5 Meisterwerke von Augusta Holmès

5 Meisterwerke von Augusta Holmès

An der Oper Dortmund wird das Jahr 2024 mit einer ganz besonderen Premiere eingeleitet: La Montagne Noire (Der schwarze Berg) von Augusta Holmès. Weder Werk noch Komponistin dürften heutzutage wohl noch irgendjemandem etwas sagen. Dabei war Holmès in ihrer Zeit durchaus eine Berühmtheit in der Pariser Szene – und das zu Recht! Denn ihre klanggewaltige Musik beeindruckt und überrascht selbst heutige Ohren noch. Umso wichtiger ist es, ihre Werke wieder zu spielen und dieser besonderen Persönlichkeit die verdiente posthume Würdigung zukommen zu lassen. Die folgenden 5 Beispiele zeigen, warum es sich lohnt, Augusta Holmès genauer kennenzulernen:

1. Weihnachten mit Jonas Kaufmann

Winterlandschaft mit Kirche von Caspar David Friedrich (1811)

Starten wir zunächst mit einer der wenigen Melodien, die auch über den Tod der Komponistin hinaus Bekanntheit erlangt hat. Passend zur aktuellen Jahreszeit handelt es sich hierbei um ein Weihnachtslied: Noël, ebenso geläufig unter dem Titel Trois anges sont venus ce soir. Neben der berühmten Cover-Version des französischen Schauspielers und Sängers Tino Rossi, konnte sich das Lied zuletzt auch durch das Weihnachtsalbum von Startenor Jonas Kaufmann neuer Popularität erfreuen.

Augusta Holmès selbst wurde im Übrigen ebenso zur Weihnachtszeit, am 16. Dezember 1847, in Paris geboren. Früh galt sie als musikalisches Wunderkind und entschied sich, eine Laufbahn als Komponistin einzuschlagen. Eine mutige Entscheidung! Denn das Komponieren war auch im liberalen Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts fast ausschließlich den Männern vorbehalten. Den wenigen Frauen, die sich dennoch der Komposition verpflichteten, bot die Liedgattung hierbei noch die höchsten Erfolgschancen. Auch wenn sich die selbstbewusste Holmès insbesondere mit großen orchestralen Werken einen Namen machen wollte, überrascht es daher nicht, dass man sich heute am ehesten noch an ihre Lieder erinnert. Zwei wichtige Charakteristiken der Komponistin lassen sich am Beispiel von Noël in jedem Fall ausmachen: Zum einen war sie musikästhetisch ganz der Romantik verpflichtet, zum anderen verstand sie sich als Dichterkomponistin im Sinne Richard Wagners – so liegt Noël ein von ihr selbst verfasster Text zugrunde.

2. Irin oder Französin?

Irland fotografiert von einem NASA-Satelliten (2013)

Auch die sinfonische Dichtung Irlande basiert auf einem von Holmès selbst verfassten Gedicht, in dem das irische Volk zum Widerstand gegen das Britische Imperium aufgerufen wird. Patriotische Werke, die die Freiheitsbestrebungen einer unterdrückten Nation zum Thema haben, sind bei Holmès keine Seltenheit: Auch die in Dortmund gespielte Oper La Montagne Noire handelt vom Unabhängigkeitskrieg Montenegros zur Zeit der osmanischen Besetzung. Im rein instrumentalen Irlande kommt das irische Volk vom isolierten Individuum – einem einsamen Hirten – bis zur großen Masse zu Wort. So beginnt das Stück mit einer lyrischen Klarinetten-Melodie und endet in einer überwältigenden Orchester-Apotheose.

Die Tatsache, dass Holmès selbst Halb-Irin war, verleiht Irlande eine besonders persönliche Note. Aufgrund der ausländischen Herkunft ihrer Eltern galt die Komponistin in Frankreich lange Zeit als Ausländerin, was für sie zur damaligen Zeit eine große Belastung im Zuge ihres beruflichen Fortkommens darstellte. In einem zähen Einbürgerungsverfahren erhielt sie erst im Jahr 1879 offiziell die französische Staatsbürgerschaft. Ihren eigentlich englischen Nachnamen „Holmes“ schrieb sie bereits lange zuvor mit einem Accent grave, um ihre französische Identität zu betonen bzw. ihren Status als Ausländerin zu verschleiern.

3. Die Rettung der Andromeda

Perseus und Andromeda von Giuseppe Cesari (1592)

Die sinfonische Dichtung Andromède stammt kompositorisch wie Irlande aus den 1880er-Jahren, wurde allerdings erst deutlich später, nämlich im Jahr 1900 uraufgeführt. In Andromède widmet sich die Komponistin der mythologischen Sage um Andromeda, die einem Seeungeheuer geopfert werden soll, vom Helden Perseus jedoch gerettet und zur Frau genommen wird.

Das herannahende monströse Seeungeheuer, bedrohlich dargestellt in den Blechbläsern (3:38), erinnert hier durchaus an den Riesenwurm Fafner aus Richard Wagners Siegfried. Musikalisch eindrucksvoll ist Holmès vor allem die Ankunft des Helden Perseus auf dem geflügelten Pferd Pegasus gelungen: Nachdem die Violine schon zur Todesklage für Andromeda einstimmt (4:21), ertönt über einer zarten Harfen- und Geigenbegleitung kaum merklich eine rhythmische Figur in der Klarinette (6:10). Die Trompete nimmt diese Figur schließlich auf und formt aus ihr ein markantes Perseus-Leitmotiv (7:11). Nach erfolgreicher Rettung Andromedas entscheidet sich Holmès, anders als noch in Irlande, dieses Mal nicht für einen ekstatischen Ausklang; vielmehr wird die Liebe zwischen Perseus und Andromeda im Stückfinale leise und intim dargestellt.

Biografisch war Holmès übrigens weit weg von den patriarchalen Strukturen, die am Andromeda-Mythos gerne kritisiert werden. Um ihre Karriere als Komponistin nicht zu gefährden, heiratete sie trotz zahlreicher Anträge (unter anderem von Camille Saint-Saëns) zeitlebens nie. Stattdessen hatte sie eine langjährige Affäre mit dem verheirateten Schriftsteller Catulle Mendès, die fünf Kinder zur Folge hatte. Als durchsetzungsstarke Frau war Holmès in diesem Sinne eindeutig keine Andromeda, die von ihren männlichen Kollegen gerettet werden musste.

4. Sinfonie der 1200

Aufführung der Ode triomphale im Palais de l’Industrie, Gemälde von Lavialle de Lameillère (1890)

Kommen wir zum größten Erfolg in Holmès’ Karriere: Der spektakulären Ode triomphale en l’honneur du Centenaire de 1789, die im Rahmen der Pariser Weltausstellung 1889 zum hundertjährigen Jubiläum der Französischen Revolution uraufgeführt wurde. Neben der Eröffnung des Eiffelturms lieferte der 100. Geburtstag der Republik ebenso den Anlass zu einem musikalischen Großspektakel. Nachdem Charles Gounod den staatlich finanzierten Kompositionsauftrag abgelehnt hatte, schlug die große Stunde von Augusta Holmès. Ihre Kantate erfüllte alle Erwartungen! Auf einer 2000 Quadratmeter großen Bühne kamen 1200 Musizierende (900 im Chor, 300 im Orchester) im Pariser Palais de l’Industrie zusammen – ein Ereignis, das an Mahlers Sinfonie der Tausend erinnert, die allerdings deutlich später komponiert wurde. Leider ist bis heute noch kein Versuch unternommen worden, die Ode triomphale auf einer Aufnahme festzuhalten. In Deutschland wurde die Kantate allerdings im Rahmen der 200-Jahrfeier der Französischen Revolution 1989 in Köln gespielt. Es bleibt zu hoffen, dass dieses imposante Werk seine nächste Aufführung noch vor dem Jahr 2089 erleben wird.

5. Ein fataler Schwur

Bühnenbild des 3. Aktes von Marcel Jambon für La Montagne Noire, Fotografie von Wilhelm Benque (1895)

Eine Aufstellung von Holmès’ bedeutendsten Werken ist freilich erst dann komplett, wenn man auf den Elefanten im Raum zu sprechen kommt: Die Oper La Montagne Noire, die in Dortmund erstmalig seit ihrer ersten Aufführungsserie im Jahr 1895 wiedergespielt wird. Damals galt es als eine regelrechte Sensation, dass das renommierte Pariser Théâtre national de l’Opéra ein Werk einer Komponistin zur Uraufführung brachte. Nach Louise Bertins La Esmeralda war es erst das zweite Mal, dass eine abendfüllende Oper einer Komponistin vom Haus angenommen wurde und sogar das allererste Mal, dass Musik einer Frau im neu errichteten Palais Garnier zu hören war. Dies beweist, welch großes Ansehen Holmès zur damaligen Zeit genoss und welchen Eindruck ihre Ode triomphale in der französischen Hauptstadt hinterlassen hatte. Obwohl das Publikum La Montagne Noire grundsätzlich wohlwollend aufnahm, reagierte die Presse sehr gespalten. Nach immerhin 13 Vorstellungen wurde die Oper wieder abgesetzt und stellte sich damit unterm Strich als Misserfolg für Holmès heraus. Bis zu ihrem Tod am 28. Januar 1903 konnte die Komponistin nicht mehr an ihre vorangegangenen Erfolge anknüpfen.

La Montagne Noire handelt vom montenegrinischen Freiheitskampf gegen das Osmanische Reich. Die beiden Krieger Mirko und Aslar vollziehen im heiligen Ritual einen Schwur, der beide zu Brüdern vor Gott macht. Mirko verliebt sich jedoch in die Türkin Yamina, flieht mit dieser und begeht Hochverrat. Aslar möchte die Ehre seines Bruders wiederherstellen, wobei sich der gemeinsame Schwur als fatal herausstellt. Beide Krieger finden am Ende den unrühmlichen Tod – und werden vom montenegrinischen Volk dennoch zu Nationalhelden verklärt. In diesem Sinne veranschaulicht Holmès’ Oper eindrucksvoll die Entstehung falscher Heldenmythen.

Auf musikalischer Ebene sind die Parallelen zu ihrem Vorbild Richard Wagner unverkennbar. Dennoch unterscheidet sich Holmès auch von Wagner, da sie etwa ihre Leitmotive deutlich subtiler transformiert und weiterentwickelt. Exemplarisch sei hier das einprägsame „Schwur“-Motiv genannt, das die Oper einleitet.

Beginn von La Montagne Noire, MIDI-Sequenz aus der Partitur

Gespielt in den Blechbläsern basiert es auf einem c-Moll-Dreiklang. Die letzte Passage des Motivs macht schließlich den Gang Richtung C-Dur frei, der jedoch überraschend fehlschlägt – und das im Laufe des Werkes immer wieder. Erst ganz am Ende der Oper gelingt die zufriedenstellende Dur-Wendung, allerdings nicht in C-Dur, sondern in E-Dur. Diese Verfremdung ist nur logisch, zelebriert das montenegrinische Volk zum Schluss doch einen Heldenmythos, der nicht mit der eigentlichen Realität (in c-Moll) im Einklang steht.

Finale von La Montagne Noire, MIDI-Sequenz aus der Partitur

Auch wenn La Montagne Noire für Holmès persönlich hinter den Erwartungen zurückblieb, so sollte man das Werk aus heutiger Sicht dennoch definitiv neu bewerten. Die Oper Dortmund hat es sich mit dieser Neuproduktion zur Aufgabe gemacht, zu zeigen, dass Augusta Holmès nicht nur eine Ausnahmepersönlichkeit war, sondern der Nachwelt auch großartige Musik hinterlassen hat. Daher sollte sich niemand einen Besuch dieser Oper entgehen lassen!

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