„Der Vorteil unseres Berufes ist, dass wir jeden Tag sehen, was wir gemacht haben.“

„Der Vorteil unseres Berufes ist, dass wir jeden Tag sehen, was wir gemacht haben.“

Interview mit Claudia Steiner, Bühnenplastikerin am Theater Dortmund

In der aktuellen und höchst erfolgreichen Turandot-Inszenierung des japanischen Regisseurs Tomo Sugao sorgte ein riesiger ca. 3,80 m hoher goldener Drache als Teil des Bühnenbildes von Frank Philipp Schlössmann für besonderes Aufsehen. Dieser wurde von der Theaterplastikerin Claudia Steiner (34) geschnitzt, die seit der Spielzeit 2010/11 fest am Theater Dortmund beschäftigt ist.

Bei ihrem ersten Auftritt und ihrer Arie „In questa reggia“ steigt die gefühlskalte chinesische Prinzessin einen goldenen Puppenberg herunter und befindet sich eben genau vor diesem gigantischen Drachen. Auch sie selbst erinnert in ihrem panzerartigen Kostüm und mit langen Krallen an den Fingern an einen personifizierten chinesischen Drachen. Die zwei goldenen Puppenberge symbolisieren den sexuellen Missbrauch, der Turandot in der Dortmunder Inszenierung in ihrer Kindheit widerfahren ist. Die Puppen entstammen einem Spendenaufruf der Requisite und wurden zunächst monatelang gesammelt, bevor sie gold bemalt wurden. Neben dem Drachen wurden auch die Puppenberge von den Plastikern hergestellt und bearbeitet. Im Interview berichtet Claudia Stein von ihrem Beruf und dem Herstellungsprozess des Drachens.

Goldener Drache (mit Ks. Hannes Brock) umgeben von Puppenbergen
© Björn Hickmann

Du arbeitest eigentlich im Maalsaal, bist aber Plastikerin. Wie kann man sich das genau vorstellen?

Wir sind in der Plastikabteilung zu dritt und sind eine Art Unterabteilung vom Maalsaal, da wir eng mit diesem zusammenarbeiten. Darüber hinaus arbeiten wir auch noch mit der Schreinerei und Schlosserei. Wir stellen die plastischen Dekorationen für die Bühne her. Dabei handelt es sich häufig um Skulpturen, Bäume, Hügel, Autos, Tiere, manchmal auch um Masken, Stuckreliefs an den Wänden aber auch um Strukturen wie Rinde. Später wird das dann von den Malern angemalt, weswegen wir uns relativ genau absprechen müssen bezüglich der Oberflächen, damit die Farbe später auch gut darauf halten kann. Der Drache z. B. wurde aus Styropor gebaut, das ist bei größeren Elementen das Standardmaterial mit dem wir arbeiten. Grobe Sachen werden zunächst mit der Kettensäge geschnitzt und je feiner und detaillierter es wird, umso mehr schnitzen und schleifen wir. Zum Schluss wird das Ganze noch kaschiert.

Plastiker ist ein relativ spezieller Beruf, woran liegt das?

Das stimmt. Plastiker sind relativ selten und hier am Theater Dortmund sind wir insgesamt zu dritt, was verhältnismäßig viel ist, denn an kleineren Häusern haben sie oft nur einen oder gar keinen, da sie sich das nicht leisten können. Denn die Materialien, mit denen wir arbeiten, sind sehr teuer wie Styropor, bestimmte Spachtel- oder Kaschurmassen oder auch die Schäume mit denen wir Dinge ausgießen. Diese Tätigkeiten werden dann von den MalerInnen übernommen, die auch gewisse plastische Sachen beherrschen.

Zum Drachen: Weißt du eigentlich vorher, wofür der Gegenstand in der jeweiligen Inszenierung steht, also was er symbolisieren soll oder wird dir das eher technisch/künstlerisch näher gebracht?

Das ist unterschiedlich. In der Regel sagt uns mein Chef Sebastian Steinhauer-Dsenne nach dem Werkstattgespräch  ̶  das Gespräch, bei dem die BühnenbildnerInnen den Werkstätten das Bühnenbild vorstellen, was wir zu tun haben. Diese Besprechung findet häufig ein Jahr vorher statt, wobei sich dann immer noch recht viel ändern kann. Je nachdem wie umfangreich das Stück für den Maalsaal ist, kommen die BühnenbildnerInnen mit dem Bühnenbildmodell dann nochmal zu uns in den Maalsaal und beschreiben ihre Intention. Mich hat sich damals besonders dieser Puppenberg stark eingeprägt, den wir Plastiker auf Grundlage der gespendeten Puppen hergestellt haben. Frank Phillipp Schlössmann erklärte uns, dass er sich gewundert habe, warum Turandot keine Männer an sich heranlasse. Es gibt ja drei kleine Mädchen in der Inszenierung, die langsam den Eunuchen zugeführt werden und jeweils eine goldene Puppe bekommen. Turandot kommt bei ihrem ersten Auftritt über so einen Puppenberg hinabgestiegen. Das hat sich mir besonders eingebrannt. Viel spannender ist für mich zu erfahren, was an der Vorlage wichtig ist. Soll es wirklich nach Gold, nach neuem Gold oder nach altem verschmutztem Gold aussehen. Muss es irgendetwas Bestimmtes können, wird es z. B. nassgespritzt. Der handwerkliche Aspekt ist für mich von besonderer Bedeutung.

Turandots (Stéfanie Müther) erster Auftritt vor dem goldenen Drachen © Björn Hickmann

Wie wird aus dem Styropor ein Drache?

Zunächst vergrößere ich mir die Vorlage, indem ich das Bild in der Originalgröße selber zeichne. Dann nehme ich eine große Styroporplatte und übertrage die Vorzeichnung darauf. Danach schneide ich die Umrisse des Styropors aus und lege mit der Kettensäge die groben Höhen und Tiefen fest: alles was zu hoch oder tief ist, schneide ich weg und arbeite mich dann mit dem Messer immer mehr vom Groben ins Feine vor. Was nicht zum Drachen gehört schneide ich weg und mache das so lange, bis es nach einem fertigen Drachen aussieht. Ich gehe dann immer mehr ins Detail bis die Augen nach Augen und die Zunge nach Zunge aussieht. Oft gehe ich dann zwei bis drei Schritte zurück, da der Zuschauer sich das ja auch aus weiterer Entfernung ansieht. Es ist alles Handarbeit. Den Drachen lege ich dann auf eine Holzplatte und schneide die Umrisse der Rückplatte aus und klebe diese an. Die Holzplatte sieht man später natürlich nicht, nur von der Rückseite. Dann kommt von hinten ein Metallgestell dran.

Anschließend folgt die Kaschierung, indem ich Papier und Stoffe draufklebe, um es stabiler zu machen. Eine Besonderheit des Drachens ist, dass man den Kopf abnehmen kann, da dieser ja auch transportiert werden muss z. B. durch den Fahrstuhl, was sonst bei der Höhe von 2,60 m die der Fahrstuhl fasst, nicht möglich wäre.

Schritte des Herstellungsprozesses

© Claudia Steiner
© Claudia Steiner
© Claudia Steiner

Wie lange hast du insgesamt für den Drachen gebraucht?

Vom Beginn bis zur Fertigstellung waren es insgesamt drei Monate, wobei man nicht durchgängig nur an einer Sache arbeitet, da zwischendurch immer wieder kleinere Sachen reinkommen. Wenn ich kontinuierlich daran gearbeitet hätte, wären es bei einer 40-Stunden-Woche insgesamt circa sechs Wochen Bearbeitungszeit gewesen.

Was ist das für ein Gefühl, wenn der Drache fertiggestellt ist?

Der Vorteil unseres Berufes ist, dass wir jeden Tag sehen, was wir gemacht haben. Jeden Tag kann ich den Fortschritt beobachten und sehen, wie sich das Ganze Stück für Stück zu einem Drachen entwickelt. Auch wenn der Drache noch nicht fertig ist, komme ich morgens zur Arbeit und stelle fest: Gestern ist er wieder ein bisschen mehr zum Drachen geworden. Es ist schon ein unheimlich tolles Gefühl zu sehen, wie sich die Dinge weiterentwickeln und man etwas erschaffen kann. Ich sage allerdings auch, dass wir Handwerker und keine Künstler sind, denn ich mache nicht das, was ich selber schön finde, sondern das was andere Leute schön finden. Ich persönlich habe noch nie einen Drachen gemacht, deswegen fand ich es schön mal so ein Fabelwesen herstellen zu können. Ein Drache stand schon länger auf meiner To-do-Liste, daher habe ich mich sehr gefreut, am liebsten hätte ich ihn zwar als Vollplastik gemacht, aber so bin ich auch sehr zufrieden!

Nächsten Termine Turandot in der Oper Dortmund:

https://www.theaterdo.de/detail/event/turandot/

Titelbild © Björn Hickmann

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