Aufstrebende junge Talente und theatrale Sinnlichkeit

Aufstrebende junge Talente und theatrale Sinnlichkeit

Pressesprecher Alexander Kalouti im Gespräch mit dem neuem Opernintendanten Heribert Germeshausen

Von einer der schönsten Städte Deutschlands in das rauere Ruhrgebiet. Gibt’s da nicht irgendwo ein ganz klein wenig Wehmut? Klares Nein! Auch wenn ich in Heidelberg sehr glücklich war: Wenn man sechseinhalb Jahre pittoresk gewohnt hat, ist es auch ganz schön, wieder im wirklichen Leben anzukommen. Und die Menschen hier sind außergewöhnlich offen und hilfsbereit.

Was waren Deine ersten Gedanken, als Du erfuhrst, dass Du Intendant der Oper Dortmund wirst? Endlich! Ich war überglücklich, die vielen Gedanken, die ich mir im Rahmen des Bewerbungsverfahrens gemacht habe, tatsächlich mit Herzblut umsetzen zu dürfen.

Du hast Jura und Betriebswirtschaftslehre studiert sowie in den USA einen MBA gemacht. Liegt es da nicht näher, dass Du in einer internationalen Großbank arbeiten müsstest? Wie kam der Schwenk zur Oper? Seit ich im Alter von 9 Jahren meine erste Oper gehört habe wusste ich, dass ich beruflich etwas mit Oper machen wollte und habe mich jede freie Minute meines Lebens mit ihr beschäftigt. Da ich aus einer Musik affinen Nicht-Künstlerfamilie stamme, hatte ich mich nach dem Abitur aber in vorauseilendem Gehorsam dafür entschieden, „etwas Vernünftiges“ zu studieren, und deswegen war ein Großteil meiner Studienzeit von der bangen Frage dominiert, wie ich über den von mir eingeschlagenen Umweg am Ende doch noch zur Oper komme.

Ist es vielleicht sogar ein Vorteil, nicht unbedingt einen künstlerischen Hintergrund zu haben? Es ist gerade bei sehr erfolgreichen Opernintendanten so unüblich nicht, dass sie selbst keine praktizierenden Künstler sind. Mein großes Vorbild Gérard Mortier war etwa Jurist. Bei regieführenden oder dirigierenden Intendanten ist mitunter zu beobachten, dass sie die von ihnen geleitete Institution aus dem verengenden Blickwinkel der eigenen künstlerischen Tätigkeit wahrnehmen und leiten.

Du wirst kein Regie führender Intendant sein. Wie willst Du das Haus künstlerisch profilieren? Auf vier Ebenen. Über gesangliche Exzellenz, außergewöhnliche szenische Realisierungen, eine ungewöhnliche und dennoch publikumsfreundliche Programmatik sowie innovative Wege in der Gewinnung neuer Publikumsschichten. Bei den Sängern kann sich das Dortmunder Publikum sowohl auf aufstrebende junge Talente freuen, die sich als Finalisten bedeutender internationaler Wettbewerbe profiliert haben wie Mandla Mndebele als auch auf bereits international arriviert Künstler wie den Tenor Sunnyboy Dladla. Bei der szenischen Realisierung setze ich auf Regisseure, die intelligente Konzepte mit theatraler Sinnlichkeit zu verbinden wissen und dabei Maßstäbe setzen. Unter den regelmäßigen Regiegästen findet sich ein Jahrhundertregisseur wie Peter Konwitschny oder junge Shootingstars wie Martin G. Berger, Demis Volpi und Nikolaus Habjan. Bereits der Spielplan 2018/19 nimmt hinsichtlich der verhandelten Sujets die kulturelle Diversität auf, die Dortmund als Stadt auszeichnet. Ab der Spielzeit 2019/2020 wird es zwei thematische und miteinander verzahnte Zyklen geben sowie zwei thematische orientierte Festivals, in denen wir unser Angebot inhaltlich und zielgruppenmäßig spezifisch zuschneiden und verdichten. Mit der Dortmunder Bürger Oper We Do Opera! und unseren zahlreichen partizipativen Projekten schließlich werden wir Oper neu denken und versuchen einen Prototyp dafür zu entwickeln, was Oper im 21. Jahrhundert sein kann.                            

In Heidelberg wurde Deine Sparte 2015 mit dem Preis der Deutschen Theaterverlage  für den „interessanteste und innovativste Spielplan der Saison“ ausgezeichnet. Die Jury schrieb, unter Deiner Leitung habe „die Sparte Oper des Heidelberger Theaters ein unverwechselbares Profil gewonnen, das durch große Entdeckerfreude, durch überlegten Umgang mit dem Repertoire und durch eine vorbildliche Ensemblepflege überzeugt“. Um was für ein Programm handelte es sich dabei? Um die Verbindung zweier über mehrere Spielzeiten angelegter thematischer Zyklen, „Oper des 21. Jahrhundert“ und „opera napoletana“ mit dem Kernrepertoire, zudem etwa auch eine „La Traviata“ zählte, in der Lahav Shani, heute Chefdirigent in Rotterdam und designierter Nachfolger von Zubin Metha als Chefdirigent des Israel Philharmonic Orchestras, sein Debüt als Operndirigent gab.

Wo soll die Oper Dortmund in sechs Jahren stehen? Sie soll ein führendes deutsches Opernhaus mit einem kulturell diversen Publikum sein, das sich in seiner Struktur der Demographie der Stadtgesellschaft angenähert hat.

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