Stereotype und Vorurteile – Bilder im Kopf

Im Rahmen der aktuellen We DO Opera!-Produktion Der kleine schwarze Fisch beschäftigten sich am 17. und 19. März interessierte Teilnehmende in dem Workshop Stereotype und Vorurteile – Bilder im Kopf mit ebenjener Thematik am Beispiel des Stückes. Angeleitet wurde der Workshop von Sabrina Beckmann und Larina Kleinitz aus dem Multikulturellen Forum e. V. Erstgenannte spricht in diesem Interview mit Dany Handschuh, Agentin für Diversität der Oper Dortmund.

Wer bist du und was machst du?

©Dany Handschuh

Mein Name ist Sabrina Beckmann, ich bin seit 2015 beim Multikulturellen Forum tätig und leite den Fachbereich „Gesellschaft und Prävention“. Dort machen wir Projekte zur Politischen Bildung und Präventionsarbeit. Außerdem gebe ich Workshops zu unterschiedlichen Themen rund um Diversität, Rassismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.  

Was ist das Multikulturelle Forum?

Das ist eine Migrant*innenorganisation und wurde vor über 35 Jahren in Lünen gegründet, zunächst als deutsch-türkischer Elternverein. Damals hat sie sich unter anderem mit den Themen Sprache und Hausaufgaben-Betreuung beschäftigt. Im Laufe der Jahre wurde der Verein größer, hat sich zunehmend professionalisiert und seinen Tätigkeitsbereich ausgeweitet. Heute bearbeitet er vor allem die Felder Migration und Integration – da geht es um Arbeitsmarktqualifizierung, Beratung zur beruflichen Bildung, Erwerbslosenberatung. Wir haben unser eigenes Bildungswerk für Weiterbildungs- und Sprachkurse und den Bereich „Gesellschaft und Prävention“. Und mittlerweile haben wir nicht nur einen Sitz in Lünen, sondern auch in Dortmund, Hamm, Bergkamen, Düsseldorf und Köln.

Du hast für die Bürger*innen bei We DO Opera! einen Workshop gegeben mit dem Titel Stereotype und Vorurteile – Bilder im Kopf. Was ist der Unterschied zwischen einem Stereotyp und einem Vorurteil?

Das lässt sich anhand des Modells „Fünf Schritte zur Diskriminierung“ gut erklären, denn Stereotypen und Vorurteile unterscheiden sich deutlich voneinander. Der erste Schritt ist die Kategorisierung. Dabei geht es darum, unsere Umwelt in Schubladen einzuteilen. Das brauchen wir zur Orientierung und ist unproblematisch. Wir sehen einen Stuhl und kategorisieren: Das ist ein Stuhl. Der zweite Schritt ist das Stereotyp. Das beginnt dann, wenn man bestimmten Kategorien bestimmte Eigenschaften zuweist. Das ist schon ein wenig problematischer. Der dritte Schritt ist das Vorurteil – da kommt zu den Eigenschaften noch eine emotionale Komponente mit hinzu. Das ist meist eine negative Empfindung oder eine mit einer bestimmten Gruppe verknüpfte Abwertung. Davon sind vor allem Minderheiten betroffen. Schritt vier und fünf beschreiben dann, dass man aufgrund dieser Vorurteile bereit ist zu handeln und letztendlich aktiv diskriminiert – also bestimmte Gruppierungen von Menschen anders behandelt, als andere.

Manche Stereotype und Vorurteile halten sich seit Jahrhunderten äußert hartnäckig, obwohl die Menschheit in der Zwischenzeit sehr viel dazugelernt haben sollte. Warum sind sie so resistent gegen Veränderungen?

Die meisten Stereotype und Vorurteile sind äußerst starr und langlebig, weil sie tief in unseren Denkmustern verankert sind. Wir wachsen damit auf. Sie werden uns in frühester Kindheit vermittelt durch Medien, Kinderbücher, das Elternhaus und unsere Sozialisation. Wir lernen nicht, sie zu verlernen. Wir lernen nicht, diese Bilder zu hinterfragen. Dazu sollten wir uns immer wieder motivieren. Problematisch ist auch, dass wir viel mehr auf das achten, was unsere Vorurteile bestätigt. Andere positive oder gegenteilige Erfahrungen, die wir machen, blenden wir aus. So berufen wir uns auf eine Reihe von vermeintlichen Erfahrungen, die wir in der Masse gar nicht gemacht haben.

In einem anderen Workshop mit der Opernabteilung ging es um die Entwicklung von Vorurteilen bei Kleinkindern. Dort sprach die Referentin Caroline Ali-Tani darüber, dass Kinder früh versuchen, sich der dominanten Gesellschaft anzupassen und sie damit deren Werte, aber auch die Vorurteile übernehmen. Um das zu verhindern, sollten Kinder früh gezielt mit Vielfalt konfrontiert werden. Auch den Erwachsenen würde das gut tun, um bestimmte Denkmuster aufzubrechen. Wie setzt man sich am besten der Vielfalt aus?

Da geht es um Fragen von Repräsentanz, von Teilhabe und um Vorbilder. Wenn wir nur eine vermeintlich homogene Gesellschaft abbilden, haben wir auch nur für einen bestimmten Teil der Gesellschaft Vorbilder und nur einen bestimmten Teil der Gesellschaft abgebildet. Wir müssen aber die Vielfalt abbilden. Wir müssen in den Austausch miteinander gehen, sodass wir auch tatsächlich eine vielfältige Gesellschaft leben. Wir müssen uns überlegen: Wo sind meine blinden Flecken? Mit wem komme ich nicht in Begegnung? Kann ich vielleicht irgendwo ein Ehrenamt machen oder mich engagieren? Vielleicht sucht man sich ein neues Hobby. Sport ist ja auch eine Aktivität, die viele Menschen zusammenbringt, die auf den ersten Blick vielleicht nicht so viel gemeinsam haben. Das geht aber auch durch Essen oder Musik.

Einige Teilnehmende haben sich nach dem Workshop mit ihren Eindrücken zurückgemeldet. Auf die Frage, was ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist, schrieb Jutta Deschner:

„Wir sollten definieren, was uns/mich in meinem Sein ausmacht. Die meisten schrieben auf, was sie besonders macht, was sie abhebt von den anderen. Nur eine schrieb, dass sie weiblich, weiß und nicht behindert war.“

Interessanterweise gab es diese Beobachtung an beiden Workshoptagen. Bestimmte Basiskategorien der Dominanzgesellschaft scheinen unsichtbar zu sein. Warum ist das so?

Weil das unsere Norm ist. Die Norm ist unsichtbar. Dabei haben auch diese Kategorien – weiß, weiblich, nicht behindert – viel mit unserer Identitätsbildung und Wahrnehmung zu tun. Die Übung, von der die Teilnehmerin spricht, heißt „Identitätsmoleküle“. In der geht es darum zu benennen, was die eigene Identität ausmacht, aber auch welchen Gruppen man sich grundsätzlich zugehörig fühlt oder welche Hobbies man hat. Das Ergebnis dieser Übung ist fast immer, dass die Identitäten, die in der Gesellschaft als Norm gesehen werden, gar nicht mehr als solche erkannt werden. Und das obwohl diese Identitäten die Norm bestimmen. Dadurch werden sie unsichtbar. Die sichtbaren Kategorien hingegen sind oft mit Benachteiligungen verbunden und werden dann auch häufiger benannt. Da sprechen wir dann schon von Diskriminierung.

Auch in der Geschichte des kleinen schwarzen Fisch spielen Stereotype und Vorurteile eine Rolle. Du hattest gesagt, dass ihr den Workshop normalerweise nicht um eine Geschichte herum aufbaut. Wie war diese Erfahrung für dich?

Meine Kollegin Larina Kleinitz und ich haben unser Workshop-Konzept zu dem Thema „Stereotype und Vorurteile“ mit der Geschichte verbunden und hatten tatsächlich sehr viel Spaß dabei. Die Geschichte des kleinen schwarzen Fisches bietet für die Thematik viel Potential, greift eine Menge Aspekte davon auf. Sie wirft Fragen auf wie: Wie nehme ich die Welt wahr? Wie bin ich in der Gesellschaft positioniert? Was sagt die Dominanzgesellschaft zu Akteur*innen, die nicht Teil davon sind? Das haben wir in die Übungen eingebaut. Es war spannend zu sehen, wie stark die Teilnehmenden das aufgegriffen und diskutiert haben. Wo könnte das alles hinführen, wie kann man Vorurteile hinterfragen? Wie stark ist meine Sicht geprägt von den Leuten, bei denen ich aufgewachsen bin? Welche Rolle spielen meine Familie, meine Freunde, die Nachbarschaft?

Geschichten haben die Eigenschaft, Brücken zwischen bestimmten Themen und der persönlichen Wahrnehmung zu schlagen. Führt das Durchdringen von Geschichten, in denen Stereotype und Vorurteile thematisiert werden dazu, dass man die eigenen besser erkennt oder verleitet es eher dazu, sie auch nur in der Fantasiewelt der Geschichte zu belassen?  

Schwierige Frage. Wenn man Geschichten liest, hört oder sieht, nimmt man immer etwas mit. Aber den Schritt der Reflexion oder des aktiven Austauschs, den muss man trotzdem selber gehen. 

Die Bundeszentrale für politische Bildung sagt: „Nur durch sozialen Kontakt wird das Verhältnis zwischen Gruppen nicht unbedingt besser, sondern es bedarf des Willens und der Einsicht, dass der Kontakt durch Vorurteile und Stereotypen geprägt ist. Der Lernwille der beteiligten Menschen ist ein erster Schritt, sie aufzuweichen.“ Wie fördert man den Lernwillen von Menschen?

Das ist eine sehr gute Frage. Es ist wichtig, die Leute da abzuholen, wo sie sind, wo sie sich begeistern lassen, wo sie einen Bezug haben. Es gibt leider kein Geheimrezept. Man kann nur immer wieder auch mal Gegenpositionen aufmachen und zum Hinterfragen anregen. Ich wünsche mir, dass Menschen sich nicht sofort vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn ich sage: Wir haben alle Stereotype und Vorurteile in uns. Wir sind geprägt von rassistischen Denkweisen. Ich wünsche mir, dass das als Chance begriffen wird, darüber zu reden. Wir haben diese Denkweisen einmal gelernt, also können wir sie auch wieder verlernen.

Ich bedanke mich für das Gespräch. Möchtest du noch etwas ergänzen?

Ich fand den Workshop mit den Teilnehmenden von We DO Opera! für mich sehr bereichernd. Ich hatte das Gefühl, die Kombination der Thematik mit der Geschichte vom kleinen schwarzen Fisch hat einen viel intensiveren Zugang eröffnet. Gerne mehr davon!

Das haben auch einige Teilnehmende positiv zurückgemeldet. Zwei Reaktionen möchte ich gerne das Schlusswort überlassen:

„Das Thema hat uns gelockt, weil uns bewusst ist, wie schnell und wie oft man in seiner Sicht auf Menschen und Situationen daneben liegt. Dies wurde noch einmal in unterschiedlicher Form bestätigt. Es wurden gute Wege aufgezeigt, sich selbst zu reflektieren. Eingefahrene Denkstrukturen wurden aufgebrochen.“ (Heike Bättig und Ulrich von Dreusche)

„Ich habe hinterher mit vielen Leuten über den Workshop gesprochen. In unserer heutigen Zeit wäre es gut, wenn viele Menschen solche Workshops erhielten. Auch wenn man versucht auszubrechen und Vorurteilen keinen Raum zu lassen, entstehen solche Denkmuster immer wieder im Kopf.“ (Brigitte Merschhemke)

Der kleine schwarze Fisch: Theater Dortmund

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