Hauskomponist Marc L. Vogler im Gespräch

Mit Beginn der Saison 2024/25 ist Marc L. Vogler neuer Composer in Residence der Jungen Oper Dortmund. Hierdurch tritt er die Nachfolge von Thierry Tidrow, Kathrin A. Denner und Michael Essl an und wird in den kommenden beiden Spielzeiten gleich drei Auftragskompositionen für das Ensemble der Jungen Oper Dortmund sowie für die partizipative Projektreihe We DO Opera! – Die Dortmunder Bürger*innenOper schreiben.

Vogler, Jahrgang 1998, ist Komponist, Pianist, Dirigent und Gewinner des Deutschen Musikwettbewerbs 2022 in der Sparte Komposition. Neben einem breiten Spektrum an Instrumental- und Vokalwerken gilt seine besondere Vorliebe dem Musiktheater. Er verfasste eigene Kompositionen u. a. für das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, das WDR-Sinfonieorchester, das Acht Brücken-Festival der Kölner Philharmonie, die Oper Bielefeld, die Literaturoper Köln sowie die New Opera West Los Angeles. Mit uns sprach er über seinen Werdegang als Musiker und seine Arbeit als Komponist.

Lieber Marc, wie schön, dass wir die Zeit dazu finden, ein wenig miteinander zu plaudern – und zunächst einmal: ganz herzlich willkommen als unser neuer Hauskomponist für die Junge Oper …

Danke Dir, ich freue mich sehr darauf, an diesem renommierten Haus arbeiten zu dürfen und gemeinsam mit so vielen großartigen Künstlerinnen und Künstlern Musiktheater zu machen!

Magst du uns zunächst einmal ein wenig darüber erzählen, wie genau du zur Musik gefunden hast und wie es dazu kam, dass du letztlich den Entschluss gefasst hast, Komponist zu werden? 

Zur Musik habe ich dank meiner Großeltern, der Eltern meiner Mutter, gefunden. Sie hatten ein Klavier im Wohnzimmer und da habe ich mich als knapp Dreijähriger drangesetzt. Ich habe ausprobiert: links ist es brummig tief, rechts schrill und hoch. Das war ein fantastisches Spielzeug. Ich habe Klavier „gespielt“… Als meine Eltern gemerkt haben, dass mir das Instrument Freude macht, haben sie mir Klavierunterricht bezahlt, da war ich vier. Nur habe ich meistens meine Lehrer zur Weißglut getrieben, weil ich nicht das gespielt habe, was in den Noten stand, sondern über das Ende hinweg improvisiert oder gleich das komplette Stück umgedichtet habe. Dabei war mein Opa mein treuster Zuhörer, ein großer Opern- und Klassik-Liebhaber. Das Gradmaß meiner Improvisationen war immer, ob er merkt, wenn es nicht mehr Mozart ist, sondern ich es ein wenig abgewandelt habe. Das war anfangs immer der Fall, mit der Zeit aber weniger und weniger. Damit ich mir die erfolgreichsten Mozart-Varianten besser merken konnte, habe ich mir auf Notenpapier kleine Notizen gemacht. Ich habe also auf sehr spielerischem, intuitivem Wege zur Komposition gefunden. 

Marc L. Vogler © Christian Palm

Den Auftakt deiner Tätigkeit als Hauskomponist für die Junge Oper bildet die musikalische Komödie Marie-Antoinette oder Kuchen für alle!, die am 1. Oktober 2024 ihre Uraufführung im Dortmunder Operntreff erleben wird. Worum geht es in dem Stück?

In Marie-Antoinette geht es um Dekadenz, Intrigen, Affären, um Sex, Macht, Mord – und Kuchen. Also man kann sagen: Es ist eine Oper für die ganze Familie … 

Die Handlung ist so simpel wie bestechend: Während auf den Straßen von Paris die Revolution tobt, warten im Palast Marie-Antoinette und ihr Mann, König Ludwig XVI., seit nunmehr 20 Jahren auf ihre Hinrichtung mit dieser neumodischen „Guillotine“… Draußen demonstriert der Mob, drinnen isst man Kuchen. Das geht so lange gut, bis die Mauern brechen: Monarchie trifft Anarchie. Und auf musikalischer Ebene: E trifft U. Eingeschlossen im Palast bekommen die beiden allerhand höfischen – und weniger höfischen – Besuch, versuchen, ihre geheimen Liebschaften voreinander zu verstecken und als eine alte Halsbandaffäre wieder ans Tageslicht kommt, brodelt sich das Ganze zu einem wunderbar schnellen und pointierten Kammerspiel hoch. 

Duett „Die Dubarry“ aus Marie-Antoinette oder Kuchen für alle!, MIDI-Sequenz

Marie-Antoinette oder Kuchen für alle! basiert ja auf einem gleichnamigen Schauspiel von Peter Jordan. Warum ist gerade dieser Text besonders gut dafür geeignet, um ihn in eine Oper zu verwandeln?

Jordans Text ist prädestiniert für die Oper! Marie-Antoinette spricht ja nicht. Sie singt. Schließlich ist sie die Königin und nicht das „gemeine Volk“. Alles an ihr, überhaupt alles am Hof, ist artifiziell. Künstlich, übersteigert, exaltiert. Das ist doch perfekt für die Opernbühne! Oper ist Übersteigerung, Karikatur, kultivierte Ekstase. Oper macht aus etwas Natürlichem, der menschlichen Stimme, etwas ganz und gar Artifizielles: Kunst. 

Dazu kommt, dass Jordan – und Du, möchte ich sagen, denn von Dir stammt ja diese tolle Libretto-Adaption – diese schnellen, pointierten Dialoge schreibt, die sich wunderbar zur „Vertonung“ eignen. Dabei hat das Stück eine gut nachvollziehbare Handlung mit so schön facettenreichen Charakteren und Verwechselungsgeschichten, wie wir sie aus großen Opern wie etwa Rossinis Der Barbier von Sevilla kennen. Ich glaube, solche ironischen, doppelbödigen Stoffe haben Komponisten schon immer fasziniert. 

Marc L. Vogler © Christian Palm

Neben Marie-Antoinette bereitest du derzeit, zusammen mit der Regisseurin Mirjam Schmuck und Mitgliedern der partizipativen Projektreihe We DO Opera! – Die Dortmunder Bürger*innenOper, bereits ein weiteres Stück vor, das auf den Titel Who Cares? hören soll und im Sommer 2025 seine Uraufführung erleben wird. Kannst du uns auch hierzu schon ein bisschen was verraten …? Worum wird es in dem Stück gehen? Wer sind die Mitwirkenden? Und wie unterscheidet sich die Arbeit an Who Cares? von deiner Arbeit an Marie-Antoinette?

Who Cares? wird absolutes Kontrastprogramm zu Marie-Antoinette. Und eben das finde ich so spannend daran. Ich kann und werde in Who Cares? völlig andere Facetten zeigen als in Marie-Antoinette. Das fängt schon damit an, dass ich als Komponist zurücktreten möchte hinter den eigentlichen Stars der Produktion, den Dortmunder Bürgerinnen und Bürgern. Ich möchte ihre Klänge ausstellen, nicht meine. Es wird um den Begriff der Sorge, im positiven wie im negativen Sinne, gehen. Um Care Work, um Persönliches, um Identitäten. Ich habe bereits damit begonnen, mit einem Aufnahmegerät ihre Stimmen und Geräusche von mitgebrachten, persönlichen Gegenständen aufzuzeichnen. Das wird mein Material, das authentischste Material, das ich bekommen kann. Und damit komponiere ich dann später. 

In deiner zweiten Spielzeit als Hauskomponist – in der Saison 2025/26 – wirst du mit Klangstreich schließlich eine mobile A cappella-Oper für die Allerjüngsten komponieren. Worin siehst du hier die größere Herausforderung: Für ein Publikum ab 4 Jahren zu schreiben, oder eine Oper ganz ohne Instrumente – eben rein A cappella – und damit ausschließlich für drei menschliche Singstimmen zu komponieren?

Da freue ich mich besonders drauf! Kinder sind mein Lieblingspublikum. Weil sie keine vorgeprägten Rezeptionshaltungen haben oder irgendwelche konservativen Ansichten, wie eine Komposition auszusehen hat. Kinder sind das beste Publikum, das es gibt, denn sie sind unvoreingenommen, begeisterungsfähig und gnadenlos ehrlich.

Die Reduktion auf drei Stimmen ohne Instrumente ist eine Herausforderung. Und das macht sie gerade interessant. Ich glaube, Kreativität entsteht aus Begrenzung. Aus einem Mangel an Möglichkeiten. Das enge Korsett der Fuge ist ein gutes Beispiel für formale Begrenzung. Es hat einem Komponisten wie Bach zur höchstmöglichen Entfaltung seines Talents verholfen. Das ist wie im Gefängnis: Du willst aus Alcatraz ausbrechen, hast aber nur eine Nagelfeile – da wirst du zwangsläufig kreativ!

Marc L. Vogler © Christian Palm

Inwiefern glaubst du, dass klassische Musik und Oper ein heutiges, junges Publikum überhaupt noch erreichen können? Was muss die Kunstgattung, was der Kunstbetrieb, was müssen die Kunstschaffenden tun, um auch morgen noch ein breites Publikum anzusprechen?    

Die Kunstgattung muss, denke ich, gar nichts tun, sie ist zeitlos und hat nicht ohne Grund über so viele Dekaden Bestand. Ich glaube vielmehr, der Kunstbetrieb und wir als Kunstschaffende müssen etwas tun – wenn wir nicht als Nische im Elfenbeinturm in die vollkommene Belanglosigkeit entschwinden wollen. Wir müssen weniger prätentiös sein, müssen raus aus dem Kulturpalast. Heutzutage gibt es keine Unterschiede mehr zwischen der sogenannten Hoch- und der Pop-Kultur, alles schwimmt in einem großen gemeinsamen Topf, in dem man sich behaupten muss. Bruckner hat dieselben Noten verwendet wie Taylor Swift. Nur in einer anderen Reihenfolge … 

Das bedeutet nicht – ganz und gar nicht –, dass man sich als Künstler an den Mainstream anpassen sollte, im Gegenteil. Kunst ist kompromisslos. Nein, vielmehr muss man sich die Frage stellen, wo liegen die Stärken unserer Kunst und wie kann man sie besser kommunizieren. Und als 25-jähriger darf ich hinzufügen: Nichts macht älter, als der Versuch, jung zu wirken! 

Szene „Marie gegen das Volk“ aus Marie-Antoinette oder Kuchen für alle!, MIDI-Sequenz

Eine vielleicht banale, jedoch vielleicht gerade deshalb schwierig zu beantwortende Frage an dich: Mit welchen drei Worten würdest du deine eigene Musik am besten beschreiben?

Hm … einfach. unfassbar. ehrlich. 

… und ein bisschen ausführlicher?

„Einfach“, weil ich immer versuche, eine Musik zu schreiben, die ihren Anspruch hat, aber für deren Genuss man nicht erst zehn Jahre Akademiestudium absolviert haben muss. Mich überzeugt Kunst, zu der jeder einen Zugang finden kann, die eine gewisse Leichtigkeit hat, aber in der sich, wenn man sich näher mit ihr beschäftigt, noch eine zweite, dritte und vierte Rezeptionsebene auftut. Anders gesagt: Ich mag Kunst, die Tiefe hat, aber nicht mit ihr prahlt. 

„Unfassbar“, weil meine Musik meistens ironisch gebrochen ist, schwer greifbar ist, einen doppelten Boden hat. Musikalisch arbeite ich mit Stilcollagen, Stilbrüchen, Parodien und allem, worüber viele Komponisten sagen würden: „Das kann man nicht machen.“ Und genau das mache ich dann am liebsten. In Marie-Antoinette dient Monteverdis Orfeo-Fanfare als Türklingel. 

Und „Ehrlich“, weil ich mich noch nie irgendwelchen Dogmen gebeugt habe, weil meine Musik unangepasst ist. Ich komponiere schlichtweg das, was ich selbst gerne hören möchte. 

Was wünschst du dir für die kommenden zwei Jahre in Dortmund? Hast du irgendwelche konkreten Hoffnungen, Wünsche oder Ziele, die du dir selbst gesteckt hast? Was wäre das Beste, was das Schlechteste, was die kommenden beiden Jahre als Hauskomponist in Dortmund mit sich bringen könnten?

An Schlechtes denke ich grundsätzlich nicht. Schön wäre, wenn den Darsteller*innen, den Musiker*innen und Mitwirkenden am Haus meine Musik Spaß macht. Wenn ich merke, dass sie Freude dabei empfinden, das Stück zur Aufführung zu bringen. Denn diese Freude kommuniziert sich und schwappt häufig über die Bühnenrampe hinüber ins Publikum. Das Beste wäre, wenn statt Barbie und Oppenheimer der neue Trend heißt: Wir gehen mit Hochsteckfrisur in Marie-Antoinette. Auf Spotify läuft Oper und auf Insta sieht man Stuck.  

Vielen Dank für das Gespräch.

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