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Ich bin eine echte „Barock-Bitch“!
Der Sopranist Maayan Licht zählt zu den absoluten Shootingstars der internationalen Opernszene. Nun feiert er als Cherubino in Die Hochzeit des Figaro sein Hausdebüt an der Oper Dortmund. Mit uns sprach er über seine Faszination für Alte Musik, künstlerische Freiheit und die Vielseitigkeit des Sängerberufs.

© Clemens Manser
Lieber Herr Licht, was genau hat Sie zur Barockmusik geführt?
Meine Stimme, ganz klar. Zu Beginn wollte ich eigentlich Popstar werden und mich in diese Richtung entwickeln. Aber als meine erste Gesangslehrerin meinen Stimmumfang prüfte, stellte sie rasch fest, dass ich ein Sopranist bin und eröffnete mir daraufhin das ganze Barock-Universum: die Musik, die Countertenöre, die Sopranisten … Das veränderte meine Welt von Grund auf! Gerade der technische Aspekt dieses Stils fasziniert mich besonders. Ich bin selbst eine sehr exzessive Persönlichkeit, die Herausforderungen liebt. Barockmusik ist in dieser Hinsicht wie die Olympischen Spiele: Man muss in Höchstform sein, um die eigenen Grenzen auszuloten und erfolgreich zu sein. Für mich persönlich ist diese Art von Musik die höchste Form vokaler Kunst.
Und wenn es um das 19. oder 20. Jahrhundert geht …?
Nicht ganz mein Ding. Ich könnte mich zwar bis an mein Lebensende mit Alter Musik befassen, aber gerade in letzter Zeit zieht es mich zunehmend auch auf andere Pfade. Zum Beispiel wurde die Hauptpartie in Here I am, Orlando von L’ubica Čekovská eigens für mich komponiert – und dieses Erlebnis mit Neuer Musik war einfach phänomenal.

© TechnOpera
Sie sind also auch für Crossover-Projekten offen?
Das ist tatsächlich eine meiner großen Leidenschaften. Ich halte das Projekt Technopera, an dem ich beteiligt bin, für äußerst vielversprechend. Wenn die DJs wirklich an die Kernideen der Komponisten anknüpfen und kreativer als sonst mit dem ursprünglichen Material umgehen, dann passen Oper und Techno perfekt zusammen. Das Team von Technopera sitzt in den Niederlanden, wir planen aber schon einige besondere Konzerte im Ausland, zum Beispiel einen Rave im Schlosspark in Schwetzingen. Da kommt der Barock wieder ins Spiel, wir schließen den Kreis. Kurz und gut: Ich bin für vieles offen, aber im Herzen bleibe ich eine echte „Barock-Bitch“. (lacht)

© Herwig Prammer
Barock, insbesondere die Barockoper, ist für viele Menschen ein Synonym für „Queer-Kultur“. Was ist Ihre Meinung dazu?
Für mich ist die gesamte Operntradition ziemlich queer, was ich toll finde. Aber besonders die Barockoper ist für mich eine Auseinandersetzung mit Männlichkeit. Was heißt es, ein Mann zu sein? Was darf er tun? Was darf er anziehen? Es geht nicht um etwas, das in der Öffentlichkeit akzeptiert ist, sondern um Situationen und Umstände, die man nur auf der Bühne erleben kann. Das ist oft eine unglaubliche Entdeckungsreise: Ich erforsche die verschiedenen Arten von Energie, die mir diese Musik gibt, und frage mich, welche Haltung sie von mir verlangt und in welchem Gender-Spektrum sich die Rolle, die ich verkörpere, bewegt. Damals gab es ja die Tradition der Kastraten, die szenisch quasi genderfluid waren. Mal sangen sie die Männerrollen, mal die Frauenpartien – und das war absolut in Ordnung! Wenn ich heute höre: „Sie singen aber mit Frauenstimme“, was leider sehr oft passiert, dann antworte ich sofort: „Nein, das ist eine Männerstimme. Männer können auch anders klingen.“ Barock bringt uns auf diese Art und Weise auch heutzutage ganz viel über Offenheit und Freiheit bei.
Was ist Cherubino in Ihren Augen für eine Figur?
Er ist eine Figur mit vielen Schichten. Auf den ersten Blick ist er ein Teenager mit überschäumenden Gefühlen, der alle Frauen leidenschaftlich liebt – sehr energiegeladen, sehr witzig. Er ist aber auch schlau und traut sich sogar, den Grafen wegen seiner Liebeleien mit Susanna ein wenig einzuschüchtern. Dennoch steckt in ihm auch etwas sehr Ernstes: die Sehnsucht, die Poesie und natürlich die Angst vor dem Militärdienst. Wir wissen ja, dass er nach dem Ende des Stücks tatsächlich in Sizilien ums Leben kommt. Das erzählt der Autor Beaumarchais in seiner offiziellen Fortsetzung zu Die Hochzeit des Figaro. Cherubino ist also eine äußerst facettenreiche Persönlichkeit, deren Komplexität ich auf der Bühne sichtbar machen möchte.
Vielen Dank für das Gespräch!
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