Künstlerportrait Aytaj Shikhalizada

Künstlerportrait Aytaj Shikhalizada

Eines fällt an Aytaj Shikhalizada sofort und sehr angenehm auf: der schöne Klang ihrer Stimme. Nicht nur beim Singen, auch beim Sprechen hört man ihr gerne zu. An einem goldenen Tag im Spätherbst treffen wir uns vor der Theaterkantine des Dortmunder Schauspiels zum Gespräch. Es ist einer ihrer wenigen freien Tage.

Die gerade einmal 25-Jährige hat schon eine bemerkenswerte Vita vorzuweisen: Geboren und aufgewachsen in Aserbaidschan setzt sie sich früh in den Kopf, dass sie nach Österreich oder Deutschland möchte. Einerseits schätzt sie die „typisch“ deutsche Organisation und Pünktlichkeit – auch wenn sie selbst noch nicht ganz so pünktlich wie die Deutschen sei. Andererseits, und das ist für sie der viel gewichtigere Grund, wegen der klassischen Musik, die in Europa einen höheren Stellenwert als in ihrer Heimat Aserbaidschan genießt.

„Ich wusste schon früh: Ich möchte nach Deutschland“

Sie lernt schon in Aserbaidschan am dortigen Goethe-Institut die deutsche Sprache. Mittlerweile führt sie das Gespräch problemlos in Deutsch. Überhaupt, Sprachen liegen ihr: Sie spricht fließend Türkisch und Russisch. Momentan lernt sie zusätzlich noch Französisch und Italienisch.

Nach dem Bachelor- und Masterstudium an der Baku Music Academy folgt dann die logische Konsequenz: Aytaj Shikhalizada schreibt sich für ein weiteres Masterstudium an der Universität für Musik und Darstellende Künste in Wien ein. Dieses Studium hat sie übrigens gerade erst abgeschlossen.

Erste Erfolge und ein Eintrag ins goldene Buch

Schon schnell sammelte sie erste Bühnenerfahrungen und feiert Erfolge: So sang sie unter Jean-Christophe Spinosi in Rossinis Lʼitaliana in Algeri in Frankreich, einer Produktion der Salzburger Pfingstfestspiele, bei der sie für die legendäre Cecilia Bartoli einspringt. Außerdem wird Shikhalizada Stipendiatin des aserbaidschanischen Präsidenten und erhält dort einen Eintrag in das goldene Buch. Eine Ehre, die nur den besonderen Talenten des Landes zuteil wird. Auch gewinnt sie ein Stipendium der Wiener-Thyll-Dürr-Stiftung, einem Wettbewerb, bei dem sie von 100 teilnehmenden MusikerInnen zu den zwei SiegerInnen zählt. Mit ihrer sympathischen Offenheit zeigt sie im Gespräch, wie stolz sie vor allem über diese Stipendien ist.

Seit der Spielzeit 2018/19 ist Shikhalizada neu als Mezzosopranistin im Dortmunder Ensemble, hat hier ihr erstes Festengagement und singt aktuell die Rosina in der umjubelten Inszenierung des Barbier von Sevilla. Für ihre Darstellung der Rosina wurde sie von der Presse hoch gelobt, insbesondere für ihren facettenreichen Gesang mit koloratursicherer Phrasierung und ausgezeichneten technischen Fähigkeiten. In Dortmund wird sie in dieser Spielzeit auch in Echnaton zu sehen sein. Gleichzeitig absolviert sie Gastspiele in Bregenz und Klagenfurt. Im Gespräch mit ihr wird auch klar, dass der Grundstein ihres Erfolgs schon in ihrer Kindheit in Aserbaidschan gelegt wurde.

Klavier oder Gesang – eine große Entscheidung

In ihrem Elternhaus wird sie früh durch die Volksmusik aus Aserbaidschan geprägt. Volksmusik hat dort einen besonderen Stellenwert für die Menschen. Ihre Mutter, die professionell Kamantsche, eine Stachelgeige in der aserbaidschanischen Musik, sowie Klavier spielt, bringt sie zur Musik. Zunächst will Shikhalizada Pianistin werden, spielt zehn Jahre lang Klavier in der Schule. Als zweites Fach wählt sie Gesang und wird von ihrer Lehrerin ermutigt, den Gesangsweg zu gehen. Eine schwierige Entscheidung zwischen Klavier und Gesang, denn für die Klavieraufnahmeprüfung an der Universität hatte Aytaj Shikhalizada schon alles vorbereitet. Schließlich entscheidet sie sich für den Gesang. Die Emotionen ließen sich beim Singen besser transportieren, als sitzend am Klavier, erklärt sie ihren Beweggrund.

Ich fühle eine menschliche Wärme

Nun ist Shikhalizada in Dortmund angekommen und es gefällt ihr hier. An Dortmund schätzt sie vor allem die Herzlichkeit der Menschen. In kleineren Opern-Städten fühle sie immer eine größere Wärme, die Leute seien enger miteinander. Das schönste Haus der Welt bringe nichts, wenn einem dort eine Kälte entgegenweht. Es sind diese kleinen, weisen Ansichten der jungen Opernsängerin, die zum Nachdenken anregen. Offen spricht sie über die große Herausforderung im Barbier von Sevilla zu spielen. Bei ihrer ersten großen Theaterhauptrolle hängt sie als Marionette von der Decke herunter. Eine schwierige Aufgabe, da es ja nicht alltäglich ist, hoch durch die Lüfte zu fliegen und dabei gleichzeitig auf höchstem Niveau zu singen. Bei der berühmten Arie „Una voce poco fa“ fliegt sie während einer sehr schwierigen Koloratur fast drei Meter nach oben, dann schwebt sie wieder herunter und muss auf dem Boden liegen bleiben. Das alles zu organisieren sei wirklich schwer. So etwas lerne man nicht an der Universität. Man müsse seine Stimme und sich selbst sehr gut kennen, wissen welche Gesangstechnik man in einem bestimmten Abschnitt verwendet, erzählt sie und gestikuliert leidenschaftlich dabei. Man merkt ihr sofort an, dass sie ihr Leben voll und ganz dem Gesang verschrieben hat.

Szenenfoto aus dem Barbier von Sevilla

Der Gesang bestimmt ihr Leben

Auch wenn Shikhalizada frei hat, ist ihr Leben vom Gesang bestimmt ̶  so reist sie viel und nimmt an Vorsingen teil. Wenn sie dann wirklich einmal Zeit hat, geht sie gerne spazieren. Sie mag es, Menschen zu beobachten, zu sehen wie sich Leute unterschiedlicher Länder und Kulturen verhalten. Menschen im Café zu beobachten sei gewissermaßen ihr Hobby, erzählt sie lachend. Ehrgeizig und immer das Ziel vor Augen wünscht sie sich, in Zukunft an den größten Häusern zu singen – etwa an der Metropolitan Opera, der Scala oder der Staatsoper Wien. Dabei kommt ihr es auch darauf an, die richtigen Menschen zu treffen, mit denen sie zusammenarbeiten kann. In solchen Momenten wisse man einfach sofort: „Das sind meine Leute!“ Doch sei es nicht leicht, diese Menschen zu finden.

Im Barbier von Sevilla ist Aytaj Shikhalizada an der Oper Dortmund an folgenden Terminen zu sehen:

https://www.theaterdo.de/detail/event/il-barbiere-di-siviglia-der-barbier-von-sevilla/

Fotos Barbier von Sevilla: Anke Sundermeier

Foto Portrait Shikhalizada: Björn Hickmann

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