Intendant Heribert Germeshausen über den Ersatzspielplan und die Saison 2020/21

Intendant Heribert Germeshausen über den Ersatzspielplan und die Saison 2020/21

Opernintendant Heribert Germeshausen
© Björn Hickmann

Zweite Spielzeithälfte 2020/21

„Ab Januar hoffen wir die geplanten Produktionen wesentlich durchführen zu können.“

Die Spielzeit 2020/21 ist für uns eine ganz besondere Spielzeit mit vielen tollen Projekten, insbesondere in der zweiten Spielzeithälfte erwarten uns fünf Novitäten: drei Uraufführungen und zwei deutsche Erstaufführungen. Die erste Spielzeithälfte bis einschließlich Dezember haben wir komplett umgeplant.

Anlässlich des Saint-Saëns Jahres 2021 zeigen wir als deutsche Erstaufführung Frédégonde mit den Brüdern Pene und Amitai Pati, zwei Shootingstars unter den Tenören der internationalen Opernszene, in der Inszenierung der nicht minder Aufsehen erregenden Marie-Eve Singeyrole. Auch die deutsche Erstaufführung von Kurtágs Fin de Partie möchte ich unbedingt halten. Die Uraufführung an der Mailänder Scala wurde mit seltener Einhelligkeit zur Uraufführung des Jahres gewählt. In Dortmund bringen wir die Zweitinszenierung heraus, also die erste Neuinszenierung seit der Uraufführung. Frode Olsen und Hillary Summers, die diese Oper an der Mailänder Scala aus der Taufe gehoben haben, sind auch in Dortmund als Hamm und Nell zu erleben. Ingo Kerkhof, höchst erfolgreich gerade in diesem Genre, führt Regie.

Ein weiteres Highlight haben wir mit der Uraufführung von Bernhard Langs Der Hetzer − eine Überschreibung von Giuseppe Verdis Otello. Die Uraufführung Persona unseres Hauskomponisten Thierry Tidrow, die wir in Kooperation mit der Akademie für Theater und Digitalität durchführen, wurde auf den Wagner-Kosmos II gelegt, anknüpfend an Wagners Motto „Kinder, schafft Neues“.

Im  Wagner-Kosmos II, den ersten den wir umsetzen, werden wir uns somit dem abwesenden Richard Wagner zuwenden, indem wir diesen mit Saint-Saëns᾽ Frédégonde und Langs Der Hetzer sowie Richard Strauss umschreiben. Es geht hier um Vorläufer, Zeitgenossen, Antipoden und Nachfolger Wagners.

Die Uraufführung unserer mobilen Oper Kirsas Musik (Thierry Tidrow) ist für den Januar 2021 geplant.

Erste Spielzeithälfte 2020/21

„Wir haben uns entschlossen, zunächst einen Cut zu machen und bis Dezember den Spielplan zu ändern.“

Szene aus Die Entführung aus dem Serail © Björn Hickmann

Für die erste Spielzeithälfte ist es aufgrund der Hygiene- und Sicherheitsstandards maßgebend, dass wir maximal 90-Minuten-Formate haben, keinen Chor auf der Bühne, sowie eine kleine Orchesterbesetzung, die für uns als Arbeitsgröße ein klassisches Klavierquintett bedeutet, plus etwas Percussion und wenn alles gut läuft einige wenige Holzbläser:innen. Wir haben uns auch in Selbstverpflichtung zu gewissen Punkten entschlossen, weil es für uns sehr wichtig war, wieder spielen zu können.

Die Eröffnung feierten wir unter diesen Vorgaben mit unserem neuen Hausregisseur Nikolaus Habjan  und präsentieren statt der geplanten Carmen eine Neuproduktion von Die Entführung aus dem Serail. Nikolaus Habjan ist ein begnadeter Puppenspieler und als Ersatz stellt die Entführung aus dem Serail kein Minus zu dem dar was ursprünglich geplant war. Davon zeugen auch die zahlreichen positiven Premierenkritiken. Die teilweise aufwendig kostümierten Puppen erzählen die Geschichte und die Sänger:innen singen in Konzertkleidung die Rollen. Ein Videokünstler überblendet in Großaufnahmen die Gesichter der Sänger:innen mit den Puppen, denen sie ihre Stimme leihen.

Es gibt noch zwei weitere Produktionen bei denen wir komplett umdisponieren mussten: Statt der Cabaret-Neuproduktion, die um ein Jahr verschoben wird, kommt der Liedzyklus Songs For A New World, der anhand von vier Personen Extremsituationen schildert. Das geht von Auswanderern aus der Not im 15. Jahrhundert bis zu einer Frau die kurz vor dem Selbstmord steht, hin zu etwas ironisch-erotischen Songs. Ein Abend, der sehr interessant wird.  

Probenfoto Songs For A New World © Björn Hickman

Die stärkste Abwandlung haben wir mit dem Ersatz von Nixon in China durch Sehnsucht. Ein barockes Pasticcio getroffen. Zunächst haben wir noch sehr lange probiert, Nixon in China beizubehalten mit der Überlegung, den Komponisten anzufragen eine Kurzform dieser Oper zu machen, die sich auf verschiedene Spielstätten im Haus verteilen sollte. Es sollte einen Raum für den chinesischen Premierminister Chou Enlai geben, einen auf den Präsidenten der USA Richard Nixon bezogenen und weitere. Vordergründig aus musikalischen Gründen haben wir uns allerdings dagegen entschieden. Man hätte zwar Livesänger:innen gehabt, allerdings auch vorproduzierte Musik und eine Kammerbesetzung des Orchesters, wobei die Musik ganz anders reicht und wirkt, als wenn sie von einem großen Orchester gespielt wird. Wir werden Nixon in China ohnehin in der Spielzeit 2022/23 nachholen.

Nach langer Überlegung haben wir uns dann dazu entschlossen, Sehnsucht umzusetzen. Hier haben wir mit dem Übertitel Sehnsucht ein Programm geschaffen, ohne Covid-19 als solches zu thematisieren. Durch die Zusammenstellung von Werken und Arien von u. a. Broschi, Händel und Monteverdi entsteht eine narrative Struktur, bei der jeder immer nur einzeln singt und die Sehnsucht nach der Gemeinsamkeit nur am Anfang und am Ende kurz aufleuchtet. In dem Fall ist es tatsächlich so, dass es eine Erweiterung unseres Repertoires bedeutet. Ein solches Barockprojekt hätten wir unter anderen Umständen nicht gemacht und mit dem jungen Sopranisten Bruno de Sá haben einen Sänger mit Weltkarrierepotential zu Gast.

Titelbild: Szene aus Die Entführung aus dem Serail © Björn Hickmann

This article was written by

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.