenie zu bezeichnen – auch wenn er selbst darauf hinweist, dass er neben seinen Talenten auch die eine oder andere Schwäche besitzt. Kopfrechnen zum Beispiel. Durch seine große Leidenschaft für sämtliche ins Abseits geratene Kunstformen hat er sich jedoch in den vergangenen Jahren bereits einen Namen gemacht. Und mit seinen frischen 32 Jahren kann er mittlerweile auf einen beachtlichen Werdegang zurückblicken, dessen Zenit sicher noch lange nicht erreicht ist. Umso mehr freuen wir uns, dass Nikolaus Habjan nun in den kommenden vier Spielzeiten zum Dortmunder Hausregisseur wird und unser Publikum in fünf Inszenierungen an seiner virtuosen Kunst teilhaben lässt. Nikolaus Habjan ist nicht nur Regisseur, sondern auch Puppenspieler und –designer sowie Kunstpfeifer, alles auf gleichermaßen hohem Niveau. Seine Liebe zur Oper begann mit fünf Jahren ungewöhnlich früh, angeregt durch den Besuch einer Zauberflöte für Kinder des Salzburger Marionettentheaters. Dabei genügte es ihm nicht, häufig ins Theater zu gehen, sondern er wollte von Anfang an auch selbst Theater machen. So baute er mit Hilfe seines Großvaters zuhause die ersten Marionetten und führte kleine Stücke vor seinen Freund:innen im Kindergarten auf. Bereits neben der Schule studierte er Violine am Konservatorium seiner Heimatstadt. Einige Jahre später vervollkommnete er seine Fähigkeiten im Puppenspiel, indem er 14-jährig mehrere Workshops des australischen Puppenspielers Neville Tranter besuchte. Kleine Anekdote am Rande: Um an diesen Workshops teilnehmen zu dürfen, musste er sich um zwei Jahre älter schummeln. An der Universität für Musik in Wien studierte Nikolaus Habjan Musiktheaterregie und absolvierte währenddessen erste Auftritte in der österreichischen Hauptstadt – die Figurentheaterproduktion F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig wurde 2012 mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnet. Neben dem aktiven Spiel auf der Bühne ist Nikolaus Habjan immer wieder als Regisseur gefragt, und auch seine Inszenierungen gewinnen häufig Preise – zuletzt wurde die Uraufführung Böhm 2018 als „Beste Bundesländer-Aufführung“ für den Nestroy-Preis nominiert und Nikolaus Habjan zum zweiten Mal mit dem renommierten Nestroy-Publikumspreis ausgezeichnet. In der Spielzeit 2019/20 war er artist in residence am Theater an der Wien und inszenierte dort Salome sowie Faust an der Wiener Kammeroper. Auch wenn er mittlerweile die Geige vermutlich an den Nagel gehängt hat, so hat er die Konzertbühne nicht verlassen: Als etablierter Kunstpfeifer ist er in Sälen wie der Elbphilharmonie Hamburg oder dem Großen Saal des Wiener Konzerthauses zu erleben und interpretiert kunstvolle Koloraturarien mit Bravour. Hört man Nikolaus Habjan über die Oper sprechen, so merkt man schnell, dass er wirklich dafür brennt. Er hat eine große Begabung dafür, den Kern eines Werkes zu erfassen und in einer gleichermaßen poetischen wie zeitgemäßen Deutung auf die Bühne zu bringen. Ursprünglich war es vorgesehen, dass er mit einer Neudeutung von Georges Bizets Carmen sein Hausdebüt in Dortmund gibt. Dieses Werk sprengt jedoch leider den Rahmen der Corona-bedingten Schutzmaßnahmen. Dennoch wird Nikolaus Habjan im Herbst 2020 an der Oper Dortmund zu erleben sein – man darf gespannt sein!

9) Meist unsicht- aber nicht unverzichtbar: Die Kapellmeister der Oper Dortmund

An vorderster Front des Orchesters eines Opernhauses steht stets sein/seine Generalmusikdirektor:in. In Dortmund ist dies Gabriel Feltz, einer der wichtigsten deutschen Dirigenten der mittleren Generation. Er leitet die musikalischen Geschicke des Hauses, studiert verschiedene Produktionen ein und dirigiert eine Vielzahl der Vorstellungen. Dennoch kann ein GMD (die landläufige Abkürzung für Generalmusikdirektor) nicht auf allen Opern-Hochzeiten tanzen – dafür sind die Aktivitäten eines Hauses wie der Oper Dortmund zu zahlreich. Aus diesem Grund umfasst das Team neben seinem Chef mehrere Kapellmeister, die für eine flächendeckende musikalische Betreuung sorgen und nicht nur dann zur Stelle sind, wenn Gabriel Feltz seiner zweiten Verpflichtung als Chefdirigent der Belgrader Philharmoniker nachkommt.

Motonori Kobayashi © Anke Sundermeier (Stage Pictures)

Der erste Kapellmeister des Theater Dortmund ist Motonori Kobayashi. Der japanische Dirigent spielt seit seinem vierten Lebensjahr Klavier, seit seinem neunten außerdem Klarinette. Mit 16 Jahren dirigierte er bereits sein erstes Orchester – so war der Grundstein für seine Karriere gelegt. Seine musikalische Ausbildung erhielt er sowohl an der Staatlichen Hochschule für Bildende Kunst und Musik in Tokio (Japan) sowie der Universität der Künste in Berlin. Auch sein weiterer Werdegang war zielstrebig: Das erste Engagement führte ihn direkt nach NRW an die Deutsche Oper am Rhein, wo er als Solo-Repetitor tätig war. 2008 wechselte er – zunächst noch als zweiter Kapellmeister – an das Theater Dortmund und ist hier nun seit 2013 als erster Kapellmeister sowie stellvertretender GMD im Orchestergraben des Opernhauses sowie auf der Bühne des Konzerthauses am Pult der Dortmunder Philharmoniker zu erleben. In den letzten Jahren ist er ein bedeutender Dirigent von Mozart- und Belcantoopern geworden, seit der aktuellen Spielzeit beschäftigt er sich darüber hinaus verstärkt mit der Grand opéra: Die Musikalische Leitung der Produktionen Die Stumme von Portici und Fernand Cortez oder Die Eroberung von Mexiko lagen in seiner Hand. Neben der Oper dirigiert Motonori Kobayashi auch immer wieder Ballettabende und arbeitet dabei oft eng mit dem Dortmunder Ballettdirektor Xin Peng Wang zusammen. Dies führte ihn im November 2013 zur Hong Kong Sinfonietta, wo er Wangs Ballett Der Traum der roten Kammer dirigierte. In der Spielzeit 2019/20 kehrte er zurück an die Deutsche Oper am Rhein und leitete dort ebenso wie im Rahmen der Japan-Tournee das Ballett Schwanensee. Darüber hinaus gastiert er als Operndirigent immer wieder an renommierten Häusern wie der Komischen Oper Berlin und dem Nationaltheater Mannheim. Zu seinen jüngsten Dirigaten zählten in der Spielzeit 2018/19 Il barbiere di Siviglia, Echnaton sowie Turandot.

Philipp Armbruster © Michael Baker

Auch der zweite Kapellmeister Philipp Armbruster, obwohl in Hamburg geboren, ist schon lange mit der Region hier vertraut. Nachdem er bereits mit sieben Jahren seine pianistische Ausbildung begann, die später um Klarinette und Schlagzeug erweitert wurde, kam er zu weiterführenden Studien nach Essen. Dort studierte er Klavier sowie Dirigieren an der Folkwang Universität der Künste und war als gefragter Liedbegleiter tätig, wofür er auch mit dem Preis der Deutschen Schubert-Gesellschaft ausgezeichnet wurde. Sein Gespür für die Arbeit mit Sänger:innen kam ihm aber natürlich auch für die Auseinandersetzung mit musiktheatralen Werken zu Gute und bescherte ihm schnell erste Engagements, so z. B. an den Opernhäusern in Stuttgart, Essen, Bremen, Mannheim, Dublin, Leipzig und Dresden. Nach einigen Zwischenstationen kam Philipp Armbruster in der Spielzeit 2010/11 als Kapellmeister nach Dortmund, seit 2013/14 ist er schließlich zweiter Kapellmeister. Sein besonderer Schwerpunkt liegt – neben den Opern Mozarts und Verdis – auf dem sinfonischen Repertoire des 20. Jahrhunderts und der klassischen Moderne. So dirigierte er 2019/20 mit großem Erfolg die Deutsche Erstaufführung von Luca Francesconis Quartett. Darüber hinaus hat er sich in den vergangenen Jahren mit aufsehenerregenden Operetten- und Musicalproduktionen wie Die Blume von Hawaii, Roxy und ihr Wunderteam, West Side Story, Jekyll & Hyde oder zuletzt Im weißen Rössl einen Namen gemacht und gilt als Experte für historisch informierte Aufführungspraxis. Neben seiner Tätigkeit an der Oper Dortmund gastiert er bei Orchestern wie den Düsseldorfer Symphonikern, dem Sinfonieorchester Wuppertal, dem Filmorchester Babelsberg und der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. In der kommenden Spielzeit wird er einmal mehr sein Können im Bereich der modernen und zeitgenössischen Musik unter Beweis stellen, da er die Musikalische Leitung von Nixon in China sowie der Uraufführung von Bernhard Langs Der Hetzer, eine Auftragskomposition der Oper Dortmund, inne hat.

Christoph JK Müller © Michael Baker

Dritter im Bunde ist Christoph JK Müller, seit der Spielzeit 2018/19 Kapellmeister an der Oper Dortmund sowie Musikalischer Leiter der Jungen Oper. Der junge Musiker absolvierte ein umfassendes Studium in Schulmusik, Klavier, Jazz und Orchesterdirigieren in Stuttgart, Karlsruhe und Lissabon. Im Anschluss daran wurde er Assistent der Chordirektion an der Staatsoper Stuttgart, wo er auch verschiedene Chorpartien einstudierte und wichtige Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Sänger:innen sammelte. Parallel dazu war er Dirigent des Paulusorchesters Stuttgart und der Orchestervereinigung Sindelfingen, mit denen er u. a. Beethovens drittes Klavierkonzert vom Flügel aus leitete. Als Pianist ist Christoph JK Müller darüber hinaus ein begeisterter Improvisator, was er u. a. beim Bundeswettbewerb „Schulpraktisches Klavierspiel“ 2012 in Weimar unter Beweis stellte und wofür er mit dem Publikums- und dem Gesamtpreis ausgezeichnet wurde. Seine vielseitigen Begabungen machen ihn zu einem ausgezeichneten Musikalischen Leiter der Jungen Oper Dortmund, denn hierfür bedarf es nicht nur einer hohen musikalischen Qualität, sondern auch Fingerspitzengefühl im Umgang mit jungen Menschen. Neben den Musiktheaterproduktionen speziell für ein junges Publikum obliegt ihm auch die musikalische Einstudierung des großen partizipativen Formats Oper erleben, bei dem Christoph JK Müller mit einer großen Gruppe begabter Schüler:innen eine anspruchsvolle Produktion erarbeitet. In der vergangenen Spielzeit war dies das mitreißende Musical Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat, für die kommende Spielzeit ist die berühmte Operette Orpheus in der Unterwelt von Jacques Offenbach geplant. Darüber hinaus steht Christoph JK Müller an vielen Abenden im Graben des Opernhauses und dirigiert die Sänger:innen sowie die Dortmunder Philharmoniker in Vorstellungen von u. a. Il barbiere di Siviglia, Echnaton, Das Land des Lächelns, Im weißen Rössl, West Side Story und Jekyll & Hyde.

10) Der 5. Stock: Die Schaltzentrale der Oper Dortmund

Heribert Germeshausen © Björn Hickmann

Das Theater Dortmund ist groß und weitläufig, doch abseits der Bühne des Großen Hauses „wohnt“ die Oper quasi im 5. Stock des hohen Gebäudes über der Pforte. Dort befinden sich nicht nur die Übungsräume der Kapellmeister und Korrepetitor:innen, der Chorsaal oder das Zimmer der Regieassistenten, sondern auch die Büros von Intendanz und Dramaturgie +. Hinter einer großzügigen Fensterfront arbeiten dort in fünf Büros bis zu neun Menschen hinter den Kulissen und sorgen neben den musikalischen und technischen Abteilungen für einen geregelten Ablauf.

Am wesentlichsten ist dabei natürlich das helle Büro von Intendant Heribert Germeshausen, direkt verbunden mit dem Zimmer seiner Referentin Renate Henze. Hier laufen alle Fäden der Oper zusammen: Ambitionierte Spielpläne mit der möglichst perfekten Besetzung werden ausgearbeitet, mit den Regieteams an den Konzepten gefeilt, Sitzungen abgehalten und die Geschicke der Oper Dortmund gelenkt.

Merle Fahrholz © Björn Hickmann

Daran ebenfalls maßgeblich beteiligt ist die Stellvertreterin des Intendanten sowie Chefdramaturgin Dr. Merle Fahrholz, deren gemütliches Büro – zumeist bewacht von Opernhund Scott – direkt daneben liegt. Ergänzt wird das Team der Intendanz von Pressesprecher Alexander Kalouti sowie Produktionsleiter Fabian Schäfer, auch wenn deren Büros in einer anderen Etage liegen. Die verbleibenden zwei Räume teilen sich die Mitarbeiter:innen der Abteilung Dramaturgie +. Dieses „+“ ist ziemlich außergewöhnlich und vermutlich auch einzigartig, denn es umfasst nicht nur die klassische Produktionsdramaturgie, sondern im gleichen Maße auch sämtliche Sonderprojekte und Vermittlungsformate. Hier arbeiten alle diese Abteilungen also eng zusammen und die Grenzen zwischen den Schwerpunkten der einzelnen Mitarbeiter:innen sind fließend. Somit besteht das Team neben der Chefdramaturgin Dr. Merle Fahrholz aus einem/einer aktuell noch zu besetzenden Agent:in für Interkulturelle Öffnung, einer Operndramaturgin (Laura Knoll), einer Dramaturgin für Sonderprojekte (Houssie Shirin), einem Dramaturg für die Junge Oper und Theatervermittler (Matthias Keller), einem/einer jährlich wechselnden FSJler:in (aktuell noch Clara Schamp, ab 2020/21 Christina Schmidt) sowie einer weiteren Theatervermittlerin, die ab der kommen Spielzeit 2020/21 neu ins Team stößt: Zuzana Masaryk.

Zusana Masaryk © Alexander Frydrych

In der Slowakei geboren, studierte sie Musikwissenschaft und Musikpädagogik in Würzburg. Ihr erstes Engagement erhielt sie als Regieassistentin und Abendspielleiterin am Theater Hof sowie am Nationaltheater Mannheim. 2012–2016 war sie in ebendieser Position auch an der Staatsoper Hannover und hatte zusätzlich die Leitung des Jugendclubs XM inne. An der dortigen Jungen Oper entstanden darüber hinaus eigene Inszenierungen. Ab der Spielzeit 2016/17 wurde sie als Theaterpädagogin und Dramaturgin am Jungen Theater Hof für alle Produktionen des Jungen Theater engagiert, außerdem oblag ihr die Leitung für die Spielclubs KITZ und E-KITZ. Am Theater Dortmund wird sie sich um zahlreiche Projekte der Jungen Oper kümmern und auch im engen Kontakt mit den Lehrer:innen der Dortmunder Schulen stehen. Wir freuen uns schon sehr, Zuzana Masaryk bald in der Ruhrmetropole willkommen heißen zu dürfen!

Titelbild Oper Dortmund © Frank Vinken

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