Die 5. Konferenz für Theater-, Konzert-, Tanz- und MusikpädagogInnen des…
Wenn Hoffnung Wurzeln schlägt
Am 10. November 2025, am Tag der Uraufführung der Junge Oper-Produktion Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute, wurde im Atrium der Oper Dortmund eine japanische Zierkirsche gepflanzt. Das Stück von Jens Raschke erzählt aus der Perspektive der Tiere im Zoo von Buchenwald von den Geschehnissen im Konzentrationslager und stellt die Frage, wie Menschen handeln, wenn sie Unrecht wahrnehmen. In diesem Zusammenhang entstand der Wunsch, Erinnerung nicht nur im Theaterraum zu verhandeln, sondern ihr auch im Opernhaus einen sichtbaren Ort zu geben – mit der Zierkirsche als stillem Zeichen gegen das Vergessen, aber auch als Symbol für eine hoffnungsvolle Zukunft. Im Opernhausblog erzählen wir, was genau es mit diesem Baum auf sich hat und welche Bedeutung sowohl er als auch die beschrifteten Steine um ihn herum tragen.

Szenenfoto (Franz Schilling; © Björn Hickmann)
Die Idee zu diesem Baum entstand bereits einige Monate zuvor. Im Zentrum des Bühnenbildes von Emine Güner steht eine große, versteinerte Buche, in deren Geäst zwei grüne Blätter als Zeichen der Hoffnung übrig geblieben sind – eine Hoffnung, die immer existiert, solange es Menschen gibt, die für sie kämpfen. Ausgehend davon entstand in einer unserer wöchentlichen Opernrunden der Wunsch, auch im realen Raum ein sichtbares Zeichen zu setzen und einen echten Hoffnungs-Baum zu pflanzen. Nur was für einen? Zunächst fiel die Wahl auf einen Ginkgobaum, der traditionell für Hoffnung und Widerstandskraft steht. Bei näherer Recherche zeigte sich jedoch, dass ein ausgewachsener Ginkgobaum bis zu 40 Meter hoch werden kann und er damit die Dimensionen des Atriums, wo er gepflanzt werden sollte, sprengen würde. Schließlich entschieden wir uns für eine japanische Zierkirsche.

Die japanische Zierkirsche am Tag der Uraufführung im Atrium des Opernhauses.
Die Zierkirsche überzeugt nicht nur durch ihre besondere Schönheit, sie steht zugleich für Vergänglichkeit – da ihre Blüte nur für kurze Zeit sichtbar ist – sowie für Neuanfang und Hoffnung. Jedes Jahr markieren ihre weiß-rosa Blüten das Ende des kalten Winters. Auch in Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute geht es im Kern genau darum: um Hoffnung, die bleibt, selbst wenn alles verloren scheint, und um Zeichen, die das Ende einer grausamen Zeit ankündigen. In diesem übertragenen Sinn stehen auch die Kirschblüten für diese Hoffnung.

Regisseur Stephan Rumphorst legt seinen Hoffnungswunsch ab. (© Marketing)
Ausgehend von diesem Gedanken rückte die Frage in den Mittelpunkt, wie sich Hoffnung nicht nur symbolisch, sondern ganz konkret erfahrbar machen lässt – und wie das Publikum daran beteiligt werden kann. Zunächst war daher vorgesehen, dass die Zuschauer*innen ihre Wünsche und Hoffnungen an die Zukunft auf bunten Papierzetteln festhalten und am Baum anbringen sollten. Da diese jedoch über den Moment hinaus Bestand haben sollten, wurde nach einer haltbareren, wetterfesten Form gesucht. Die Wahl fiel schließlich auf Steine. Beim Verlassen der Vorstellung können die Besucher*innen ihre Wünsche auf diese Steine schreiben und sie rund um den Baum ablegen. Inspiriert ist dieser Vorgang von einem jüdischen Brauch, bei dem kleine Steine auf die Gräber von Verstorbenen gelegt werden. Ursprünglich entstand er in einer Zeit, in der keine großen Grabmale möglich waren und wird bis heute als Zeichen des Erinnerns und des Respekts gepflegt.

v.l.n.r.: Autor der Stückvorlage Jens Raschke, Komponist Edzard Locher, die Ensemblemitglieder der Jungen Oper Cosima Büsing, Wendy Krikken und Franz Schilling sowie Regisseur Stephan Rumphorst im Nachgespräch nach der Uraufführung (© Marketing)
Es ist uns ein großes Anliegen, dass die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht in Vergessenheit geraten, vor allem in einer Zeit, in der Ausgrenzung und Angst vor dem Anderen wieder lauter werden. Mit dem Versterben der Zeitzeug*innen – eine der bekanntesten Stimmen gegen das Vergessen, Margot Friedländer, verstarb im Mai 2025 – liegt es nun zunehmend an der jüngeren Generation, die Erinnerung wachzuhalten und Verantwortung zu übernehmen. Dafür ist es essenziell, weiterhin im Gespräch zu bleiben. Aus diesem Grund bieten wir nach jeder Aufführung ein Nachgespräch mit den Sänger*innen an. Diese Gespräche eröffnen Raum für Austausch – über die NS-Zeit, über die Inhalte des Stücks und über die Fragen, die es bei den Zuschauer*innen auslöst.
(Headerfoto © Marketing)
