10 Dinge die sie über Das Land des Lächelns wissen sollten

10 Dinge die sie über Das Land des Lächelns wissen sollten

„Wiener High Society-Lady brennt mit chinesischem Prinzen durch“ – ungefähr so würde wohl die Überschrift der Bild-Zeitung heißen, wenn darin ein Artikel über die Geschichte von Das Land des Lächelns erscheinen würde. Doch ganz so einfach ist es natürlich nicht: Franz Lehárs österreichisch-chinesische Operette, die am 12. Januar 2019 in der Regie von Thomas Enzinger ihre Premiere auf der Bühne des Dortmunder Opernhauses feiern wird, ist trotz schönster Operettenseligkeit tiefsinnig und mit größtem künstlerischem Anspruch gestaltet.

Der Inhalt ist eigentlich schnell erzählt: Lisa, eine Dame der besseren Wiener Gesellschaft, liebt den chinesischen Diplomaten Prinz Sou-Chong. Seine exotische Aura und sein ungewohnt zurückhaltendes Wesen faszinieren sie. Als Sou-Chong in seine Heimat zurückbeordert wird, begleitet Lisa ihn entgegen aller Warnungen. Im fernen Land des Lächelns begegnen ihr unerwartete Sitten und Bräuche, die nicht in Lisas Weltbild passen. Der Prinz zeigt sich plötzlich von einer ganz anderen Seite. Desillusioniert will sie das verhasste Land möglichst schnell verlassen …

Doch wie in jedem guten Stück gibt es auch im Land des Lächelns spannende Entstehungshintergründe und Details, die man zum Verständnis des Werkes zwar nicht unbedingt wissen muss, deren Kenntnis aber zur Abrundung eines beglückenden Theaterabends beitragen können. Die Rubrik „10 Dinge, die Sie über XYZ wissen sollten“ im Blog der Oper Dortmund erfreut sich ja bereits seit längerer Zeit großer Beliebtheit. Da es über Das Land des Lächelns so einiges zu erzählen gibt und wir das tägliche Öffnen des Adventskalenders schon ein bisschen vermissen, bieten wir Ihnen im noch jungen Neuen Jahr nun eine andere Form des Countdowns: Wir zählen gemeinsam die verbleibende Zeit bis zur Premiere herunter und liefern Ihnen zehn interessante Fakten über Lehárs Das Land des Lächelns!

 

1) Ein Schokoladengruß aus Wien

In der Inszenierung von Thomas Enzinger liefert die Sachertorte einen nicht unwesentlichen Beitrag zum Überwinden von kulturellen Grenzen. Die Schokoladentorte besteht aus Sachermasse (Mehl, Butter, Eier, Zucker und mindestens 15% Schokolade), Aprikosenmarmelade (in Österreich Marille genannt) sowie einer zartschmelzenden Schokoladenglasur. Die Spuren des Vorläufers des als Wiener Spezialität geltenden Gebäcks liegen bereits im 18. Jahrhundert. Ihr eigentlicher Siegeszug begann jedoch im Jahr 1832, als Fürst Metternich eines Tages besonders auserwählte Herrschaften zu Besuch hatte, denen er einen außergewöhnlichen Dessert kredenzen wollte. Angeblich soll er seiner Küchencrew ans Herz gelegt haben: „Dass er mir aber keine Schand’ macht, heut Abend!“ Doch ausgerechnet an diesem Tag war der erfahrene Küchenchef krank und der 16-jährige Franz Sacher, Lehrling im zweiten Jahr, musste kurzerhand die Aufgabe übernehmen. Aus diesem Anlass erfand er die Grundform der Sachertorte; bis zu ihrem vollständigen Durchbruch sollte allerdings noch einige Zeit vergehen. Nachdem Franz Sacher einige Jahre in Pressburg und Budapest verbracht hatte, kehrte er 1848 nach Wien zurück, um dort ein Delikatessengeschäft zu eröffnen. Der Koch und Konditor war mittlerweile stolzer Familienvater geworden und sein ältester Sohn Eduard war in die kulinarischen Fußstapfen getreten. Seine Ausbildung erhielt er von dem weltberühmten k.u.k. Hofzuckerbäcker Demel und in dieser Zeit vollendete er das Rezept der Torte, das ihm der Vater mittlerweile anvertraut hatte. Der Geschmack des Gebäcks spricht für sich, denn bis heute gilt die Torte als eine der berühmtesten kulinarischen Spezialitäten Wiens.

 

2) Vier Frauen für Sou-Chong

Nachdem Prinz Sou-Chong die Gelbe Jacke verliehen wird, ein Zeichen der allerhöchsten Ehre, muss er auch der damit verbundenen Regel folgen. Diese besagt, dass er vier Mandschu-Mädchen heiraten muss, die fortan in seinem Frauen-Palais leben werden. Die Mandschu sind eine chinesische Volksgruppe, die aus der ehemaligen Mandschurei im Nordosten des Landes stammt. Heute gehören große Teile der Region zu China und ihre Einwohner bilden die zweitgrößte der 56 anerkannten ethnischen Minderheiten. Sie nahmen einst maßgeblichen Einfluss auf das Land, obwohl es lange eine strikte Trennung zwischen Mandschu und Chinesen gab, so war zum Beispiel das Heiraten unter ihnen verboten. Dieses Verbot wurde im 18. Jahrhundert allerdings gelockert; unverheiratete Mandschu-Frauen mussten sich gar als „elegante Frauen“ den Vermittlern für den Kaiserpalast präsentieren. Als elegant galten sie vermutlich unter anderem deswegen, weil sie – im Gegensatz zu den chinesischen Frauen – ihre Füße nicht banden. Denn während bei diesen verkümmerte Füße ein Zeichen für Schönheit und Wohlbefinden war, zogen die aus einer nomadischen Gesellschaft stammenden Mandschu-Frauen eine natürliche Physionomie vor.

 

3) Lotosblume statt Hasi

Sobald Lisa und Sou-Chong gemeinsam in China leben, verwendet der Prinz einen liebevollen Kosenamen für die Geliebte: Lotosblume. Diese Pflanze hat sowohl im asiatischen Raum im Allgemeinen als auch im Buddhismus einen besonderen Stellenwert. Schon allein durch die Tatsache, dass sie aus dem schlammigen Boden durch das trübe Wasser erwächst, um ihre wunderschöne Blüte in der Sonne zu öffnen. Dass sie dabei aufgrund ihrer wasserabweisenden Eigenschaften stets makellos rein bleibt, gibt ihr eine starke Symbolkraft. Sie steht für spirituelle Erfüllung, kosmische Energie, Treue, Schöpferkraft und nicht zuletzt Reinheit. Der Buddha wird oft auf einer Lotosblume sitzend dargestellt. In China hat die Blume noch eine ganz eigene Bedeutung, denn da aufgrund ihrer Lautgleichheit die Wörter „Liebe“ und „harmonische eheliche Verbundenheit“ mit dem Lotos in Verbindung gebracht werden, ist sie das Sinnbild einer guten Ehe. Auf diese Weise bringt Sou-Chong also seine Wertschätzung für Lisa sowie seine Hoffnung auf das Funktionieren ihrer Ehe zum Ausdruck.

 

4) Ein Buddha als Liebesbeweis

Prinz Sou-Chong fasziniert Lisa in erster Linie durch seine galante und zurückhaltend-charmante Art. Um sie zu erobern macht er ihr aber auch die verschiedensten Geschenke, zuletzt eine wertvolle goldene Buddha-Statue, die bereits seit vielen Generationen im Besitz seiner Familie ist. Doch warum ist dieses Geschenk so wertvoll? Der Begründer des Buddhismus, der indische Prinz Siddhartha Gautama, trug nach seiner Erleuchtung den Namen Buddha (= der Erwachte). Der Weg dorthin war steinig: Er wuchs überbehütet auf und wurde erst mit 29 Jahren mit den Grundformen menschlichen Leids – Alter, Krankheit und Tod – konfrontiert. Dieses Erlebnis stürzte ihn in eine existenzielle Krise und er begab sich als Wandermönch auf die Suche nach der Wahrheit. Nach vielen Jahren der vergeblichen Askese saß er eines Tages meditierend unter einem Feigenbaum, wo er schließlich die Erleuchtung erlangte. Im Zentrum seiner Lehre stehen die Vier Edlen Wahrheiten die dabei helfen sollen, die Reinheit des Geistes, die Entfaltung der eigenen Möglichkeiten, vollkommene Weisheit sowie distanziertes Mitgefühl mit allem Lebendigen zu erreichen. Im 3. Jahrhundert begann man auch in China, sich mit dem Buddhismus auseinanderzusetzen, heute lebt dort gut die Hälfte aller Buddhisten weltweit. In vielen chinesischen Klöstern findet man den Lachenden Buddha, der oft mit dickem nacktem Bauch, gerunzelter Stirn und breitem Lachen in sitzender Körperhaltung dargestellt wird. Die Statue symbolisiert verschiedene chinesische Lebensideale: Der dicke Bauch steht für Reichtum und das Lachen sowie die lockere Sitzhaltung für Gelassenheit und Zufriedenheit mit sich und der Welt. Diese Figuren sind keine bloße Dekoration, vielmehr sollen sie den Betrachter erinnern, belehren oder gar erleuchten. Sou-Chong, der Prinz im Land des Lächelns, ist vermutlich selbst ein Anhänger des Buddhismus. Zumindest erinnert er seine Schwester Mi am Ende der Oper, wenn sie beide von ihren Geliebten verlassen werden, daran: „Schau mein Gesicht, ich weine nicht. So hat es Buddha gelehrt.“ Denn wie der Buddha hat auch Sou-Chong stets ein Lächeln auf den Lippen: „Immer nur lächeln und immer vergnügt, immer zufrieden wieʼs immer sich fügt, lächeln trotz Weh und tausend Schmerzen.“

 

5) Lisa – eine Frau mit Vergangenheit

Es ist zwar nur ein kleiner Hinweis auf der Besetzungsseite im originalen Textbuch, der uns jedoch einige Hinweise zur Figur der Lisa gibt: Sie ist eine junge Witwe. Innerhalb des Librettos wird dieser Umstand nicht weiter thematisiert, dennoch war es den Autoren wichtig genug, diese Information festzuhalten. Was auf den ersten Blick schnell überlesen werden kann, ist dabei jedoch gar nicht so unwesentlich. Denn was bedeutet das? Lisa ist kein junger, naiver Backfisch – gerade zu der Spielzeit des Stückes, nämlich 1912, dürften junge Frauen außerhalb der Ehe noch keine größeren Erfahrungen mit Männern gehabt haben. Lisa war aber bereits verheiratet, sie kennt also das Zusammenleben mit einem Mann und hat es gelernt, sich darin zu behaupten – zumindest lässt ihr ungebremst selbstbewusstes Auftreten darauf schließen. Mit diesem Hintergrundwissen wird klar, wieso sie sich Sou-Chong gegenüber derart souverän verhalten kann. Umso interessanter werden auch die Worte ihrer Auftrittsarie: „Bisschen kokettieren, ach, das kann man leicht riskieren, doch die Liebe kommt im Leben nur zum ersten und letzten Mal.“ Hatte sie für ihren ersten Mann also keine Liebe empfunden, war es eine Vernunft- oder Standesheirat gewesen? Wir erfahren es nicht, und trotzdem lässt diese Tatsache Lisa in einem anderen Licht erscheinen.

 

6) Künstlerleben im Schatten des Nationalsozialismus

Franz Lehár lebte von 1870 bis 1948 und musste somit Zeuge der Schreckensherrschaft im „Dritten Reich“ werden. Auch wenn er nach 1934 keine Operette mehr komponierte, war er dennoch im Fokus der Nationalsozialisten. Obwohl er selbst keine jüdische Abstammung hatte, so galt dies jedoch für seine Frau. Außerdem waren die meisten seiner Librettisten Juden und in Wien verkehrte er überwiegend in jüdischen Kreisen. Dies machte ihn prinzipiell angreifbar, doch Lehár hatte das Glück, unter der besonderen Protektion von Joseph Goebbels zu stehen. Dadurch war es ihm möglich, seine Frau vor Verhaftung und Deportation zu beschützen. Doch viel weiter reichte dieser Schutz auch nicht: Ludwig Herzer und Fritz Löhner-Beda, die beiden Librettisten des Land des Lächelns waren Juden und auch wenn sie den gleichen Anteil an den populären Werken hatten, zeigte man ihnen gegenüber wenig Gnade. Herzer hatte Glück und konnte 1938 in die Schweiz fliehen. Im Falle Löhner-Bedas ließ man es so aussehen, als hätte er Selbstmord begangen. Doch in Ernst Klees Kulturlexikon zum Dritten Reich kann man lesen, dass er im Dezember 1942 in Auschwitz totgeschlagen wurde. Und selbst der große Richard Tauber, väterlicherseits jüdisch, blieb vor der Willkür der Nationalsozialisten nicht verschont. Bei einem Konzert im Berliner Admiralspalast im März 1933, vier Tage nach den Reichstagswahlen, wurde seine Darbietung von antisemitischen Zwischenrufen gestört. Im selben Jahr wurde er auf der Straße von SA-Männern tätlich angegriffen, sie schlugen ihn nieder und schrien „Judenlümmel, raus aus Deutschland”. Der politisch nicht aktive Tauber war sich lange nicht der Gefahr bewusst, der er nun ausgesetzt war. Doch 1940 emigrierte auch er schließlich nach England.

 

7) Richard Tauber – ein Gesangsstar als Berater

Mit Lehár und seinen Operetten eng zusammen hängt auch der Name Richard Tauber. Der Tenor, 1891 in Linz geboren, war einer der beliebtesten Opernsänger seiner Zeit. Sein Debüt gab er 1913 als Tamino in Mozarts Zauberflöte am Theater Chemnitz und noch im selben Jahr wurde er Königlicher Hofopernsänger an der Semperoper in Dresden. In den folgenden Jahren etablierte er sich als lyrischer Tenor und machte sich insbesondere durch seine Mozart-Interpretationen einen Namen. Dies hielt ihn jedoch nicht davon ab, immer wieder auch in Operetten aufzutreten. 1921 sang er erstmals in einer Operette von Franz Lehár, nämlich in der Zigeunerliebe in Salzburg. Während dieser Zusammenarbeit entstand eine enge Freundschaft zwischen Komponist und Tenor – ein musikalischer Glücksfall, wie sich herausstellen sollte. Denn Lehár vertraute der Musikalität sowie den sängerischen Möglichkeiten des Freundes und komponierte ihm zahlreiche Partien auf den Leib. So wurde das Land des Lächelns von den Produzenten gar bereits im Vorhinein als „neue Tauber-Operette“ gehandelt, und tatsächlich wurde der Sänger mit dem Lied „Dein ist mein ganzes Herz“, das Lehár in Abstimmung mit ihm komponierte, endgültig zum Weltstar. Die Kritik war nicht restlos davon überzeugt, dass sich ein derart großartiger Opernsänger für die angeblich weniger anspruchsvolle Operette hergab. Tauber selbst sah darin allerdings kein Problem, vielmehr erklärte er: „Ich singe nicht Operette – ich singe Lehár!“ Richard Tauber war es auch, der bald für die weitere Verbreitung des Land des Lächelns sorgte, denn er tourte mit dieser Operette durch England und trat damit vor den Truppen aus Großbritannien und dem Commonwealth auf, um die Soldaten zu unterhalten und ihre Moral zu heben.

 

8) Das Land des Lächelns 2.0

Bevor das Land des Lächelns 1929 ausgehend von Berlin seinen Siegeszug auf den europäischen und später auch internationalen Bühnen antreten konnte, mussten einige Jahre und Umarbeitungen ins Land gehen. In seiner ursprünglichen Fassung, mit dem Titel Die gelbe Jacke, wurde das Werk nämlich schon 1923 in Wien uraufgeführt, war dort aber ein ziemlicher Flop. So schob man es zunächst einmal wieder in die Schublade, und die Verantwortlichen widmeten sich anderen Projekten. Anlässlich der Operette Friederike arbeitete Lehár mit den Librettisten Ludwig Herzer und Fritz Löhner-Beda zusammen, und in diese Zeit fiel auch der Plan für ein neues Werk. Man besann sich der in der Schublade vor sich hinschlummernden Partitur und beschloss, diese einiger Umarbeitungen zu unterziehen. Léon zeigt kein Interesse an der Bearbeitung seines Textes, so wurden kurzerhand die Herren Herzer und Löhner-Beda ins Boot geholt. Sie hielten sich zwar eng an die Vorlage Léons, nahmen jedoch einige Straffungen und sprachliche Schliffe vor. Außerdem änderten sie das Happy End in einen tragischen Schluss ohne jegliche Hoffnung. Auch Lehár legte nochmal Hand an die Partitur, revidierte sie an vielen Stellen und komponierte einige neue Stücke hinzu.

 

9) Lizzy Léon – die junge Strippenzieherin im Hintergrund

Eine Frau, die sowohl für die Entstehung des Land des Lächelns sowie überhaupt für die Zusammenarbeit von Victor Léon und Franz Lehár verantwortlich ist, ist Felicitas „Lizzy“ Léon. Die Tochter des Schriftstellers war es, die den Komponisten entdeckte und dem Vater empfahl – und dies durch eine eher ungewöhnliche Begebenheit. Lehár war 1899 nach Wien gekommen und bisher in erster Linie mit seinen Marsch- und Walzerkompositionen aufgefallen. Dies lag vor allem daran, dass er die Kapelle des Infanterieregiments Nr. 26 leitete und mit dieser zahlreiche Konzerte gab. Ein solches fand auch im Winter des Jahres 1900/01 auf dem Platz des Wiener Eislauf-Vereins statt, wo die 12-Jährige Lizzy regelmäßig ihre Runden drehte. Sie war derart begeistert von der Musik der Kapelle und vielleicht noch viel mehr von dem „feschen Militärkapellmeister“, dass sie wiederholt zu spät nach Hause kam. Dem Vater gegenüber schilderte sie die Musik als „einfach gottvoll, himmlisch, todschick!“ und schwärmte in den höchsten Tönen.

Die Monate vergingen, und im Sommer desselben Jahres schickte der Komponist – noch unbekannterweise – den Klavierauszug seines lyrischen Dramas Kukuska an den Librettisten, der die Noten jedoch unbesehen verlegte. Doch auch hier nahm Lizzy die Zügel in die Hand: einige Wochen später hörte der Vater, wie sie ein neues Stück am Klavier übte. Er befand es „von schöner Eigenart und eigenartiger Schönheit.“ Neugierig geworden fragte er seine Tochter nach der Quelle dieser Melodien und war bass erstaunt, als sie ihm wie selbstverständlich erklärte, dass sie aus eben diesem Drama Kukuska stammten. Wieder legte ihm Lizzy ans Herz, er solle doch eine Operette zusammen mit Lehár schreiben, und diesmal war sie erfolgreich. Léon schrieb dem Komponisten einen Brief und lud ihn zu sich nach Hause ein. An dieses erste Treffen erinnerte sich Léon noch Jahre später gegenüber Lehár: „Ich war nicht zu Hause. Lizzy empfing Dich. Sie war die erste, die Du sahst, sie war die erste, mit der Du sprachst in meinem Hause. Sie warʼs, die Dir den Willkommensgruß bot – sie, die Dich ‚entdeckt‘ hat. Ich traf Dich in angelegenster Zwiesprache mit ihr. Du hattest jenes schier ununterbrochene Lächeln, das Du heute noch ununterbrochen hast: drei Viertel scharmant [!], ein Viertel ironisch. Ein Mixtum compositum, das Dich ein Viertel interessant, drei Viertel sympathisch macht. Lizzys Gesichterl flammte. Und ich sag, dass Deine vier Viertel auf sie ungeheuerliche Wirkung machten. Außerdem hattest Du damals noch ein fünftes Viertel: es war der Zauber der Montur. Du warst angetan mit der schmucken Uniform.“ So kam es also zu der produktiven Zusammenarbeit zwischen Lehár und Léon, die sicherlich in der Lustigen Witwe ihren künstlerischen Höhepunkt fand.Doch auch bei der Entstehung des Land des Lächelns hatte Lizzy Léon ihre Finger im Spiel. Angeblich geht der Geschichte nämlich eine wahre Begebenheit voraus – so zumindest eine der kursierenden Anekdoten: Ein chinesischer Diplomat soll im Hause Léon zu Gast gewesen sein und Mutter und Tochter höchst charmant den Hof gemacht haben, bis ihn seine politischen Verpflichtungen in die Heimat zurückbeorderten. Die kreative Lizzy sah in dieser Begebenheit das Potenzial für eine romantische Operette und so bearbeitete sie den Vater, die Geschichte des „Puppenprinzen“ niederzuschreiben – mit Erfolg. So liegt die Vermutung nahe, dass sie für die in der Gelben Jacke noch Lea genannte Hofratstochter Pate stand.

 

10) Bloß kein „Operetten-Blödsinn“!

Franz Lehár hatte es sich in den Kopf gesetzt, die Grenzen der Operette einzureißen. Schon eine ganze Weile störte es ihn, dass weder das Publikum noch die Kritiker die Operette besonders ernst nahmen und als eigene Kunstgattung anerkannten. Man betrachtete sie als rein unterhaltsame Angelegenheit, es kursierte gar das Schlagwort „Operetten-Blödsinn“. Damit konnte und wollte sich der ambitionierte Komponist nicht zufriedengeben. Er suchte nach den Gründen für das triviale Image und befand schließlich, dass es wohl an den „vielen Unwahrscheinlichkeiten und Dummheiten der Handlung“ liegen musste. Auch waren die Figuren zwar „lieb und nett, aber es fehlte ihnen das Herz, die Seele.“ Die Behebung dieses Mankos nahm Lehár in seinem eigenen Werk in Angriff, indem er seine Protagonisten als echte Menschen gestaltete, die „Liebe und Leid so wie wir“ empfinden. Darum sind insbesondere die beiden Hauptfiguren im Land des Lächelns, Lisa und Sou-Chong, aber auch das zweite Paar Mi und Gustl vielschichtige Charaktere, die den Zuschauer an ihren inneren Konflikten teilhaben lassen.

 

Termine Das Land des Lächelns

https://www.theaterdo.de/detail/event/das-land-des-laechelns/

 

 

Titelbild: Bastian Müller

Foto Irina Simmes als Lisa: Björn Hickmann

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