Unterwegs in musikalischen Welten

Unterwegs in musikalischen Welten

Seit Beginn der Spielzeit 2024/25 ist Marc L. Vogler Composer in Residence der Jungen Oper Dortmund. Schon in seinem ersten Jahr zeigte sich die Vielfalt seines Könnens: Mit der Komödie Marie-Antoinette oder Kuchen für alle! schrieb er eine mitreißende Oper voller Stilcollagen und Ohrwurm-Momente. Darauf folgte Who Cares?, eine partizipative Oper für die Dortmunder Bürger*innenOper – über Sorge, Erschöpfung und die Kraft des Kümmerns, eigens für ein Laienensemble komponiert. Seine dritte Arbeit richtet sich nun an eine ganz andere Zielgruppe: Kinder ab 4 Jahren. Mit Klangstreich, einer A-cappella-Oper nach dem Kinderbuch von Inge Brendler, eröffnet Vogler den Spielplan der Jungen Oper 2025/26 und lädt erneut zu einer musikalischen Reise durch unterschiedlichste Klangwelten ein. Im Zentrum steht die kleine Note Finn, die aus einem Geburtstagslied springt und sich auf die Suche nach einer wunderschönen Melodie macht, die ihr im Traum begegnet ist. Zwischen Kellerband, Alpenjodeln und Disco-Funk jagt Finn dieser Melodie hinterher – quer durch Stile, Rhythmen und Klänge. Im folgenden Interview spricht Marc L. Vogler über die Arbeit an Klangstreich : über das Komponieren für Stimmen, kindgerechte Erzählformen und musikalische Abenteuerlust.

Szenenfoto aus Klangstreich (© Björn Hickmann)

Klangstreich ist deine erste A-cappella-Oper. Was bedeutet das für dich beim Komponieren?

Die größte Herausforderung – und zugleich das Spannende – ist: Es gibt keine Instrumente. Kein Orchester, kein Klavier, keine Klangfülle, womit ich sonst arbeiten könnte. Das zwingt mich, anders zu denken. Ich kann nicht einfach auf bewährte Muster zurückgreifen. Stattdessen muss ich bei jedem Klang überlegen: Wie kann ich das, was ich höre, nur mit Stimmen umsetzen? Gerade weil die Mittel begrenzt sind – es gibt nur drei Stimmen, die zwischendurch auch mal atmen müssen – entstehen oft überraschende Lösungen. Die Begrenzung macht erfinderisch. Und manchmal liegt gerade darin der Reiz: in der Konzentration auf das Wesentliche.

Würdest du sagen, dass du bei einer A-cappella-Oper anders mit den Stimmen umgehst als zum Beispiel bei einer Kammeroper?

Ja, absolut. In einer „klassischen“ Oper, ob groß besetzt oder als Kammeroper, habe ich immer ein begleitendes Element, sei es Orchester oder Klavier. Das gibt mir die Freiheit, die Stimme vor allem als sendendes Medium einzusetzen und ihr eine aktive Rolle in der Handlung zuzuweisen, für Emotion oder Figurencharakterisierung. Bei einer A-cappella-Oper ist das anders. Hier liegt alles bei den Stimmen. Das heißt, die Sänger*innen übernehmen nicht nur Rollen oder Emotionen, sondern erzeugen gleichzeitig das musikalische Fundament, auf dem sie sich selbst bewegen: etwa rhythmische oder harmonische Begleitungen. Sie wechseln ständig zwischen funktionalem Klang und szenischem Ausdruck; mal singen sie einen klassischen Part, im nächsten Moment imitieren sie etwa eine Streicher-Begleitung. Das verlangt eine andere Denkweise beim Komponieren.

Szenenfoto aus Klangstreich (© Björn Hickmann)

Finn begegnet in Klangstreich einer Sängerin, aber auch Instrumenten wie einem Saxofon oder einer knallroten E-Gitarre. Wie hast du diese Instrumente komponiert, wenn ihr Klang ausschließlich durch Stimmen erzeugt werden muss/kann?

Das war eine spannende Herausforderung. Das Saxofon zum Beispiel hat bei mir eine improvisierte Passage, in der es rein stimmlich seinen typischen Sound imitiert. Ich habe überlegt: Was macht den Klang eines Saxofons aus? Für mich ist das dieser leicht hauchige Ton – es schickt immer ein bisschen Luft voraus. Und genau das wollte ich auch in der Sprache hörbar machen. Deshalb zieht das Saxofon bei allem, was es sagt oder singt, die f-Laute ein wenig in die Länge. Das ist ein kleines Stilmittel, das sofort ein klangliches Bild erzeugt, ohne echtes Instrument.

Finns Reise führt durch viele musikalische Welten. Welche Stile begegnen uns in Klangstreich?
Ganz unterschiedliche und oft auch überraschende. Jazz in verschiedenen Ausprägungen: Es gibt klassischen New-Orleans-Jazz oder Chicago-Jazz, den ich persönlich sehr mag. Dazu kommt Rockmusik, ein Ausflug in den A-cappella-Pop mit Close-Harmony, wenn Finn über die Dächer der Stadt fliegt, Anklänge an Barock, Klassik oder sogar Gregorianik. Auch Volksmusik taucht auf, etwa beim Jodeln, das ich sehr ironisch komponiert habe. Das ist nicht unbedingt „meine“ Musik, aber genau deshalb reizvoll. Später wird’s dann elektronisch, mit Club-Sounds – und natürlich darf auch die Oper nicht fehlen. Ganz am Schluss gibt es sogar eine kleine, augenzwinkernde Carmen-Anspielung, als einzige explizite Hommage.

Szenenfoto aus Klangstreich (© Björn Hickmann)

Was bedeutet für dich „kindgerecht“ zu komponieren?

Das bedeutet vor allem, dass ich mich ständig hinterfragen muss: Versteht man das? Gerade weil ich gern mit Anspielungen arbeite, muss ich prüfen, ob die Referenz für Kinder überhaupt greifbar ist. Wenn nicht, fliegt sie raus. Eine kleine Anspielung für die Erwachsenen ist okay, aber zu viele davon funktionieren nicht. Die Zielgruppe sind Kinder ab vier Jahren – das nehme ich sehr ernst. Gleichzeitig fällt es mir leicht, für Kinder zu schreiben. Mental bin ich fünf. Ein Jahr älter als unsere Zielgruppe (lacht).

Welche musikalischen Mittel hast du gewählt, um die Aufmerksamkeit der Kinder zu bekommen – und zu halten?

Mir war wichtig, die einzelnen Erzähl- und Musikbögen nicht zu lang zu gestalten. Ein Stil, eine Melodie oder ein Thema bleibt nie zu lange im Raum. Stattdessen versuche ich, die Musik abwechslungsreich und kurzweilig zu halten, ohne dabei beliebig zu werden. Natürlich muss man aufpassen, dass es nicht zu sprunghaft wird. Ich halte nichts davon, alles nur noch an kurzen Aufmerksamkeitsspannen auszurichten, an der Diktatur der TikTok-Länge. Aber es geht darum, einen Mittelweg zu finden: so erzählt, dass es lebendig bleibt und trotzdem Substanz hat.

Szenenfoto aus Klangstreich (© Björn Hickmann)

Fühlst du dich in besonderer Verantwortung, wenn du für vierjährige Kinder komponierst?
Nein, da mache ich keinen Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen. Die Verantwortung bleibt dieselbe, egal für welches Publikum.

Finn begegnet seiner Melodie im Traum. Träumst du selbst manchmal von Melodien und verfolgst sie dann?

Einmal hatte ich tatsächlich eine Melodie im Traum! Ich bin mitten in der Nacht aufgewacht und habe sie sofort als Sprachmemo aufgenommen. Denn klar ist: Wenn man weiterschläft, ist sie am nächsten Morgen für immer weg. Aber solche Momente sind bei mir wirklich selten – leider.

Jimmy, die E-Gitarre, sagt im Stück zu Finn: „Um Musik zu finden, musst du Musik machen.“ Findest du, das ist ein guter Rat?

Ja, absolut. Musik entsteht durchs Tun – und man sollte viel mehr Musik machen, ganz egal wie oder auf welchem Niveau. Ich würde nur eines ergänzen: genauso wichtig ist es, Musik zu hören. Das sagt Jimmy zwar nicht, aber für mich gehört beides unbedingt zusammen. Nur wer hört, kann auch wirklich verstehen, was Musik alles sein kann.

Szenenfoto aus Klangstreich (© Björn Hickmann)

Was soll beim Publikum ankommen?

Vor allem die spielerische Freude, die ich selbst beim Komponieren empfunden habe – an den unterschiedlichsten musikalischen Stilen und an der Vielfalt, die Musik bieten kann. Wenn das Publikum Lust bekommt, weiterzuhören, selbst Musik zu machen oder einfach mit offenen Ohren durch die Welt zu gehen, dann bin ich glücklich.

© Header: Xavier Renaudin

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