„Wir warten nur darauf endlich wieder starten zu können!“

Chordirektor Fabio Mancini © Björn Hickmann

Interview mit dem Chordirektor Fabio Mancini

Was wäre die Dortmunder Oper ohne ihren Opernchor? Seit dem ersten Shutdown vor neun Monaten ist dieser von der Bühne verbannt – was keineswegs bedeutet, dass Stillstand herrscht. Chordirektor Fabio Mancini berichtet im Interview von der aktiven Chorarbeit in Pandemiezeiten und gibt Einblicke in den Digitalen Weihnachtsspielplan, bei dem der Chor u. a. zum Mitsingen einlädt.

Informationen und Programm zum Digitalen Weihnachtsspielplan hier:
https://www.theaterdo.de/weihnachten

Der Chor ist im besonderen Ausmaße von Corona betroffen – seit dem ersten Lockdown konnten keine Opernproduktionen mehr mit Chor auf der Bühne stattfinden. Als der Probenbetrieb im Juni wieder losging, startete auch der Chor in gesplitteten Gruppen wieder. Wie hat sich die Situation seither entwickelt?


Der Chor hat mit die schwierigsten Voraussetzungen, da Singen unter Corona aufgrund der Aerosole gefährlich ist. Dies betrifft natürlich auch die Solist:innen, die allerdings auch alleine oder mit viel Abstand in einem Raum oder auf der Bühne singen können, was für einen Chor natürlich nicht machbar ist. Der Chor funktioniert als Kollektiv. Daher ist es besonders schwierig Räumlichkeiten oder Konzepte zu finden, bei denen dieser tatsächlich als Ganzes unter Berücksichtigung der besonderen Sicherheitsabstände auftreten kann. Mit den beiden Probebühnen der Oper Dortmund an der Alten Straße haben wir das große Glück, dass diese groß genug sind und wir ausreichend Platz haben, um auch die großen Opern dieser Spielzeit einzustudieren. Hier sind für uns insbesondere zwei Produktionen relevant: Frédégonde von Ernest Guiraud und Camille Saint-Saëns (Deutsche Erstaufführung, Musikalische Leitung: Gabriel Feltz, Regie: Marie-Eve Signeyrole) und Der Hetzer von Bernhard Lang (Uraufführung/Auftragswerk der Oper Dortmund, Musikalische Leitung: Philipp Armbruster, Regie: Kai Anne Schumacher).
Zunächst waren die Sicherheitsabstände mit sechs Metern so groß, dass wir in einzelnen Stimmgruppen geprobt haben: Sopran, Bass, Alt, Tenor – alle getrennt. Da die zwei Probebühnen damals beide frei waren, konnten immer doppelte Proben stattfinden, was den Vorteil hatte, dass ich alle zumindest einmal am Tag gesehen habe. Als sich die Abstände dann ab September durch die neuen Regelungen auf drei Meter verringerten, konnten wir bereits auf einen halben Chor aufstocken. Man muss hier sehen, dass auch drei Meter für ein Kollektiv, dass es gewohnt ist, Arm an Arm beieinander zu singen, sehr groß sind, einfach weil die anderen schwerer zu hören sind. Aber wir haben das Beste daraus gemacht. Jedes Team hatte dabei die Hälfte der Sänger:innen und es fanden auch Wechsel statt. Der Chor hat insgesamt 44 Mitglieder, zur Zeit sind es 42 aktive. Pro Gruppe waren es dann ungefähr 21 Personen – die dann aber schon vierstimmig gemischt waren. Als Grundbausteine haben wir also mit diesen beiden Gruppen gearbeitet, die Proben wurden weiter getrennt gehalten. Je nachdem was wir dann zu tun hatten, wurden z. B. auch mal alle Damen bestellt und am Abend dann nur die Herren oder wir haben die Damen der einen Gruppe mit den Herren der anderen Gruppe gemischt, so dass sich alle immer mal wieder sehen konnten. Unser Sicherheits-und Hygienekonzept ist sehr gut, so dass die Leute sich auch untereinander mindestens einmal am Tag sehen konnten.


In den letzten Wochen war der Chor für die Zuschauer:innen wieder in Form unterschiedlicher Onlineformate präsent, die vorproduziert wurden u. a. für die Weihnachtsgala des Theater Dortmund sowie das Klangvokal Musikfestival NRW und das Vokalmusikzentrum NRW, die in enger Kooperation mit dem Theater Dortmund entstanden sind. All diese Beiträge werden im Rahmen des Digitalen Weihnachtsspielplans auf der Homepage des Theater Dortmunds ausgestrahlt.


Es gab zwei Aufnahmen für das Klangvokal Musikfestival NRW und das Vokalmusikzentrum NRW, die aufgrund der Raumgröße weiterhin auf den Probebühnen an der Alten Straße produziert wurden.
Dazu kommt ein Beitrag für die Weihnachtsgala des Theater Dortmund, der für uns besonders war. Zudem noch eine Aufnahme mit den Dortmunder Philharmonikern im Konzerthaus Dortmund für das Heiligabend-Konzert am 24.12.2020.

Am 25.12.2020 ab 17.00 wird der Beitrag des Opernchores für die Weihnachtsgala ausgestrahlt. Inwiefern stellt dies für euch ein besonderes Highlight dar?


Für die Weihnachtsgala hat der Opernchor „Va pensiero“ aus Nabucco von Giuseppe Verdi beigetragen. Jeder kennt die Geschichte von Nabucco und dem Gefangenenchor der Juden, die sich singend ihrer wunderschönen Heimat erinnern, in der sie nicht mehr sein dürfen. Das war für uns natürlich besonders emotional, da wir nach neun Monaten, seit der Geisterpremiere von Die Stumme von Portici Mitte März, das erste Mal wieder gemeinsam mit dem ganzen Chor einmalig im Zuschauerraum der Oper Dortmund singen durften. Wir haben bis dahin mit maximal 12 Leuten, später dann dem halben Chor gesungen und nun standen alle wieder gemeinsam in ihren Räumlichkeiten, sozusagen der Heimat des Opernchores. Wir haben das sehr vermisst, denn seit es den Opernchor gibt, hat es noch nie eine so lange Pause und Trennung untereinander gegeben, das Maximum waren bisher immer nur die sechs Wochen während der Spielzeitferien im Sommer. Manche Chormitglieder sind ja schon seit Jahrzehnten dabei und haben ihr halbes Leben hier verbracht – ich selber bin ja erst seit gut vier Jahren hier. Alle wieder zusammen zu sein angesichts dieser sehr emotionalen Musik und einem Text, der Parallelen zur aktuellen Situation aufweist – ich kann nur empfehlen, sich diesen Beitrag anzuschauen.

Im Rahmen des Digitalen Weihnachtsspielplans wird am 25.12.2020 zudem eine Chorprobe zum Mitmachen präsentiert. Was erwartet die Zuschauer:innen bei der digitalen, weihnachtlichen Chorprobe?

Die Chorprobe zum Mitsingen ist Teil des Zyklus Sofasongs vom Vokalmusikzentrum NRW. Die Probe lässt sich in zwei Teile gliedern: Zum einen gebe ich ein Einsingen für die Zuschauer:innen und Laien zu Hause. Bei unseren Chormitgliedern handelt es sich ja um professionelle Opernsänger:innen, die sich aufgrund des Alltagsbetriebes gewöhnlich selbst einsingen und um ihre Stimme kümmern. Bei nicht professionellen Sänger:innen ist es allerdings wichtig, um stimmlich fit zu bleiben, und so kommt zunächst ein Warm-Up für die Stimme von mir. Im zweiten Teil haben wir dann drei Weihnachtslieder so einstudiert, dass diese von zu Hause problemlos mitgesungen werden können. Ich empfehle das nur sehr gerne, da wir bereits eine tolle Resonanz von Laienchören bekommen haben, denen das Singen fehlt. Nun besteht die Möglichkeit, bei uns mitzusingen, wenn auch virtuell.


Seid ihr gut vorbereitet für Frédégonde (Deutsche Erstaufführung im Rahmen des Wagner-Kosmos II am 13.05.2021) und den Hetzer (Uraufführung im Rahmen des Wagner-Komos II am 14.05.2021)? Und wie ist die Stimmung momentan im Chor?


Auf jeden Fall. Wir warten nur darauf endlich wieder starten zu können! Die Chormitglieder sind alle sehr motiviert und freuen sich über wirklich jeden Dienst. Auch wenn sie natürlich traurig darüber sind keine Auftritte auf der Bühne zu haben und sie die Bühnenluft und Interaktion mit den Zuschauer:innen sehr vermissen, geht es dem Chor den Umständen entsprechend gut. Alle hoffen, dass die Pandemie bald wieder vorbei ist und wir wieder richtig loslegen können. Neben den beiden Opern bereiten wir gerade das große Chorkonzert Liebeslieder-Walzer für unser Comeback im Frühling auf der großen Opernbühne vor.

Was erwartet die Zuschauer:innen bei dem Chorkonzert Liebeslieder-Walzer am 12. März 2021?


Wir haben hier ein sehr besonderes Konzertprogramm zusammengestellt. Manche Sachen wird man kennen, wie die Liebeslieder-Walzer, die als Liederzyklus den zentralen Block bilden, andere bekommt man eher selten zu hören wie vier slowakische Lieder von Béla Bartók in deutscher Sprache oder auch interessante Stücke von Gioachino Rossini, die entweder als Quartette oder als Chöre gesungen werden können. Es ist sehr schade, dass diese Stücke so selten zu hören sind, also gibt es bei uns die Möglichkeit dazu. Das Programm ist breit gefächert von der Renaissance bis hin zu Béla Bartók. Die Bemühungen gehen dahin auch in schweren Corona-Zeiten ein fröhliches und frühlingshaftes Konzert auf die Beine zu stellen.

Informationen und Programm zum Chorkonzert Liebeslieder-Walzer:
https://www.theaterdo.de/produktionen/detail/liebeslieder-walzer/

Stimmt es, dass sich manche Chormitglieder freiwillig beim Gesundheitsamt Dortmund gemeldet haben, um Unterstützung zu leisten?


Das stimmt. Es gab einen Aufruf von der Stadt Dortmund, bei dem Freiwillige gesucht wurden. Von uns haben sich fünf Leute gemeldet, die mittlerweile auch alle ihre Schulung absolviert haben und nun auf ihren Einsatz warten. Hier geht es vor allem um die Rückverfolgung von Kontakten, herauszufinden ob sich jemand in Gefahr befindet und die Leute anzurufen.

Das Interview führte Houssie Shirin

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