„Der Klang einer Stimme sagt mehr als tausend Worte.“

Composer in Residence Thierry Tidrow im Gespräch zu seiner Komposition Die Bürgschaft für die Bürger:innenOper 2020.

Foto: Anika Neese

Dein Kompositionsschwerpunkt liegt auf Opern und modernem Musiktheater. In welcher Beziehung stehst du zu Beginn eines neuen Kompositionsprozesses zum Libretto?

Das Libretto ist besonders wichtig für mich, denn meine Musik ist sehr narrativ. Es gab einen Moment in der Erarbeitung meines ersten Stücks, da dachte ich: Ich will wirklich unbedingt Opern komponieren, denn es macht so viel Freude mit diesen Texten Stoffen? zu arbeiten. Am Anfang nehme ich mir erst einmal sehr viel Zeit für den Text: Ein bis zwei Monate lesen, Kaffee trinken und nachdenken. Während dieser Zeit schreibe ich noch gar nichts. Der Text muss zunächst vollständig verinnerlicht werden, bevor die ersten Assoziationen entstehen.

Du hast selbst Gesang studiert und der vielfältige Einsatz der Stimme zeigt sich in deiner Musik. So auch in Die Bürgschaft, deinem ersten Werk als Composer in Residence für die Bürger:innenOper 2020. Was fasziniert dich an der menschlichen Stimme?

Ich finde, der Klang einer Stimme sagt mehr als tausend Worte. Die menschliche Stimme kann einfach so ausdrucksvoll sein, sie kann so viel bedeuten. Sie kann hochemotional sein, aber auch Geräusche erzeugen oder rhythmisch sein. Im Gegensatz dazu sind Instrumente wie beispielsweise eine Klarinette Werkzeuge, die der Mensch benutzt. Die Stimme hingegen gehört zum Körper selbst und hat deswegen etwas Inniges.

In Die Bürgschaft experimentierst du mit den unterschiedlichsten neuen Klänge und Geräuschen im Chor. Wie zeigt sich da die Vielfältigkeit der Stimme?

Zum Beispiel in „Der Sturm“ verwende ich viele mit der Stimme gleitenden Glissandi und gerollte Konsonanten, die das Unwetter verdeutlichen sollen. Manchmal setze ich auch gedehnte Konsonanten ein, wie beispielsweise bei dem Wort ‚erblassen‘. Das ‚s‘ wird hier gehalten und unterstreicht die Bedeutung des Wortes und dem dazugehörigen Gefühl. Manchmal ist es auch einfach nur eine besondere Art zu sprechen, die ich in der Partitur anlege, um die Atmosphäre zu verstärken. Das ist zum Beispiel in dem Stück „Der König spricht“ der Fall, in dem Damon vom König bedroht wird.

Die Bürgschaft basiert auf der gleichnamigen Ballade von Friedrich Schiller. Sie dreht sich um Freundschaft, Loyalität und Macht. Was war dabei für dich besonders reizvoll?

Auch wenn Damon der Held der Ballade ist, hat mich insbesondere die Figur des Tyrannen interessiert: Bei Schiller ist sie sowohl ein Tyrann, als auch ein König. Sie ist nicht eindeutig gut oder böse. Entscheidend ist dabei für mich, dass die Rolle des Tyrannen sich nicht auf eine Person beschränkt. Der Tyrann ist das Volk und das Volk ist der Tyrann. Aber das Volk ist auch der Held und der Held ist zugleich das Volk. Die Ballade entstand in einer von der Französische Revolution geprägten Epoche. Es gab viel Blut, aber auch viel Hoffnung. Hoffnung auf eine neue Zeit. Und diesen Moment finde ich bei Schiller so spannend: Es gibt Hoffnung, es gibt Gewalt und es gibt Macht. Und es ist nicht offensichtlich, wer wieviel Verantwortung trägt.

Wenn es im Text heißt „Bis ich komme zu lösen die Bande.“ erklingt eine überraschend harmonische Schlusskadenz. Warum ist diese eindeutige Erlösung im ersten Teil der Oper zu hören und nicht am Schluss?

Bei diesem Moment habe ich an Kim Jong-Un gedacht: Diese hübsche Mozartkadenz, die wir in „Der König gebeut“ hören, ist eine Propagandamaschine. Sie funktioniert eigentlich wie jedes patriotische Lied. Der große Chor kommt an dieser Stelle zum Einsatz, da sich durch ihn der tradierte Gedanke von Ruhm und Ehre wunderbar transportieren lässt. Zugleich ist diese Mozartkadenz aber auch ein musikalisches Zitat – ein Zitat dieser außergewöhnlichen Zeit Ende des 18. Jahrhunderts. Der Schluss hingegen sollte für mich diese ‚Wagner-Schönheit‘ haben: Süß, leidenschaftlich und – zugespitzt gesagt aus heutiger Perspektive –

ein bisschen faschistisch. Wenn wir nicht aufpassen, verlieren wir uns in dieser Schönheit des Schlusses und verlieren dadurch unsere Vernunft – eine Art brainwashing. Der letzte Akkord ist nicht eindeutig: Wir wissen nicht, in welche Richtung es in der Zukunft geht, aber sie liegt in unserer Verantwortung.

Was ist für dich das Besondere an der Oper?

Die Oper hat immer etwas Utopisches: Es kommen so viele unterschiedliche künstlerische Disziplinen zusammen, die danach streben perfekt zueinander zu passen. Die Oper ist für mich die Kunstform, aber sie trägt auch das größte Risiko zu scheitern – ein Sisyphos-Projekt. Doch ich bin immer neugierig und möchte neue Stoffe entdecken, um dann zu schauen: Was möchte ich sagen? Und nicht umgekehrt.

Die Bürgschaft dauert in etwa 60 Minuten und könnte als Einakter bezeichnet werden. Welche Formen und Entwicklungen braucht die Oper in Zukunft?

Wenn wir die Oper mit der Popmusik in Beziehung setzen, fällt Folgendes auf: Das ‚heilige Album‘ gibt es dort heute nicht mehr, die meisten schreiben Songs. Und auch in der Oper entwickeln sich die Formen weiter: Ich möchte Oper machen, die relevant ist. Dafür brauche ich keine drei Akte, sondern ich möchte, dass das gesamte Werk fließen kann.

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