Neue Perspektiven

Neue Perspektiven

Der brasilianische Sopranist Bruno de Sá ist zu Gast in der neuen Produktion Sehnsucht. Ein barockes Pasticcio, die im Oktober ihre Premiere an der Oper Dortmund feiern wird. Im Gespräch erzählt der junge Sänger von seinem Werdegang, dem einzigartigen Instrument, das er in seiner Kehlen hat und den eigenen Sehnsüchten.

Du hast eine ganz besondere Stimme, wie hast du sie entdeckt?

Ich singe seit ich zwei Jahre alt bin, das Singen war für mich also schon immer etwas ganz Natürliches. Meine Eltern sangen im Kirchenchor und ich bin in diesem Umfeld aufgewachsen. Ich kann mich ganz genau daran erinnern, wie ich meine Mutter darum bat, in der Kirche singen zu dürfen – damals war ich zwei Jahre alt! Ich war super klein und meine Mutter musste mich auf einen Stuhl stellen, damit mich die Leute sehen konnten. Seitdem ist Singen mein Hobby gewesen. Als ich später zur Universität ging, entschied ich mich zunächst für ein Flötenstudium, ich wollte Musiklehrer werden und spielte im Orchester. Am Ende dieses Bachelors musste ich allerdings feststellen, dass ich viel mehr Gesangs- als Instrumentalstunden nahm – aber an diesem Punkt hatte ich noch immer nicht vor, eine Karriere als Bühnenkünstler einzuschlagen. Das Singen war nur ein Hobby. Meine Lehrerin konnte damals meine Stimme nicht so recht einordnen, stellte aber fest, dass sie eine besondere Farbe und ein spezielles Timbre hatte.

In welcher Stimmlage hast du damals gesungen?

Ich sang nie als Tenor. Sobald ich anfing, Unterricht zu nehmen, sang ich mit den Frauenstimmen, zum Beispiel dem Alt. Ich hatte nie das tiefe Register, das man als Tenor braucht. In der Teenagerphase, in der sich die männliche Stimme verändert, veränderte sich meine zwar auch, aber nur sehr wenig: Ich merkte, dass ich für den Übergang zu den hohen Noten etwas mehr Anstrengung in meiner Atmung brauchte – aber das waren gerade einmal sechs Monate Instabilität.

Warst du im Stimmbruch?

Nein. Als Kind sang ich immer Sopran, als Jugendlicher während meiner instabilen Phase dann mit den Sopränen oder Mezzi. Der Übergang war sehr sanft. Nach dem Bachelor wollte ich eigentlich einen Master in Gesang machen, um mehr Technik für den Unterricht mit Schüler*innen zu bekommen. Aber ich musste feststellen, dass ich dafür noch nicht bereit war und absolvierte noch einen zweiten Bachelor, diesmal in Performance. Noch im ersten Semester traf ich den berühmten Cembalisten Nicolau de Figueiredo und er war der erste, der mir sagte, dass ich ein Sopranist sei. Zusammen arbeiteten wir dann an diesem Repertoire und schnell bekam ich die ersten Einladungen zu Produktionen. Ich hatte noch nicht einmal meinen zweiten Bachelor beendet, als ich mit dem Arbeiten anfing. Die Dinge entwickelten sich bei mir langsam, aber auch irgendwie schnell und sehr natürlich. Ich hatte nie einen Umstieg von einem Fach zum anderen, hohe Noten machten mir nie Probleme. Eigentlich ist es bei mir das genaue Gegenteil: Ich muss mir viele Gedanken über das tiefe Register machen, das natürlich auch ich als Sopran habe, und daran arbeiten. Ich mag es nicht, wenn man meine Stimme zu einer „magischen“ Sache überstilisiert. Sie ist einfach da und ich muss daran arbeiten, es ist ein Work in progress.

Würdest du sagen deine ‚normale‘ Stimme ist Tenor?

Ich habe einmal ausprobiert, Tenor zu singen. Aber das war ehrlich gesagt nicht sehr erfolgreich. Was ich über die anatomischen Gegebenheiten meiner Stimme weiß, ist, dass meine Stimmbänder sehr elastisch sind und alle meine Passaggi [a.d.R.: Registerwechsel von einer Stimmlage zur anderen, z. B. von der Brust- zur Kopfstimme] gleichwertig mit denen von weiblichen Sopranen sind.

Das ist wirklich ein Geschenk, denn damit steht dir ein großes Repertoire zur Verfügung.

Absolut, Gott sei Dank! Nachdem mein Lehrer dies realisiert hatte, behandelte er mich wie einen männlichen Sopran, arbeitete mit mir also genauso wie mit den Frauen. Das war mir recht, ich wollte einfach nur gesund und in der für mich besten Art und Weise singen. Es funktionierte sofort und ich fühlte mich sehr wohl. Wenn ich hingegen in einer Spielzeit viele hohe Partien singe und zwischendurch eine Rolle mit einem etwas tiefer gelegenen Stimmumfang hinzu kommt, dann muss ich viel mehr mentalen und körperlichen Aufwand betreiben, um die Stimme nicht zu pushen und entspannt zu bleiben. Dabei werde ich natürlich nie wie du, Hagen, klingen, denn du hast viel mehr Volumen im mittleren Register. Aber so ist meine Stimme, der Prozess ist bei jedem unterschiedlich.

Hast du Idole?

Nein, nicht wirklich, aber es gibt Sänger*innen, deren Weg ich respektiere. Lernen kann ich eigentlich von allen Sänger*innen, egal ob sie gut oder schlecht sind. Auch wenn es vielleicht nicht meinem Geschmack entspricht, was sie tun, so kann ich ihre Leistung dennoch anerkennen und von ihnen lernen. Ich bin mir dessen bewusst, dass dies alles nur möglich ist, weil andere Generationen vor mir kamen und die Türen für uns heute geöffnet haben. Die erste Generation musste beweisen, dass ein Mann hoch singen kann. Die nächste machte klar, dass sie ein Repertoire außerhalb der Barockmusik singen kann – das ist die Generation von zum Beispiel Franco Fagioli oder Max Emanuel Cenčić. Ich glaube daran, dass in der Oper in erster Linie die Stimme zählt. Wenn deine Stimme funktioniert, genug Raum zur Entwicklung hat und die Botschaft übermitteln kann, dann spielt dein Geschlecht keine Rolle. Bei der Oper geht es um Stimme, Musikalität, der Übermittlung von Gefühlen – das geht alles über die Frage des Geschlechts hinaus. Warum wird es heute wie selbstverständlich akzeptiert, wenn eine Mezzosopranistin eine Hosenrolle, also einen Mann, spielt, aber das Gegenteil nicht? Nun ist zwar die Zahl der Männer, die dieses Repertoire singen können, nicht so groß, aber was spricht ansonsten dagegen?

Glaubst du, dass es mehr Männer mit diesen Fähigkeiten gibt, sie diese jedoch schlicht nicht kennen oder vielleicht auch gar nicht zulassen wollen?

Ich glaube schon, dass es eine gewisse soziale Blockade gibt. Und dann hängt es natürlich davon ab, woher man kommt. Zum Beispiel in Brasilien ist es schon eine üble Sache, wenn ein Mann eine hohe Sprechstimme hat, denn das wird mit Weiblichkeit gleichgesetzt. Mir haben tatsächlich ein paar Männer geschrieben, dass sie eine ähnliche Stimme hätten und mich gefragt, was sie tun sollen. Der erste Schritt ist natürlich schwierig, man muss eine*n gute*n Lehrer*in finden, die/der einem dabei hilft, die eigene Stimme zu verstehen. Und man muss sich ehrlich die Frage stellen, ob man dazu bereit ist, all die Kommentare, die man hören wird – egal ob gut oder schlecht –, nicht ernst zu nehmen. Ich höre bis heute noch viele wirklich dumme Sachen, sowohl von Menschen, die etwas von Musik verstehen, als auch von denen, die das nicht tun. Wenn man die Musik als Lebensmission versteht, dann sollte man einen Teufel auf solche Kommentare geben. Das ist zumindest meine Meinung.

Früher pflegte man die Tradition der Kastraten, damit man Männer mit hohen Stimmen hatte. Zum Glück gibt es diese Praxis nicht mehr, aber warum gab es sie damals und wieso funktioniert das heute auch ohne sie?

Das sind eigentlich zwei verschiedene Dinge. Es gibt diesen Kastrationsprozess, den man vor vielen Jahren praktizierte. Wir wissen bis heute nicht ganz genau, wann es begann, dass man aus musikalischen Gründen Kastrationen vornahm, aber wir wissen, dass es irgendwann begann, und dass einige der Sänger super berühmt wurden. Die Idee war damals, die zarte, hohe Stimme eines kleinen Jungen in dem kräftigen Körper eines Erwachsenen zu erhalten. Aus gesellschaftlicher Hinsicht war das vielleicht auch eine Lösung für gewisse soziale Probleme, also für junge Knaben aus armen Familien. Man verkaufte seine Kinder an die Kirche oder die Schule, weil man selbst nicht für ihre Erziehung aufkommen konnte. Die Familie bekam Geld oder vielleicht etwas zu Essen, das Kind bekam eine musikalische Ausbildung. Daraus resultierten aber auch viele Probleme, denn nicht alle Kinder überlebten den Eingriff oder hatten das nötige musikalische Talent. Doch diejenigen, die den Eingriff überstanden, erhielten eine besondere Förderung mit Erziehung, Unterricht und guter Nahrung. Im Alter von 15, 18 oder 20 Jahren waren sie schon kleine Superstars wie vielleicht Michael Jackson zu seiner Zeit – vollkommen gewappnet für eine Karriere auf der Musikbühne. Außerdem waren die Menschen damals davon sehr fasziniert. Aber irgendwann änderte sich die Mentalität und die Kastraten bekamen immer weniger Einsatzmöglichkeiten, bis die Kastration verboten wurde. Aber zu dieser Zeit entstand der größte Teil des Repertoires für – durch medizinische Eingriffe herbeigeführte – männliche Soprane. Heute gibt diese Praxis Gott sei Dank nicht mehr, aber wir haben noch das Repertoire und das muss gesungen werden!

Mit David DQ Lee ist auch ein Countertenor im Sehnsucht-Cast. Das ist zwar auch eine hohe männliche Stimme, dennoch ist das ein anderes Stimmfach als der männliche Sopran. Was sind die Unterschiede?

Wir müssen wissen, dass es während der Hochzeit der Kastraten auch Countertenöre gab, also Männer, die auch ohne einen operativen Eingriff hoch singen konnten. Aber die Gesellschaft dieser Zeit mochte die Farbe dieser Stimmen nicht und bewertete darüber hinaus die Tortur, durch die die Kastraten gehen mussten, als wertvoller. Sie wurden dadurch prestigeträchtig.

Diese natürlichen Sänger bezeichnete man als Falsettos oder Falsettisten.

Darum gibt es bis heute dieses Missverständnis von ‚Falsetto‘, das manchmal mit etwas Negativem assoziiert wird. Manchmal wird dasselbe Wort für verschiedene Gesangstechniken verwendet, das ist jedoch falsch. Aber so viel zum historischen Hintergrund, den wir kennen müssen, um zu begreifen, an welchem Punkt wir heute sind: Heute gibt es Männer wie uns, die im hohen Register wie ein Sopran oder Mezzosopran singen können, auch wenn wir natürlich nicht exakt wie eine Frau klingen. Wir sind ja immer noch Männer. Aber das Register ist ziemlich dasselbe, es gibt männliche Mezzosopranisten und männliche Soprane sowie hohe und tiefe Countertenöre – jede Stimme ist verschieden. Mein Fall ist ebenso individuell: Ich habe nie diesen Prozess durchgemacht, um eine höhere Stimme zu entwickeln. Und das ist vielleicht auch der größte Unterschied zwischen Hagens und meiner Stimme. Aber wenn wir auf die musikalische Praxis blicken, können wir beide mitunter das gleiche Repertoire singen. Ein Beispiel dafür ist auch der Countertenor bzw. Mezzosopranist Franco Fagioli.

Du würdest sagen, er ist ein Mezzosopran?

Ja, seine Stimme klingt viel mehr danach.

Aber sein Stimmumfang ist der eines Soprans.

Nicht wirklich. Vielleicht muss ich das anders formulieren: Ist jede Frau, die hoch singt, ein Sopran?

Naja, das hängt natürlich von dem Klang ab.

Ganz genau, das ist der Punkt. Manchmal können auch Mezzi hoch singen und haben die Spitzentöne, aber ihre Klangfarbe, der Zugriff auf die Töne und die Möglichkeit, dort oben für eine Weile zu bleiben, haben einen anderen Fokus. So ist das auch bei Franco Fagioli, er hat hohe Noten, aber das macht ihn noch nicht zu einem Sopran. Im letzten Monat haben wir zusammen in einer Produktion gesungen, und auch wenn er die größere Rolle hatte, so haben wir doch das exakt gleiche Register gesungen. Dabei konnte man die Unterschiede zwischen unseren Stimmen ausgezeichnet hören: Die Art und Weise, wie wir jeweils die hohen aber auch die tiefen Noten erreichen, ist sehr unterschiedlich. Auf dem Papier in Noten gefasst sind unsere Stimmen gleich, aber wenn man sie hört, dann unterscheiden sie sich in der Klangfarbe sehr. Und auch anatomisch wird man da Unterschiede finden.

Das ist wirklich spannend! Aber um auf die Frage zurückzukommen: Es gab die Zeit der Kastraten und parallel dazu die Falsettisten. Sie benutzten die Falsettstimme, um das hohe Register zu erreichen. Ist das bei dir ähnlich, nur dass du dafür ausschließlich die Kopfstimme verwendest?

Wenn wir ‚Falsetto‘ als eine nicht weiterentwickelte Technik definieren, dann stimme ich zu. Aber wenn man damit die Fähigkeit eines Mannes, hoch zu singen, beschreibt, dann sind wir genauso Falsettisten. Es ist schwierig, es gibt verschiedene Bedeutungen für diesen Begriff. Ich ziehe die Betrachtungsweise vor, dass in beiden Fällen die Kopfstimme verwendet wird, aber auch die Bruststimme, wenn nötig. Letztendlich geht es nur um die Farbe der Stimme und dabei spielt es keine Rolle, ob man ansonsten Bariton oder Tenor ist. Wenn wir auf der Bühne sind, dann ist das unerheblich, denn dann interessiert das Publikum nur noch die Qualität der Stimme und unsere Kunstfertigkeit, sie einzusetzen.

Wir haben schon festgestellt, dass deine Stimmen der von Frauen sehr ähnlich sind. Wirkt sich das auch auf deine Rollen aus, musst du oft Frauen darstellen?

In den letzten Spielzeiten habe ich fast nur weibliche Rollen gesungen. In Basel haben wir eine neue Produktion mit dem Titel Andersens Erzählungen gemacht und ich war die kleine Meerjungfrau. Der Komponist Jherek Bischoff hat diese Rolle auf meine Stimme komponiert. Es ist eine zeitgenössische Musik, aber sehr tonal. Außerdem hab ich dort Barbarina aus Mozarts Le nozze di Figaro und Florestine in Darius Milhauds La mère coupable gesungen. Vor vielen Jahren durfte ich auch schon einmal die Erste Dame aus der Zauberflöte machen. Ich habe also überhaupt kein Problem damit, Frauenrollen zu singen. Interessant ist allerdings, dass man mich immer nur verbunden mit einer Entschuldigung dafür anfragt und es damit rechtfertigt, dass die Rolle in dieser Produktion eine besondere Gender-Identität hätte. Ich frage mich wirklich, wo das Problem ist. Warum muss man sich dafür rechtfertigen? Wenn meine Stimme es mir erlaubt, warum kann ich dann die Rolle nicht einfach singen? Ein gutes Beispiel ist die Oper I Capuleti e i Montecchi von Vincenzo Bellini. Auf meinem Lieblingsvideo auf Youtube singe ich den Romeo, aber wenn ich ganz ehrlich bin, passt die Partie der Giulietta noch wesentlich besser zu meiner Stimme. Ich kann sie vollkommen mühelos und entspannt singen. Aber diese Rolle wurde mir noch nie angeboten, weil man sich davor scheut, einen Mann als Giulietta zu besetzen. An dieser Stelle kann ich aber ein bisschen spoilern: Ich nehme gerade eine CD auf und das Repertoire, das wir dafür ausgewählt haben, konzentriert sich in erster Linie auf Frauenrollen, die bereits zu ihrer Entstehungszeit von Männern gesungen wurden.

Gibt es denn da tatsächlich so viele?

Oh ja, sehr sehr viele. Ich musste mich sogar auf eine bestimmte Periode beschränken. Wir wollen die Androgynität meiner Stimme dazu nutzen, um zu zeigen, dass das Geschlecht keine Rolle spielt. Wir reden hier von Theater, zum Beispiel bei Shakespeare selbst wurden alle Rollen von Männern gespielt. Genauso gut könnten aber auch alle Rollen von Frauen gespielt werden. Vielleicht kann meine Generation oder sogar ich selbst derjenige sein, der neue Möglichkeiten eröffnet: Ein Mann kann genauso gut die Traviata oder Giulietta singen. Am Ende kommt es doch nur darauf an, was zu der Stimme passt und ob es funktioniert. Deswegen würde ich zum Beispiel nie die Tosca singen, auch wenn ich sie liebe. Aber ich bin ja nicht wahnsinnig, das könnte ich nicht. Was ich an unserer Produktion Sehnsucht so sehr mag, ist das Gender-Cross-Over. Ich verkörpere eine Figur, die an einem Punkt startet und während seiner*ihrer Reise viele andere Möglichkeiten entdeckt. Und am Ende spielt das Geschlecht keine Rolle mehr.

Fühlst du dich denn femininer, wenn du mit Sopranstimme singst?

Es ist interessant, darüber nachzudenken. Aktuell brechen wir zwar mehr oder weniger viele Regeln in unserer Gesellschaft, aber die allgemeinen Vorstellungen sind doch immer noch weit verbreitet: eine männliche Haltung ist stark, die Stimme tief und sehr maskulin. Aber wenn wir in die Vergangenheit schauen, dann sehen wir, dass die Idee von Männlichkeit eine andere war. Die Kastraten hatten hohe Stimmen und repräsentierten in den barocken Opern die Helden, Götter und Könige. In all den Jahren, die seitdem vergangen sind, hat sich also ganz schön viel in der allgemeinen Anschauung verändert. Manchmal ist es eine harte Schule für unsere Sänger*innengeneration, die mit dieser Vorstellung aufgewachsen ist, mit einer hohen Stimme auch maskulin zu sein. Denn unsere Gesellschaft versucht uns vorzuschreiben, dass das nicht geht.

Frauen haben da tatsächlich weniger Probleme; sie können eine hohe Stimme haben, aber eine tiefe weibliche Stimme wird oft ebenso als erotisch empfunden.

Das ist dann aber meistens der Versuch, sich dem Männlichen anzunähern. In Brasilien sprechen die Frauen oft mit einer tiefen Stimme, weil sie ihre Aussagen untermauern und respektiert werden wollen. Das stammt auch von der in der Gesellschaft noch immer vorherrschenden Idee, dass der Mann im Zentrum steht und alles, was außerhalb des Maskulinen stattfindet, weniger wichtig ist und weniger Aufmerksamkeit erhält. Ich stimme darin überein, dass wir heute mit diesen beiden Polen spielen müssen. Es ist kein Problem, auf der Bühne zu stehen, sehr hoch zu singen und dabei maskulin zu sein. Genauso ist es aber kein Problem, den anderen, feinfühligen Pol zu repräsentieren. Und auch eine Mischung ist absolut legitim, um allen Gefühlen, die es in einem Menschen gibt, den nötigen Raum zu geben. Ein und derselbe Mensch kann sich an einem Tag eher maskulin verhalten, am nächsten Tag eher feminin. Auf der Bühne müssen wir manchmal genau das dem Publikum zeigen.

Wenden wir uns nun noch etwas unserem Stück zu. Aber vorab: Magst du auch privat Barockmusik und was begeistert dich daran?

Das ist eigentlich eine ziemlich lustige Frage. Es gab in meinem Leben Momente, in denen ich Barockmusik liebte, aber dann gab es ebenfalls welche, in denen ich sie hasste. Das muss ich ganz ehrlich gestehen. Nicht weil ich die Epoche oder das Repertoire hasste, sondern weil ich manche Leute nicht so mag, die sie musizieren. Und das ist wirklich traurig. Es gibt eine Handvoll Spezialist*innen, die meinen, die Regeln zu kennen und sie allen anderen aufoktroyieren zu müssen. Versteht mich nicht falsch, ich finde es absolut richtig, zu lernen und die Musik und Traktate zu kennen. Aber am Ende müssen wir Kunst machen und die über Jahrzehnte gesammelten Erfahrungen mit dem Wissen, das wir heute haben, kombinieren. Ich mag es nicht, wenn Leute sagen, dass man etwas tun müsse oder Dinge falsch täte. Wer sind diese Menschen, die mir sagen wollen, was mein persönlicher Weg ist, Kunst zu machen? Dann fühle ich mich beschnitten. Damals in Brasilien passte die Art und Weise, wie dort Barockmusik gemacht wird, nicht zu mir. Also sang ich etwas anderes, meine Stimme erlaubte es mir. Ich machte viel Mozart und Bellini und später kehrte ich dann zur Barockmusik zurück und brachte all diese Erfahrungen mit. Ich habe dann verstanden, dass ich kein Problem mit der Barockmusik hatte, sondern nur mit einigen der Menschen, die behaupteten, davon etwas zu verstehen. Was ich an der Barockmusik tatsächlich sehr mag, ist die Darstellung der Gefühle. Sie ist wirklich intensiv. Wenn man sie mit unserem täglichen Leben vergleicht, dann kann man erkennen, dass es eine große Ähnlichkeit gibt: Wir sind selbst sehr intensiv, wenn wir traurig sind, wenn wir Angst haben oder verliebt sind. Die Barockmusik beschreibt das sehr genau. Manchmal muss man allerdings erst ihre Sprache verstehen lernen. Aber wenn man einmal die musikalische Sprache begreift, die die Komponisten in dieser Epoche verwendeten, dann haut dich das um. Es ist so sensationell. Und dabei geht es nicht nur um die allseits bejubelten Koloraturen. Warum schrieben die Komponisten Koloraturen? Der Grund war nicht nur, die Virtuosität der Sänger*innen zu zeigen. Sie wählten oft vielmehr ein ganz spezielles Wort aus dem Text, das sie mit den Koloraturen verzierten und auch betonten. Das hat alles eine Bedeutung. Meine Pflicht als Darsteller und Künstler ist es, den Gedanken, den der Komponist dabei hatte, herauszufinden, und meine eigene Idee dieser Phrase damit zu verbinden. Da gibt es ein schönes Beispiel in der Arie „Son qual nave“, die ich auch in Sehnsucht singe und die wirklich sehr herausfordernd ist. Ich musste erst einmal den Grund dafür finden, warum ich an dieser Stelle diese Koloraturen singe. Denn in unserem Pasticcio sind die einzelnen Arien ja aus ihrem ursprünglichen Kontext der jeweiligen Oper herausgenommen und wir erzählen unsere eigene Geschichte damit. Ich habe mich also dazu entschieden, mit dieser Koloratur zu spielen, indem ich einen Jungen verkörpere, der mit seinem Schiffchen spielt. Dieses Schiff macht eine Bewegung und darum verfolgen auch meine Koloraturen diese Bewegung.

Was gefällt dir besonders an dieser Produktion?

Dass wir die musikalische Idee des Barock dafür nutzen, unsere alltägliche Suche nach unseren Sehnsüchten genauso wie unsere unterschiedlichen Gefühle auszudrücken.

Wir haben schon angesprochen, dass unser Stück ein Pasticcio ist: Es gab zu Beginn kein fertiges Libretto, sondern wir erzählen durch das Aneinanderfügen verschiedener Arien und Ensembles eine eigene Geschichte. Unterscheidet sich diese Arbeit für dich von der Arbeit an einer ‚normalen‘ Oper?

Für mich ist es das erste Mal, dass ich in einem Pasticcio spiele. Wenn man eine solche Stückauswahl in einem Konzert singt, dann muss man nicht zwingend Verbindungen zwischen den einzelnen Nummern herstellen. In unserem Fall müssen wir nun die Geschichte selbst durch unsere Darstellung erfinden und erzählen. Toll ist daran, dass man dabei total frei ist und erfinden kann, was man möchte. Im gleichen Zuge ist es aber auch herausfordernd, weil man das richtige Gefühl für die einzelnen Nummern finden muss, und das ist manchmal komplett anders als im ursprünglichen Kontext. In meinem Fall muss ich eine neue Geschichte für Stücke finden, die ich schon sehr oft gesungen habe – das gibt mir die Möglichkeit, auf eine Art Entdeckungsreise zu gehen. Außerdem muss ich meine Rolle völlig neu kreieren: Ich bin ein Junge, das Alter Ego von einem Mann, ich verwandle mich zwischendurch in eine Frau. Ich bin sicher, dass das Publikum die Idee dahinter verstehen wird. Wir haben einen guten roten Faden entwickelt, der durch das Stück führt. Ich bin wirklich schon sehr aufgeregt, wie das finale Ergebnis sein wird. Und ich freue mich auf mein Kostüm, das ist wirklich fantastisch.

Zum Abschluss noch eine philosophische Frage: Was bedeutet Sehnsucht für dich?

Ich denke, dass die meisten Menschen die gleiche Sehnsucht im Leben haben: glücklich zu sein. Aber dieses Glück hat für jeden Menschen eine andere Bedeutung; für manche bedeutet das, zu heiraten, ein Kind zu bekommen, eine Familie zu gründen oder auch zu studieren. Es spielt keine Rolle, über welche Art von Glück wir sprechen – glücklich zu sein ist immer unser Ziel, das wir mit aller Kraft verfolgen. In dem Versuch, es zu erreichen, treffen wir in unserem Leben ganz unterschiedliche Entscheidungen. Gerade die Zeit heute ist so schwer für alle und ich denke wir sind uns alle einig, dass wir sie so schnell wie möglich bewältigen wollen. Vielleicht hat uns diese Pandemie erst deutlich gemacht, dass das individuelle Ziel eigentlich egal ist, da wir am Ende alle im selben Boot sitzen. Vielleicht reflektieren wir gerade alle viel mehr als sonst unsere Ziele und finden dabei heraus, dass manche davon wirklich wichtig sind, andere weniger und noch andere überhaupt nicht. Meine Sehnsucht ist es, in mir die richtige Energie für meinen eigenen Lebensweg zu finden und dafür, selbst nach Momenten des Scheiterns wieder aufzustehen. Gott sei Dank hat Kunst die Kraft, all diese Gedanken in 3D sichtbar zu machen, denn manchmal ist es schwer, sie zu visualisieren. Die Kunst kann sie übersetzen und uns eine neue Perspektive geben, wodurch wir selbst neue Energie gewinnen können und unseren Weg vielleicht wieder etwas klarer sehen.

Vielen herzlichen Dank für dieses anregende Gespräch!

Die Fragen stellten Hagen Matzeit und Laura Knoll.

This article was written by

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.