„Die Musik schießt einfach ins Herz“

Regisseur Nikolaus Habjan erzählt im Gespräch mit Dramaturgin Laura Knoll, warum Tosca das perfekte Stück für Opernneulinge ist.

Auch wenn die Uraufführung eher ein Achtungserfolg war und das Stück gar als „Folteroper“ (Oskar Bie) deklariert wurde, ist Tosca heute eine der meistgespielten Opern überhaupt. Was macht ihren unglaublichen Erfolg aus?

Die Motivationen stimmen. Und weil die Szene und die Musik so unglaublich feinmaschig, genau und dabei so tief ineinander greifen und das Stück keinen einzigen Moment hat, wo es irgendwie fad ist. Ich glaube, Tosca ist eines der besten Stücke für Leute, die noch nie in der Oper waren, um in die Oper einzusteigen. Im Grunde ist es ein wahnsinnig gut gemachter Krimi. Außerdem ist es vielleicht gerade für das junge Publikum ein wichtiger Punkt, dass die Musik etwas Filmisches hat, sie arbeitet von der Dramaturgie her wie Filmmusik. Sie klingt wie ein großes Hollywoodfilm-Soundtrack-Orchester. Da hat man einen tollen Anknüpfungspunkt, auch wenn man gerade eben frisch in die Oper einsteigt und vielleicht noch nicht damit vertraut ist, dass es Metaebenen gibt und ähnliche Sachen. Tosca ist eben eine Verismo-Oper und das soll sich auch in meiner Regie niederschlagen, indem ich versuche, alles sehr realistisch zu bauen. Ich glaube, dass Tosca wirklich das perfekte Werk gerade für Leute ist, die noch nie mit der Oper in Berührung gekommen sind: Es ist kurz und knackig, total spannend, es passiert etwas und man hat alles drin – die große Romantik, den Psychothriller und auch ein bisschen Action. Dieser massive Realismus in der Psychologie der Figuren war für das damalige Publikum einfach sehr erschreckend, und deswegen glaube ich, dass dieses Stück am Anfang große Irritationen ausgelöst hat. Heute sind wir ja durch Film, Fernsehen und auch Theater einfach alles gewohnt. Wir sehen die blutrünstigsten Dinge im Nachmittagsprogramm, uns schreckt so schnell nichts. Bei Tosca ist es aber so, dass es uns trotzdem berührt, weil die Musik natürlich noch etwas drauflegt und es uns schwer macht, uns nur oberflächlich davon berühren zu lassen. Sie schießt einfach ins Herz. Dann steckt in dem Stück diese massive Schwärmerei, die uns einfach mitreißt, wenn wir mitbekommen, was für eine Beziehung Tosca und Cavaradossi haben. Und auch die Dynamik dieser Beziehung ist eine unglaublich realistische: Tosca braucht immer wieder eine Bestätigung dieser Liebe, während Mario Tosca gerade auch für ihre Schwäche, so eifersüchtig zu sein, liebt. Das ist etwas durchaus Glaubwürdiges. Und dann haben wir diesen ekelhaften Bösewicht Scarpia, der auch direkt aus dem Leben kommt, dessen Motivationen klar sind. Ohne, dass man es explizit hineininterpretieren muss, gibt es eine ganz klare Auseinandersetzung mit Machtmissbrauch, mit #MeToo und mit einer geistigen wie körperlichen Vergewaltigung. Auch die ganzen Debatten zu Polizeieinsätzen – wo wird die Polizei sinnvoll, wo nicht sinnvoll eingesetzt, wann geht es um Einschüchterung – stecken in Tosca drinnen. Ja, das Stück wird wohl leider auch in 200 Jahren noch zeitlos sein. Solange die Menschheit solche Fehler in ihrem System und in ihrem Wesen hat, solange wird dieses Stück (leider) immer funktionieren – und auch zum Glück.

Wie beziehst du die Musik beim Inszenieren mit ein?

Das tue ich so genau wie möglich. Auf der einen Seite habe ich mir bei Tosca vorgenommen, an das Stück wie an ein Theaterstück zu gehen. Bevor ich mir die Musik anhöre, gehe ich einmal durch den Text, analysiere ihn für mich genau und finde für mich heraus, wo die Gedankenbrüche, die Gedankensprünge, die Motivationen und die Aktionen sind. Dann gehe ich durch die Noten und den Text und bin jedes Mal vollkommen bestätigt in meinen Bauchentscheidungen und meinen Intuitionen, dass Puccini dieses Stück mit einem unglaublich sicheren Gespür für Theater vertont hat. Und bisher wurde uns das auch jedes Mal in den szenischen Proben bestätigt. Wenn man darauf hört und dafür sensibel ist, dann inszeniert sich Tosca von selbst. Das ist das Gefühl, dass ich gerade habe. Dieses Stück ist in sich vollkommen perfekt, weil es funktioniert: Es hat keine einzige Sekunde, in der es ein bisschen hängt oder ein retardierender Moment zu sehr ausgekostet wird. Nein, dieses Stück rennt durch. Als ich Tosca das erste Mal gesehen habe, hatte ich das Glück, dass ich nicht wusste, dass Mario am Ende sterben muss. Das hat mich dann wirklich überrascht. Und ich weiß noch, dass der Abend für mich wie eine Achterbahnfahrt war, und als es aus war, habe ich mir gedacht „Gleich nochmal!“

Was ist dein Ziel für diese Inszenierung?

Ich versuche den Spagat hinzubekommen, das Stück so wie es ist, in seiner ganzen Perfektion – ich kann nicht oft genug sagen, dass dieses Stück wirklich perfekt ist – auf die Bühne zu bringen, aber es gleichzeitig auch so frisch zu halten, dass man nicht das Gefühl hat, man säße in einem Museum. Der einzige Weg den ich sehe, um dieses Stück aus dem Museum zu holen, ist die Personenregie extremst genau zu machen.

Vielen Dank für das Gespräch! Wir freuen uns schon sehr auf die Premiere am 11. September 2021.

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