„Eine Musik, bei der die Herzen der KünstlerInnen aufgehen“

„Eine Musik, bei der die Herzen der KünstlerInnen aufgehen“

Chordirektor Fabio Mancini
© Julian Baumann

Was wäre die Dortmunder Oper ohne ihren legendären Opernchor? Fabio Mancini (31) ist seit der Spielzeit 2018/19 Chordirektor mit Dirgierverpflichtung. Zuvor war er bereits zwei Jahre an der Oper Dortmund Chorassistent seines Vorgängers Manuel Pujol. Als diese Stelle frei wurde, schlug ihn der Opernchor selbst als neuen Chordirektor vor und er bewarb sich. Schon im Studium leitete Mancini verschiedene Chöre und nach seinem Masterstudium in Köln (M.A. „Dirigieren/Musiktheater“) interimsweise den Opernchor am Theater Aachen. In dieser Spielzeit war der Dortmunder Opernchor in den bereits abgespielten Opernproduktionen Aida (Regie: Jacopo Spirei) und der Herrenchor im Barbier von Sevilla (Regie: Martin G. Berger) vertreten und ist gerade noch in Das Land des Lächelns (Regie: Thomas Enzinger) und in Turandot (Regie: Tomo Sugao) zu erleben. Aktuell probt der Chor für die Oper Echnaton (Regie: Giuseppe Spota), die am 24. Mai 2019 Premiere feiern wird. Im Gespräch berichtet Fabio Mancini von der Funktion des Opernchores am Theater Dortmund.

Der Dortmunder Opernchor genießt einen ausgezeichneten Ruf und gilt als besonders motiviert. Was zeichnet den Dortmunder Opernchor aus?

Es ist ein Chor aus leidenschaftlichen Mitgliedern, die immer freudig den Zugang zur Musik finden und gerne im Chorsaal und vor allem auf der Bühne stehen. Sie sind in der Regieszene bekannt dafür, dass sie spielerisch sehr aufgeschlossen sind. Es ist kein Chor, bei dem sich der Regisseur lange quälen muss, bevor sich die SängerInnen überhaupt einmal bewegen. Wenn man ihnen ein paar Anstöße gibt, entwickelt sich vieles von alleine, weil alle Mitglieder einfach unheimlich gerne auf der Bühne stehen und spielen.

Man spricht ja gelegentlich auch vom Damen- und vom Herrenchor. Was steckt hinter dieser Unterscheidung?

Die Trennung bezieht sich vor allem auf die Stimmgruppen, also Sopran, Alt, Tenor, Bass. Bei den Damen gibt es Sopran und Alt und bei den Herren Tenor und Bass. Jede dieser Stimmgruppen ist zusätzlich unterteilt in eins und zwei, was mit der Arbeitslage beim Singen zu tun hat, also welche Stimme in welcher Stimmlage mehr zu Hause ist. Die meisten Stücke sind allerdings mit Damen und Herren besetzt. Die Trennung zwischen Damen und Herren kommt dadurch zustande, dass es viele Opern gibt, die z. B. nur einen Herrenchor vorsehen und keinen Damenchor einkomponiert haben. Für die Komponisten ist das häufig eine Frage der Klangfarbe oder es hängt mit den Rollen zusammen, im Barbier von Sevilla haben wir die Polizisten und es gibt in vielen Opern ähnliche Rollen wie Soldaten oder Priester. In den meisten Produktionen ist allerdings der gesamte Chor vertreten. In noch größeren Häusern wird der Chor häufig für Opernproduktionen aufgeteilt, da ist ein Teil des Chores dann entweder für die eine oder für die andere Produktion zuständig. Wir sind insgesamt 44 Chormitglieder und bei uns singen in der Regel alle alles.

Was gibt es für Beweggründe im Chor zu singen, anstatt sich für eine Solkarriere zu entscheiden?

Es ist eine ganz bewusste Lebensentscheidung für den Chor. Manche Chormitglieder finden es z. B. ganz toll im Alt zwischen den anderen Stimmen zu singen und bestimmte Harmonien entstehen zu lassen. Andere sagen, dass sie von der Persönlichkeit eher nicht dafür gemacht sind, solistisch aufzutreten, da sie sich in einer Gemeinschaft freier fühlen. Natürlich geht es auch um Sicherheit, denn eine Solokarriere kann sehr riskant sein und bietet nicht unbedingt die sichere Zukunft. Manche wollen eine Familie gründen und sesshaft werden. Es gibt also sowohl künstlerische als auch persönliche Beweggründe, sich bewusst für den Chor zu entscheiden.


Der Opernchor in Aida © Björn Hickmann

Aida (Regie: Jacopo Spirei) und auch Turandot (Regie: Tomo Sugao) sind Beispiele dafür, wie man den Chor szenisch inszenieren kann ohne ihn nur als Chor kenntlich zu machen. Wie sehen das die ChoristInnen selbst und was sind für sie die dankbarsten Produktionen?

Der Chor hat die Arbeit mit Herrn Spirei sehr genossen.Es gibt immer eine Grauzone, in der man eine Balance finden muss. Natürlich freut sich der Chor, wenn er nicht einfach nur dasteht, singt und dann wieder abgeht. Dies entspräche ein wenig der italienischen Operntradition, denn in Italien sind die Inszenierungen häufig statischer als in Deutschland. Ich habe ich in der Arena von Verona eine Aida-Inszenierung erlebt, wo der riesige Chor immer wieder auftritt, singt und dann wieder abgeht. Unser Opernchor ist natürlich dankbar, wenn er auf der Bühne spielerische Aufgaben übernimmt, allerdings darf hier die Grenze nicht überschritten werden, denn sie müssen dabei in der Lage sein, 100-prozentige Gesangsleistungen abzuliefern. Denn Singen ist immer noch die wichtigere Aufgabe bei ChorsängerInnen und die Szene sollte nicht so unvorteilhaft konzipiert sein, dass man sich gar nicht mehr auf das Singen und den Dirigenten konzentrieren kann. Also gerne sehr viel Szene, aber bitte so, dass man das musikalisch immer noch gut unterbringen kann.

Wie ist es bei Turandot? Dort ist der Chor äußerst präsent als Volk vertreten.

In Turandot gibt es für den Chor eine wahnsinnige Bandbreite an Klangfarben, die wir dann interpretatorisch erfüllen müssen. Turandot ist eine große Choroper, in der der Chor verhältnismäßig viel singt und in allen drei Akten sehr präsent ist. Von der ganzen Oper singt der Chor etwa eine Stunde. Es gibt einfach alles: Von den Todesschreien zu Beginn über intimste Passagen bis hin zu den ganz großen feierlichen und grandiosen Momenten. Für den Chor ist es sehr anspruchsvoll, für die Stimmen sehr herausfordernd, eine Musik, bei der die Herzen der KünstlerInnen aufgehen.

Und wie ist es in Das Land des Lächelns? Hat der Opernchor dort eine eine besondere Aufgabe?

Es gibt in Das Land des Lächelns einen zentralen Moment: Die Verleihung der Gelben Jacke, wo der Chor als chinesische Gesellschaft auftritt. Hier wird eine nicht existierende Phantasiesprache gesungen, dem Chinesischen nachempfunden. Da haben wir uns große Mühe gegeben, es möglichst exotisch klingen zu lassen.

Der Opernchor in Das Land des Lächelns © Björn Hickmann

Gibt es bei ChoristInnen einen Unterschied zu SolistInnen? Bringen ChorsängerInnen stimmlich und technisch die gleichen Fähigkeiten mit?

Ich glaube, dass es das Gleiche ist. Das hat auch mit dem Respekt vor den künstlerischen Persönlichkeiten zu tun. Man kann als RegisseurIn alles vorschlagen, aber man muss auch respektieren, wenn SängerInnen durch bestimmte Situationen gesanglich eingeschränkt werden. Aber ja, die ChoristInnen bringen dieselben technischen Fähigkeiten mit, da sie denselben Ausbildungshintergrund haben. In der Nachkriegszeit war der Zugang zum Opernchor wesentlich lockerer, heute aber ist ein strenges Auswahlverfahren Standard und es handelt sich dabei ausschließlich um professionelle SängerInnen, die eine klassische Gesangsausbildung absolviert haben.

Der Opernchor in Turandot © Björn Hickmann

Wie sieht die Probenstruktur im Chor aus? Für welche Produktionen probt ihr gerade?

Wir proben schon lange für Echnaton und auch für die Produktionen der nächsten Spielzeit. Wenn die szenischen Proben beginnen, können wir das ganze Stück bereits auswendig. Die Proben finden im Chorsaal statt. Die Musikalische Leitung teilt uns vorher Wünsche zur Interpretation mit, die wir dann während der Einstudierung umsetzen. Bei den späteren szenischen Proben haben wir uns auf die Szene zu konzentrieren, daher sollte das Musikalische schon vorher geklärt sein. In der Phase der szenischen Probe haben wir dann immer wieder noch eine Probe im Chorsaal, wo wir die musikalischen Feinheiten, die durch die szenische Arbeit möglicherweise verloren gegangen sind, wieder rausputzen.

Kannst du uns schon etwas über die Rolle des Chores in Echnaton erzählen?

Der Chor hat bei Echnaton eine tragende Rolle, denn diese Oper ist auch wie Aida und Turandot eine sogenannte große Choroper. In vielen Nummern dieser Oper ist der Chor als altägyptische Gesellschaft in einem grandiosen Klangerlebnis vertreten, bei einzelnen Nummer werden tempelartige Gesänge von den Herrenchor als Priester intoniert und es gibt auch ganz zarte Momente mit dem Damenchor allein. Eine sehr reiche Palette an Klangfarben, wo Feuer und Rhythmus sicherlich dominieren. Für uns ist das Stück eine große Herausforderung, denn auf Sprachen wie Akkadisch und dem altägyptischen nachempfundenen Idiomen singen wir nicht wirklich jeden Tag.

Titelbild: Björn Hickmann

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