10 Dinge, die Sie über den Hetzer wissen sollten …

Mit der Uraufführung und Auftragskomposition Der Hetzer von Bernhard Lang hat die Oper Dortmund diese Spielzeit eine ganz besondere Produktion im Programm, die mit nur drei Vorstellungsterminen am 17.10.2021 bereits ihre Derniére feiert. Eine bildstarke und sehenswerte Oper, die Sie sich in keinem Fall entgehen lassen sollten! Im Folgenden erfahren Sie alles Wissenswerte rund um den Hetzer.

Trailer Der Hetzer

1.) Uraufführung und Auftragskomposition der Oper Dortmund

Die Oper Der Hetzer wurde vom Team der Oper Dortmund gemeinsam mit dem Komponisten Bernhard Lang entwickelt und verfolgte das Ziel eine politische Musiktheaterproduktion von universeller Aktualität zu kreieren. Wenige ahnten, dass der damals entwickelte Stoff zum Premierentermin zwei Jahre später am 26.09.2021 an Brisanz kaum zu übertreffen war. Denn mit der Tötung des Schwarzen George Floyd durch Polizisten in den USA und der daraus neu angefachten Black Lives Matter-Bewegung, lässt sich durch die Verortung des Hetzers in einem Polizeimilieu und der damit verbundenen Konzentration auf Aspekte der Macht, eine klare Parallele aufweisen.

Der Hetzer stellt eine Überschreibung des Ot(h)ello-Stoffes von Shakespeare bzw. der gleichnamigen Oper Verdis dar. Vor allem die dort vorhandenen impliziten politischen Aussagen über Ausgrenzung und Verfolgung waren hier von enormer Bedeutung. Um dem Aktualitätsanspruch des Werkes noch weiter gerecht zu werden, wurde dieses in zwei Wahrnehmungsebenen strukturiert: einer zeitlosen und einer tagesaktuellen, die sich gegenseitig ergänzen. Neben der Grundstruktur der Othello-Überschreibung wurden Fenster eingefügt, die je nach lokalem, zeitlichem und gesellschaftlich-politischem Kontext neu gestaltet und befüllt werden können. Diese Einfügungen sollten die Ebene des Hier und Jetzt ergänzen. Die Art der Gestaltung dieser Fenster wird u. a. im Abschnitt zur Kooperation mit dem Planerladen e. V. beschrieben.

2.) Ein Intrigant im Fokus der Aufmerksamkeit

Die Basis im Hetzer ist die Shakespearsche Figur des Jago, wie sie in seinem Othello und in Verdis Otello auftaucht. Eine Person, die bewusst Menschen gegen einen Schwarzen aufhetzt. Anders als bei Shakespeare oder Verdi hat Bernhard Lang den Intriganten Jack Natas und nicht den tragischen Helden Joe Coltello als Titelpartie besetzt. Seine Entscheidung beschreibt er folgendermaßen: „Es ist die Frage nach dem Bösen, die unser Interesse fesselt, und schon bei Verdi ist Jago eine latente Hauptfigur: Otello ist dort eher als ein an seiner Prädisposition Leidender dargestellt, Jago ist hingegen der Tätige, Entscheidungen Treffende, der Intrigant. Die intelligenten Manipulationen des Jago werden zum theatralischen Motor des Stücks.“

3. ) Der Komponist Bernhard Lang und sein Prinzip der Wiederholungen

Komponist Bernhard Lang © Harald Hoffmann

Der Kompositionsauftrag ging wie beschrieben an den renommierten österreichischen Komponisten Bernhard Lang für die Überschreibung von Verdis Otello. Lang beschäftigt sich bereits seit 2004 mit der Technik der Überschreibung, woraus eine 40teilige Serie von Monadologien, die vollständige Überschreibung einer Bruckner-Sinfonie (2013) und von Wagners Parsifal (ParZeFool 2017) resultierte. Aufgrund der politischen Dimension des Stoffes bot sich als unmittelbare Fortsetzung Otello an. Langs Überschreibungstechnik hat er einerseits der bildenden Kunst wie dem Werk von Jonathan Meese entlehnt, anderseits aus Metafilmen der experimentellen Kunst. Dabei interessiert ihn auch die Idee des Remix aus der DJ-Szene, in der man auf Vorhandenes zurückgreift. Bernhard Lang ist zudem bekannt für sein Prinzip der Wiederholungen, was bereits durch den Aspekt der Überschreibung thematisiert wird. Musikalisch integriert er dabei verschiedene Formen seiner Loop-Technik. Die Wiederholung als ein Prinzip der Verdoppelung – sowie ein möglicher Ausweg zu etwas Neuem.

Zudem spielt Bernhard Lang mit unterschiedlichen musikalischen Stilen und erneuert das Musiktheater durch die Einbeziehung verschiedener Ausdrucksformen: In der Auseinandersetzung mit elektronischer und computergenerierter Musik, mit Jazz und Pop kreiert er immer wieder neue musiktheatrale Erzählweisen. Im Hetzer spielt die Rapmusik eine besondere Rolle, die er in seinen Musiktheaterwerken seit 2006 immer wieder verwendet: In seinem Werk Der Reigen hat er das „Rappitativ“ als neue Form des Operngesangs und verständlichen Texttransports entwickelt.

4.) Kooperation mit dem Planerladen e. V.

Ali Şirin vom Jugendforum Nordstadt © Marc Albers

Bei der Recherchearbeit und der Frage, mit welchen aktuellen und stadtrelevanten Inserts in Form von Einfügungen die Oper Der Hetzer befüllt werden sollte, stieß der Komponist Bernhard Lang auf ein kleines Büchlein mit dem Titel Nordstadtmärchen vom Planerladen e. V. Die darin enthaltenen Texte von Jugendlichen, die in Schreibworkshops unter der Leitung von Ali Şirin verfasst wurden, erinnerten ihn an Raps und begeisterten ihn so sehr, dass die Idee zu einer Kooperation mit dem Planerladen e. V. für die Oper Der Hetzer geboren wurde. In eigens organisierten Schreibworkshops sollten Jugendliche Texte zu relevanten Themen des Stoffes verfassen: Hass, Ehrgeiz, Eifersucht, Sucht, Liebe, Bosheit und Täuschung. Die Texte sollten anschließend als Raps von Rapper*innen zu vom Komponisten verfassten Basic-Tracks in den Hetzer einfließen. Gesagt, getan. Sehr zeitnah wurde die Kooperation mit dem Planerladen e. V. besiegelt und schon wenige Wochen später fand der erste  Schreibworkshop statt. In diesem Zusammenhang sei ein genaueres Augenmerk auf den Planerladen e. V. geworfen: Der Planerladen e. V. trägt den Untertitel „Verein zur Förderung demokratischer Stadtplanung und stadteilbezogener Gemeinwesensarbeit“ und besteht seit 1982 in der Dortmunder Nordstadt. Hier werden eine Vielzahl unterschiedlicher Projekte durchgeführt wie das Jugendforum Nordstadt, dass von Ali Şirin geleitet wird. Dieses Projekt verfolgt insbesondere das Ziel, politische Themen mit den Jugendlichen aufzugreifen wie Rassismus, Antisemitismus Sexismus und Homophobie.  

Zu diesen finden regelmäßig von Jugendlichen selbst moderierte Jugendforen statt – Gesprächsreihen und Diskussionen mit Autor*innen, Musiker*innen, Kulturschaffenden und Politiker*innen.

Hier spannt sich ein breites Netzwerk rund um die Stadt und darüber hinaus; so waren bereits eine Vielzahl interessanter Persönlichkeiten wie der israelische Autor Sally Perell, der Rapper, Musiker und Autor Ben Salomo, Gamze Kubaşik die Tochter von Mehmet Kubaşik oder Julia Wissert , die Intendantin des Schauspiel Dortmund, zu Gast im Jugendforum Nordstadt. Da die Beschäftigung mit dem Thema Rassismus beim Planerladen e. V. eine bedeutende Rolle spielt und ebenso ein zentrales Thema des Hetzers darstellt, könnte die Kooperation zwischen der Oper Dortmund dem Planerladen e. V. nicht passender sein. Immerhin geht es darum, die Ansichten und Meinungen zum tagesaktuellen Geschehen von Jugendlichen, die die Welt von Morgen gestalten, in die Produktion zu integrieren.

5.) David DQ Lee als Jack Natas

David DQ Lee als Jack Natas © Thomas M. Jauck

Die Titelpartie des Hetzers ist in dieser Inszenierung mit dem Stimmfach des Countertenors besetzt und es stellt einen erfreulichen Umstand dar, dass einer der international gefragtesten Countertenöre der Gegenwart diesen Part übernimmt: David DQ Lee verkörpert den teuflischen Jack Natas – eine Rolle, die der Komponist ihm auf den Leib geschrieben hat. An der Oper Dortmund war David DQ Lee bereits in der Spielzeit 2018/19 in der Titelpartie von Echnaton zu erleben und stellt diese Spielzeit einen der Protagonisten in Sehnsucht − ein barockes Pasticcio dar.

Jack Natas ist ein mephistophelischer Charakter, der bösartig, androgyn und überirdisch zugleich von einem zutiefst rassistischen Gefühl gegen den Schwarzen Hauptkommissar Joe Coltello durchdrungen ist. Regisseurin Kai Anne Schuhmacher assoziiert Jack Natas mit einem kleinen, auf unserer rechten Schulter positionierten Teufel, der uns auch wie eine innere Stimme fiese und dunkle Gedanken einflößt. Für die Zuschauer*innen ergibt sich hierbei die Frage: Steckt nicht in jedem von uns ein kleiner Jack Natas? Sind wir nicht alle ein wenig wie er?

6.) Mandla Mndebele als Joe Coltello

Mandla Mndebele als Joe Coltello © Stephan Komitsch

Unser bestens bekanntes Ensemblemitglied und Bariton Mandla Mndebele verkörpert Joe Coltello im Hetzer und stellt eine wahrhafte Idealbesetzung dar. Stimmgewaltig und darstellerisch ausdrucksstark zieht Coltello als erfolgreicher, Schwarzer Hauptkommissar den Neid seiner Mitmenschen auf sich. Denn nicht nur beruflich, sondern auch privat scheint er durch die Hochzeit mit der schönen Desirée vom Glück verwöhnt. Als erfolgreicher Beamter mit Fluchtvergangenheit wird im Laufe der Handlung deutlich, dass diese Erfahrungen Traumata in ihm ausgelöst haben, die durch den erlebten Rassismus in seinem Umfeld wiederbelebt werden. Durch die intriganten Manipulationen von Jack Natas steigert sich seine Eifersucht, aufgrund der angeblichen Untreue seiner Frau Desirée, zu Hass und er verfällt schließlich dem Wahnsinn. Die Zuschauer*innen verfolgen die Entwicklung Coltellos, der sich zwar an die Spitze der Gesellschaft hochgearbeitet hat, aber dem Rassismus dennoch nicht entkommen kann.

7.) Álfheiður Erla Guðmundsdóttir als Desirée

Álfheiður Erla Guðmundsdóttir als Desirée © Stephan Komitsch

Die junge, isländische Sopranistin Álfheiður Erla Guðmundsdóttir spielt im Hetzer die Polizistin Desirée, die sich in einem männerdominierten Umfeld behauptet. 2021 wurde sie bei den Icelandic Music Awards zur Sängerin des Jahres in der Kategorie zeitgenössische und klassische Musik ernannt und sollte ihr Heimatland beim weltberühmten BBC Cardiff Singer of the World Wettbewerb vertreten (covidbedingt ausgefallen). Nach ihrem Masterabschluss an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin gehört sie seit dieser Spielzeit fest zum Ensemble der Staatsoper Basel. Álfheiður Erla Guðmundsdóttir besticht insbesondere durch ihre schöne Stimmfarbe, was die Zuschauer*innen beim Hetzer im „Willow Song“ erleben können, den sie in trauriger und dunkler Vorahnung, auf ein ihr bevorstehendes Unglück singt. Denn auch sie fällt der Intrige gegen ihren Mann zum Opfer, indem sie fälschlicherweise der Untreue bezichtigt wird und ihre vormals glückliche Liebesbeziehung zerbricht. Mehr noch: Joe Coltellos Verfolgungswahn und seine unkontrollierbaren Eifersuchtsattacken führen soweit, dass er Desirée töten will.

8.) Die Rapper IndiRekt und S.Castro  

S.Castro und IndiRekt © Thomas M. Jauck

Um geeignete Rapper*innenfür den Hetzer zu finden, veranstaltete die Oper Dortmund erstmalig ein Rappercasting. Letztendlich fiel die Wahl auf die beiden Rapper IndiRekt und S.Castro.

IndiRekt © Eliane Hobbing Photography

Der Dortmunder Rapper IndiRekt stammt aus dem Umfeld der Krupplyn-Crew, einem Hip-Hop-Verein aus Dortmund. Einigen Zuschauer*innen ist er bereits aus der performativen Soundcollage Sounds of Dortmund bekannt, wo er sein eindrucksvolles Beatboxingtalent unter Beweis stellte, wovon im Hetzer noch mehr zu erleben sein wird.

S.Castro © S.Castro

Beheimatet im politischen Rap engagiert sich Rapper S.Castro, der aus dem Umfeld vom Planerladen e. V. stammt, auch in Workshops gegen Rassismus. Dabei hebt er Rap als Sprachrohr der Armen und sozial Benachteiligten hervor und schafft ein kritisches Bewusstsein gegenüber dem Mainstream-Rap.

Eindrucksvoll interpretieren sie dabei auf der Jetzt-Ebene Jack Natas und Joe Coltello und bereichern mit ihren präzisen Raps und Darbietungen die Inszenierung.

9.) Starke Bilder  

Regisseurin Kai Anne Schuhmacher zeichnet sich durch eine imposante und bildgewaltige Inszenierungssprache aus, was sie auch im Hetzer eindrucksvoll unter Beweis stellt. Dafür arbeitete sie mit dem Bühnenbildner Tobias Flemming, der Kostümbildnerin Hedda Ladwig und dem Videokünstler Stephan Komitsch zusammen.

Die folgenden Impressionen vermitteln einen Eindruck der szenischen Ausdrucksstärke:

Figurine Jack Natas © Hedda Ladwig
Figurine Joe Coltello © Hedda Ladwig
Videostill Fritz Steinbacher als Mark Kessler © Stephan Komitsch
David DQ Lee als Jack Natas und Mandla Mndebele als Joe Coltello © Thomas M. Jauck
Bühne: Tobias Flemming, Álfheiður Erla Guðmundsdóttir als Desirée, Opernchor Theater Dortmund © Thomas M. Jauck
Mandla Mndebele als Joe Coltello © Thomas M. Jauck

10. Ein besonderes Hörerlebnis

Philipp Armbruster © Christian Palm

Natürlich war es ursprünglich wie bei einer klassischen Opernproduktion vorgesehen, dass die Dortmunder Philharmoniker live während der Vorstellungen spielen. Aufgrund der pandemischen Lage wurde die Entscheidung getroffen, die Musik vorab aufzunehmen, was allerdings keine Notfallmaßnahme, sondern eine künstlerische Weiterentwicklung der Partitur darstellt, wie der Musikalische Leiter Philipp Armbruster erklärt.

Da in Bernhards Langs Komposition Mittel verwendet wurden, die auch in der elektronischen Musik zum Einsatz kommen, indem einzelne Samples, gelooped (wiederholt), verkürzt und zum Teil verfremdet werden, konnte auch das aus der Orchesteraufnahme des Hetzers gewonnene Material  auf ideale Weise in die Ästhetik der Sample-Musik überführt werden. Die Besonderheit: In einem räumlich-mehrdimensionalen Konzept können dabei sowohl einzelne Orchestergruppen als auch einzelne Chorstimmen zielgerichtet an verschiedene Punkte von Publikumsraum und Bühne übertragen werden, wodurch ein besonderes Klangerlebnis entsteht.

Titelbild Mandla Mndebele als Joe Coltello © Stephan Komitsch

This article was written by

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.