Tragisch. Wenn Schlüssel und Schloss nicht zueinander passen.

Tragisch. Wenn Schlüssel und Schloss nicht zueinander passen.

Tatjana
Still, unbeachtet, zurückgezogen, ja isoliert lebt Tatjana auf dem Landgut ihrer Mutter Larina. Meist meidet sie den Kontakt zu anderen Menschen. Deren Fröhlichkeit bleibt ihr fremd. Als auf dem Gut die Ernte eingefahren ist und alle Menschen feiern, vertieft sich Tatjana in ihre Fantasien und in ihre Bücher, die sie tagein, tagaus begleiten. Sie versteht sich nicht auf Konversation und kann das Verhalten und die „Spiele“ der Gleichaltrigen nicht deuten. So unterscheidet sie sich sehr von ihrer lebensbejahenden und fröhlichen Schwester Olga.
Tatjana ist eine selbstunsichere, ängstlich-vermeidende Persönlichkeit mit abhängigen Zügen. Betroffene haben ein Gefühl von Anspannung und Besorgtheit. Sie fühlen sich oft minderwertig und fürchten Bewertung, Kritik oder Zurückweisung. Dabei sehnen sie sich gleichzeitig nach Anerkennung, Zuneigung und Sicherheit. Persönliche Kontakte zu anderen haben Sie nur dann, wenn sie sich deren Zuneigung sicher sind. Meist pflegen Sie einen eingeschränkten Lebensstil. Sie ordnen sich unter und sind kaum in der Lage Alltags- aber auch Lebensentscheidungen ohne die Ratschläge Dritter zu treffen.

Onegin
Der selbstsichere und stolze Eugen Onegin besucht mit seinem Freund Lenski das Landgut. Zunächst zieht Tatjana sich ängstlich zurück, fühlt sich gleichzeitig von dem jungen, weltgewandten Mann angezogen und verliebt sich in ihn. Es fehlt ihr an Übung, Konversation zu betreiben. Also schreibt sie ihm einen langen Brief, gesteht ihm ihre Liebe und legt ihr Schicksal in seine Hände. Onegin reagiert kühl, herablassend, abweisend und bestätigt damit Tatjanas unterbewusste Befürchtungen. Als er ihre Schwäche bemerkt, demütigt er sie, indem er Tatjanas Schwester Olga, die mit Lenski, seinem Freund, liiert ist, heftig flirtet und ihr Avancen macht. Schlüssel und Schloss wollen nicht zueinander passen.
Da agiert ein Mensch mit starken narzisstischen Zügen. Solche Personen zeigen oft arrogantes und hochmütiges Verhalten. Hinter ihrem scheinbar selbstsicheren Auftreten versteckt sich oft die Unfähigkeit, den eigenen Selbstwert zu regulieren. Ihr Selbstbildnis schwankt zwischen grandioser Selbstüberschätzung und dem Gefühl wertlos und ungenügend zu sein. Sie verhalten sich anderen gegenüber rücksichtslos und ausbeuterisch. Oft sind sie nur eingeschränkt empathisch und sehr auf sich selbst bezogen.
Es wundert nicht, dass Onegin seinen Freund Lenski rücksichtslos bis aufs Blut reizt, indem er versucht ihm seine Freundin Olga auszuspannen. Lenski, zutiefst verletzt, fordert Onegin zum Duell. Weder Lenski, den der Furor treibt, noch Onegin lassen von ihrem Vorhaben ab. Lenski wird von Onegin erschossen.

Jahre später, Tatjana, inzwischen sicher und wohlhabend in Vernunftehe liiert, genießt die soziale Aufwertung durch ihren Ehemann. Sie lebt mit ihm im glanzvollen Palast in St. Petersburg, von Statussymbolen umgeben. Doch wird sie dort auch von grauen, langweiligen und stereotypen Menschen begleitet. Im gläsernen Ballsaal ihres Anwesens in St. Petersburg, der auch wie ein goldener Käfig anmutet, trifft sie auf Onegin.
Nunmehr wirbt Onegin, der weitgereist aber seelisch leer ist, um sie. Doch Tatjana, die Selbstunsichere, weist nach innerem Kampf sein Werben zurück. Onegin erlebt seine Niederlage traumatisch, fühlt sich wertlos und nicht liebenswert. Tatjana erkauft sich ihre Sicherheit durch ein langweiliges Leben Grau in Grau.

Da passen Schlüssel und Schloss nicht zueinander. Tragisch.

Bleibt die Frage: Sind beide psychisch krank? Varianten der Persönlichkeit sind dann krank, wenn die Symptome beherrschend, die Betroffenen unflexibel sind, im Verhalten unangepasst bleiben und wenn sie leiden. Urteilen Sie selbst.

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Hans Joachim Thimm

Hans Joachim Thimm ist Erster Oberarzt der Allgemeinen Psychatrie an der LWL Klink in Dortmund Aplerbeck. Als enger Berater hat Hans Joachim Thimm bei dem Musical "Next to Normal", bei dem es um eine manisch-depressive Frau geht, dem Leitungsteam und den Darstellern wertvolle Informationen und Einblicke in die Welt der psychischen Erkrankungen gegeben. Seitdem lässt ihn das Theater nicht mehr los - als ständiger Besucher und nach wie vor mit seinem Wissen über die menschliche Psyche als inspirierender Gesprächspartner. In lockerer Folge wird Hans Joachim Thimm auf dem Opernblog seine ganz spezielle Sichtweise auf einige Opernfiguren darstellen.

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