Zehn Dinge, die Sie über Lohengrin wissen sollten

Zehn Dinge, die Sie über Lohengrin wissen sollten

Das sämtliche Rahmen und Grenzen sprengende Œuvre von Richard Wagner wird in den nächsten Jahren den Spielplan der Oper Dortmund bestimmen. Doch bevor in der kommenden Saison 2020/21 das erste Viertel des Ring des Nibelungen geschmiedet wird, steht im Winter 2019 mit dem Lohengrin sein vielleicht populärstes Stück auf dem Programm. Sowohl über das Werk als auch über den Komponisten wurden bereits tonnenweise Bücher geschrieben, sodass man sich je nach Belieben ein umfassendes Wissen anlesen kann. Ein paar spannende Details rund um den Lohengrin gibt es aber, die es durchaus zu kennen lohnt. Wer sich also kurz und knackig auf diese wundervolle Oper vorbereiten möchte, ist hier an der richtigen Stelle!

1) „Amtmann Rührei“ auf der Barrikade

Wagners Steckbrief. Das Bild malte sein Pariser Freund Ernst Benedikt Kietz. Faksimile aus dem „Dresdner Journal“ © Walter Hansen: Richard Wagner. Sein Leben in Bildern

Der Richard Wagner, den man heute so gut zu kennen glaubt, ist der weltmännische Großmeister, der das Imperium der Bayreuther Festspiele aus dem trockenen Boden des Grünen Hügels gestampft hat. Dieser Richard wusste ganz genau, in welchem Licht er sich sehen lassen wollte, und seine klug kalkulierende Frau Cosima tat das Ihrige dazu. Der Weg dorthin war aber durchaus steinig, und als Wagner zwischen 1845 und 1848 den Lohengrin komponiert, ist von diesem Glanz noch nicht viel zu sehen. 1813 in eine sehr kunstaffine Familie hineingeboren, begeistert er sich schnell für das Theater und die Musik und versucht schon früh, seinen Hang zur Theatralik und Empfindsamkeit zum Ausdruck zu bringen. Für seine Geschwister ist er bald nur noch der „Amtmann Rührei“. Er saugt das reichhaltige Kulturangebot seiner Heimatstadt Leipzig auf und interessiert sich gleichermaßen für die anerkannten Meister (allen voran Beethoven) wie auch die neusten Entwicklungen seiner Zeit. Doch statt ein in sich versunkener Künstler zu sein, ist der junge Richard vielmehr ein lebenslustiger Lausbub, der sich für das Studententum begeistert. 1830 erwacht mit dem ersten revolutionären Aufbegehren gegen das monarchisch-feudale System auch sein politisches Interesse: Er stürmt mit anderen jungen Leuten ein von der Stadtverwaltung angeblich begünstigtes Bordell und demoliert es. Diesen Aktivismus setzt er 1848 in Dresden fort, auch wenn die Beweggründe dafür mittlerweile persönlicher sind. Denn im Zuge der Märzrevolution will er auch das künstlerische System umgestalten: Am liebsten würde er den Generalintendanten der Oper stürzen, um dessen Position selbst zu übernehmen. Auf der Szene will er lieber spielstarke Sängerdarsteller_innen sehen als starre Goldkehlchen. Ein Dirigent soll die Partitur mit Leben erfüllen und interpretieren und nicht mehr nur den Takt schlagen. Gleichzeitig verfasst er politische Manifeste wie Die Revolution (1849), worin er proklamiert: „ich will zerbrechen die Gewalt der Mächtigen, des Gesetzes und des Eigenthums.“ Sein Ziel ist es, „frei im Wollen, frei im Thun, frei im Genießen“ den „Werth des Lebens“ zu erkennen. So geht er nach dem Vollenden des Lohengrins auf die Barrikaden und wird schließlich zu einem steckbrieflich gesuchten politischen Flüchtling, der in der Schweiz sein Exil findet.

2) Mit dem Schwanenritter in der Wanne

Kreuzbrunnen in Marienbad, Kupferstich um 1815 © public domain

Als sächsischer Kapellmeister, der er ja von 1843 bis 1849 war, hatte Wagner ein straffes Arbeitspensum zu bewältigen. Kein Wunder also, dass er trotz seiner schier endlosen Energie auch mal die Bremse ziehen musste. Im Sommer 1845 begab er sich mit seiner Frau Minna ins tschechische Marienbad, um sich „der gemächlichsten Lebensweise“ hinzugeben und die Seele baumeln zu lassen. Doch besonders vorausschauend war es dabei nicht von ihm, die Gedichte Wolfram von Eschenbachs und den Lohengrin-Epos als Freizeitlektüre in den Koffer zu packen. An einem Waldbach gelegen vertiefte er sich in die Texte, und schnell waren die kreativen Zentren in seinem Kopf stimuliert. In seiner Autobiographie erinnert er sich daran: „Bald regte aber die Sehnsucht nach eigener Gestaltung des von mir Erschauten sich so stark, daß ich, vor jeder aufregenden Arbeit während des Genusses des Marienbader Brunnens gewarnt, Mühe hatte, meinen Drang zu bekämpfen. Hieraus erwuchs mir eine bald beängstigend sich steigernde Aufregung: der ‚Lohengrin‘, dessen allererste Konzeption schon in meine letzte Pariser Zeit fällt, stand plötzlich vollkommen gerüstet mit größter Ausführlichkeit der dramatischen Gestaltung des ganzen Stoffes vor mir. […] Eingedenk der ärztlichen Warnung, wehrte ich gewaltsam die Versuchung zum Niederschreiben des entstandenen Planes von mir und wendete dagegen ein energisches Mittel der sonderbarsten Art an.“ Es ist wirklich sonderbar, was Wagner dann als Gegenmaßnahme versuchte: er schrieb mal eben seine Geschichte zu den Meistersingern von Nürnberg. Doch auch das konnte seinen Drang, die Dichtung um den Schwanenritter in Angriff zu nehmen, nicht lange zügeln: „kaum war ich um die Mittagszeit in mein Bad gestiegen, als ich von solcher Sehnsucht, den ‚Lohengrin‘ aufzuschreiben, ergriffen ward, daß ich, unfähig, die für das Bad nötige Stunde abzuwarten, nach wenigen Minuten bereits ungeduldig heraussprang, kaum die Zeit zum ordentlichen Wiederankleiden mir gönnte und wie ein Rasender in meine Wohnung lief, um das mich Bedrängende zu Papier zu bringen. Das wiederholte sich mehrere Tage, bis der ausführliche szenische Plan des ‚Lohengrin‘ ebenfalls niedergeschrieben war.“ Manchmal wird man eben erst im Müßiggang wirklich schöpferisch!

3) Wagner im „Schwan“

Richard Wagner als Dirigent, Schattenriss von Wilhem (Willi) Bithorn © public domain

Aufgrund seiner revolutionären Betreibungen war Wagner in die Schweiz geflohen und versuchte von dort, die noch immer ausstehende Uraufführung seines Lohengrin endlich in die Wege zu leiten. Er schrieb flammende Briefe an seinen Freund und Gönner Franz Liszt, der als Kapellmeister in Weimar eine günstige Position inne hatte: „Eine ungeheure Sehnsucht ist in mir entflammt, dies Werk aufgeführt zu wissen. Ich lege Dir hiermit meine Bitte an das Herz. Führe meinen Lohengrin auf! Du bist der Einzige, an den ich diese Bitte richten würde…“ Liszt machte tatsächlich seinen Einfluss gelten und setzte es durch, dass das neue Werk im Großherzoglichen Theater aufgeführt wurde. Und mehr noch, er kämpfte für all die fantastischen Spielereien, die sein Freund sich ausgedacht hatte: „Dein Lohengrin wird unter den außerordentlichsten und für sein Gelingen besten Bedingungen gegeben werden. Die Intendanz gibt bei dieser Gelegenheit nahezu an 2000 Thalern aus, was seit Menschengedenken noch nie in Weimar geschehen ist… Die Zahl der Violinen wird vergrößert werden…  die Bass-Klarinette ist gekauft worden… Ich werde alle Proben übernehmen… Es versteht sich von selbst, dass wir keine Note, kein Iota Deines Werkes streichen…“ Als es dann im August 1850 endlich so weit war, muss Wagner eher gemischte Gefühle gehabt haben. Einerseits war der lang ersehnte Moment gekommen und man hob seine romantische Oper aus der Taufe. Andererseits konnte der Komponist nicht selbst dabei sein, sondern war letztlich aus politischen Gründen dazu gezwungen, dem einzigartigen Erlebnis fernzubleiben. Aber Wagner wäre nicht Wagner, wenn er nicht trotzdem das Beste aus der Situation gemacht hätte. In Luzern besuchte er am Tag der Uraufführung den Gasthof mit dem passenden Namen „Zum Schwan“ und setzte sich vor seine Partitur. Zeitgleich mit Liszt, der in Weimar selbst am Pult des Orchesters stand, hob er um 18 Uhr an und begann die Oper zu dirigieren. Auf diese Weise konnte er zumindest in seiner Vorstellung bei dem Ereignis dabei sein. Seine innere Erregung scheint dabei auch ohne Anwesenheit der Musiker_innen aufgekocht zu sein, denn angeblich (zumindest laut einer Quelle, der man gern Glauben schenken mag, zumindest um das Bild davon zu intensivieren) war er um einiges früher fertig als Liszt.

4) Rosalie – Lieblingsschwester mit großem Einfluss

Rosalie Marbach, geborene Wagner © public domain

Richard Wagner hatte acht Geschwister, wovon ihm eines besonders lieb war: die zehn Jahre ältere Schwester Rosalie. Mit fünfzehn Jahren debütierte sie erstmals auf der Schauspielbühne in dem Stück Das Erntefest, das ihr Stiefvater geschrieben hatte, und zwar in der Rolle der Rosalie. Die Kritiker lobten ihre „gewinnende Kindlichkeit“ und ihr „anmutiges Spiel“ – Attribute, die ihr lange zugeschrieben wurden. Mit siebzehn Jahren wird sie in Leipzig zur Hofschauspielerin ernannt, und nachdem der Ziehvater stirbt, wird sie zur Ernährerin der Familie und bezahlt sogar das Schulgeld für den Bruder. Für den jungen Richard wird sie zu einer seiner wichtigsten Bezugspersonen; er schwärmt nicht nur voll jugendlichem Feuer für sie, sie ist auch seine wichtigste Kritikerin. Wenn sie ein Werk für nicht gut befindet, zerstört er es ohne zu überlegen. Sie inspiriert und beflügelt ihn aber auch, und wenn sie von seinem Schaffen überzeugt ist, dann setzt sie sich für ihn ein: als sie 1832 in dem Schauspiel König Enzio die Hauptrolle spielt, komponiert ihr Bruder eine Ouvertüre dazu. Vermutlich hatte sie ihm diesen Kompositionsauftrag selbst vermittelt, später lässt sie das Werk gar privat aufführen. Rosalie bürgt auch gemeinsam mit der Mutter für ihn, damit er ein Engagement vom Würzburger Opernchor bekommt. Richard erlebt die Schwester oft auf der Bühne, was bestimmt seine Vorstellung von weiblichen (Theater-) Heldinnen geprägt hat. 1829 steht sie zum Beispiel ebenso erfolgreich als Fenella in Aubers Die Stumme von Portici auf der Bühne, wie sie als Gretchen in der Erstaufführung von Goethes Faust begeistert. Die beiden muss ein wirklich enges Band verbinden und ihr Einfluss auf den Bruder ist so groß, dass sie ihn gar bis in seine Träume begleitet. So ist in einem seiner Briefe 1834 an sie tröstend zu lesen: „Leb̕ wohl meine Rosalie, und weine nicht wieder, wenn Du Abends nach Hause kommst, und Dich in Deiner Kammer auskleidest; ich war in Deiner Stube und hörte dich.“

5) Trubel in Brabant – Verschmelzung von Historie, Sage und Märchen

Antwerpen 1888 © public domain

Elsa und ihr Bruder Gottfried sind die Kinder des Herzogs von Brabant, einem historischen Gebiet, das sich über Teile Belgiens und der Niederlande erstreckte. Der Name leitet sich vermutlich von der mittelalterlichen Bezeichnung „Pagus Bracbantensis“ ab und bedeutet so viel wie sumpfige Gegend. Damals hat es tatsächlich einen Graf Gottfried I. von Löwen gegeben, der um 1106 regierte. Dass dieser Gottfried allerdings mit König Heinrich I. zusammengetroffen wäre, so wie es im Lohengrin geschieht, ist eher unwahrscheinlich. Heinrich I. der Vogler, Herzog der Sachsen und später König des Ostfrankenreichs lebte nämlich zwischen 876 und 936. Doch wie der König in unserer Oper, so führte auch dieser einen Krieg gegen Ungarn – sonst ist allerdings wenig über ihn bekannt. Lange galt er tatsächlich als erster „deutscher“ König, wovon die aktuelle Forschung jedoch wieder abgekommen ist. Gerade dieser Punkt war für das damalige Brabant durchaus relevant, denn seine Zugehörigkeit schwankte immer wieder zwischen dem Heiligen Römischen Reich und Frankreich. Ortrud hingegen ist eine Tochter des Friesenfürsten Radbod. Auch den hat es einst tatsächlich gegeben, er herrschte von 679 bis 719 aus den Residenzen Utrecht sowie Dorestad und rivalisierte wohl mit den Franken, die sich immer wieder darum bemühten, den heidnischen Volksstamm zu missionieren. Der Spielort der Oper ist die Hafenstadt Antwerpen im 10. Jahrhundert, die schon 726 erstmals urkundlich erwähnt wurde, doch erst 1291 die Stadtrechte erhielt. Wenn im Lohengrin die Sachsen also in einer Aue am Ufer der Schelde auf die Brabanter treffen, dann war dort damals vermutlich nicht viel mehr als Sumpfland. Der Ort Monsalvat, aus dem der Gralsritter geschickt wurde, ist letztlich ein fiktiver, da ja auch die ganze Gralsgemeinschaft eine Erfindung ist. Nichtsdestotrotz ist dies auch der lateinische Name für das spanische Sandsteingebirge Montserrat, einem Wahrzeichen Kataloniens, das man vermutlich mal als Sitz dieser Ritterschaft vermutet hat.

6) „Lass unsre Weisheit Einfalt sein“ – Entscheid im Gottesgericht


Prof. Willy Spatz (1861-1931), Wandgemälde im Gebäude des Düsseldorfer Oberlandesgerichts: Gottesgericht © public domain

Friedrich und Ortrud bringen ihre verleumderische Anklage vor König Heinrich und bitten ihn, in seiner Funktion als Rechtsprecher ein Urteil zu fällen. Doch der gibt die Verantwortung ab, und zwar nach oben – er verkündet, dass die Entscheidung im Gottesgericht gefällt werden soll. Dies war im Mittelalter, in dem das Stück bei Wagner spielt, keine unübliche Vorgehensweise. Es gab verschiedene Ausprägungen: Kalt- oder Heißwasserprobe, Feuerprobe oder eben den Zweikampf. Man glaubte daran, dass Gott für den Rechthabenden Partei ergreifen und ihn beschützen würde. Im Lohengrin bedeutet das, dass derjenige Kämpfer sterben wird, der Unrecht hat. Für den Schwanenritter, der ja selbst „von Gott gesandt“ ist, wie es im Libretto heißt, ist dieses Spiel also relativ einfach. Er weiß, dass Elsa im Recht ist, darum weiß er auch, dass er auf jeden Fall gegen Friedrich gewinnen wird. Und tatsächlich besiegt er ihn, verschont den Unglückseligen jedoch und lässt ihn am Leben.

7) Parzival oder Parsifal? Das Wiedersehen mit dem Gral

Der Gralstempel. Bühnenbild der Uraufführung von Paul von Joukowsky © public domain

Richard Wagner hat gerne mal Querverweise zwischen seinen Werken gezogen, sei es auf musikalische oder thematische Weise. So begegnet einem auch im Lohengrin ein alter Bekannter, wenn auch erst am Ende des dritten Aktes. Der unbekannte Ritter lüftet in der berühmten Gralserzählung das Geheimnis, wer er eigentlich ist und woher er kommt: Er ist ein Diener der sagenumwobenen Gralsgemeinschaft und sein Vater ist niemand geringeres als Parzival. 32 Jahre später widmet Wagner diesem mit dem Parsifal (die verschiedene Schreibweise ist Absicht) eine eigene Oper. Die Figur stammt aus dem Mittelalter und wurde um 1200 in dem gleichnamigen (mit „z“) Versroman von Wolfram von Eschenbach verewigt. Egal wie sie geschrieben werden, für beide gilt, dass sie durch Unwissenheit zur wahren Erkenntnis gelangen. Und diese wahre Erkenntnis ist eng mit dem geheimnisvollen Gral verbunden.

8) Anzug ist nicht gleich Anzug

Ein steigendes Revers © Laura Knoll

Beim Blick auf die Kostüme fallen meistens als erstes die Kleider der Damen ins Auge des Betrachters. Doch mindestens genauso vielseitig und detailreich gearbeitet sind die Anzüge der Herren, die wir uns nun einmal etwas genauer anschauen wollen. Für die Oper Lohengrin hat Kostümbildnerin Jessica Rockstroh gleich mehrere Varianten eingesetzt. So trägt Morgan Moody als Heerrufer einen Frack, wodurch er eine besonders elegante Erscheinung bekommt. Ein Frack ist meistens aus schwerer Seide, oft noch mit reichhaltigen Stickereien. Deswegen wurde er in der Regel immer nur abends getragen. Er hat eine taillenkurze Jacke mit den typischen Schößen auf der Rückseite, sodass er auch den Namen „Schwalbenschwanz“ erhielt. Joachim Goltz trägt als Friedrich von Telramund einen Gehrock, also eine doppelreihige Jacke mit knielangem, angesetztem Schoß aus meist dunklem Stoff. Man bezeichnet ihn übrigens auch scherzhaft als Bratenrock, weil er zuletzt nur noch zu festlichen Anlässen getragen wurde. Daniel Behle als Lohengrin hat die einfachste Form – als hehrer Schwanenritter braucht er auch kein großes Schnickschnack –, nämlich einen dreiteiligen Anzug. Bei einem Dreiteiler gehören Jacke, Weste und Hose zueinander. Alle Herrenkostüme wurden aus Wollstoffen gefertigt und mit besonderen Details versehen. So gibt es zum Beispiel verschiedene Reversarten. Heutzutage werden überwiegend fallende Revers hergestellt, aber zur Zeit der Jahrhundertwende bevorzugte man steigende Revers (siehe Foto), sodass für den Lohengrin von der Schneiderei diese Form verwendet wurde. Die Westen hingegen wurden mit einem Schalkragen versehen, also einer runden Kragenform, bei der Oberkragen und Revers nahtlos miteinander verbunden sind. Als Accessoires werden darüber hinaus Fliegen und schmale Krawatten getragen.

9) Wagners wahnwitziger Wörterwust


Unterschrift von Richard Wagner © public domain

Natürlich hatte man im Deutschland des 19. Jahrhunderts einen anderen Wortschatz als wir heute, und auch eine andere Art, sich auszudrücken. Aber Wagner legte da in seinen Dichtungen gerne nochmal eine Schippe darauf. Auf diese Weise ist es für uns oft gar nicht mehr so einfach, auf einen Blick zu erfassen, worum es eigentlich geht. Einige der Wörter verwendet man heutzutage gar nicht mehr, sodass es sich durchaus lohnt, sich die ausgefallensten einmal genauer anzuschauen. So steigt zumindest die Chance, sie dann auch im Gesang zu verstehen.

1. Akt, 1. Szene: „Geheimer Buhlschaft klag ich drum sie an: sie wähnte wohl, wenn sie des Bruders ledig, dann könnte sie als Herrin von Brabant mit Recht dem Lehnsmann ihre Hand verwehren, und offen des geheimen Buhlen pflegen.“ Eine Buhlschaft ist ein Liebesverhältnis. Friedrich wirft Elsa vor, dass sie eine Affäre mit jemand hat und sich deswegen weigert, ihn, Friedrich, zu heiraten. Wenn der Bruder aus dem Weg geräumt ist, wird sie selbst zur neuen Herzogin und kann dann ihre Liebschaft frei ausleben.

1. Akt, 1. Szene: „Ich kenne dich als aller Tugend Preis, jetzt rede, daß der Drangsal Grund ich weiß.“ Drangsal, abgeleitet von dem spätmittelhochdeutschen Wort „drancsal“ bedeutet Leiden, qualvolle Bedrückung. Der König spricht mit Friedrich, den er eigentlich schätzt. Der hat ihm aber schon gesteckt, dass er wegen irgendeiner Sache ziemlich wütend ist – und dem will der König nun auf die Spur gehen.

1. Akt, 3. Szene: „Dem Hage bleibet abgewandt.“ Ein Hag ist ein Ort oder Platz. Ursprünglich bezeichnete das Wort ein durch Büsche und Sträucher eingegrenztes Gebiet, also so etwas wie ein Gehege. Der Heerrufer informiert das Volk in seiner Ansprache darüber, dass keiner den Kampfplatz (hier also den Hag) betreten soll, denn wer den Frieden stört, bekommt entweder die Hand (wenn man ein Freier ist) oder den Kopf (als Knecht) abgehakt.

2. Akt, 2. Szene: „Zu trocknen meine Zähren hab ich euch oft gemüht.“ Im Kontext wird es eigentlich schon klar, auch wenn das Wort wirklich sehr ungewöhnlich ist, denn eine Zähre ist eine Träne. Elsa besingt an dieser Stelle die Lüfte, von denen sie sich schon oft die Tränen hat trocknen lassen.

2. Akt, 4. Szene: „Mein Leid zu rächen will ich mich vermessen, was mir gebührt, das will ich nun empfahn!“ Das Verb „empfahen“ ist lediglich ein etwas ungewohnt klingender, älterer Ausdruck für „empfangen“. Ortrud ist fest davon überzeugt, dass sie als Fürstentochter aus dem Stamm des Friesenkönigs ein Recht auf die Herrschaft von Brabant hat. Sie will sich nun also an Elsa rächen, die sie dafür verantwortlich macht, vom Thron vertrieben worden zu sei.

3. Akt, 2. Szene: „Hoch über alle Fraun dünkst du mich wert!“ Das Wort „dünken“ ist ein sehr gepflegter Ausdruck für „glauben“ oder „scheinen“. Kein Wunder, hier spricht auch der edle Gralsritter Lohengrin, und zwar mit seiner frisch angetrauten Braut Elsa. Er merkt, dass sie seinem Frageverbot nicht mehr lange wird standhalten können, und versucht es darum mit Schmeichelei: „Du bist doch viel besser als alle anderen Frauen auf der Welt, deswegen musst du mich nicht befragen.“

10) Prominente Debütant_innen an der Oper Dortmund

Gerade in den Stücken von Richard Wagner sind oft immer wieder dieselben Sänger_innen zu erleben. Das mag vielleicht daran liegen, dass nur wenige Menschen die stimmlichen Veranlagungen haben, um diese sehr fordernden Partien souverän zu interpretieren. Umso aufregender ist es, wenn junge Künstler_innen für sich entdecken, dass sie gerade dazu in der Lage sind und sich dazu entschließen, eine dieser Rollen erstmals einzustudieren. Die Oper Dortmund ist sehr stolz, gleich fünf Debütant_innen in dieser Lohengrin-Inszenierung präsentieren zu können, die vermutlich in Zukunft von sich hören lassen werden.

Der ambivalente Titelheld: Daniel Behle als Lohengrin

Daniel Behle © Marco Borggreve

Zugegeben – ganz unbeleckt im Wagnerfach ist Daniel Behle nicht mehr, allerdings stellt der Lohengrin auch für ihn ein neues Level dar. Den Weg zu dieser Partie hat er jedoch in klugen Etappen angelegt. Als erste, kleinere Hauptrolle verkörperte er mit großem Erfolg den Erik im Fliegenden Holländer an der Oper Frankfurt. Und auch im Wagner-Mekka konnte er bereits bestehen: bei den Bayreuther Festspielen sang er sowohl den David in der umjubelten und darstellerisch sehr herausfordernden Inszenierung Barrie Koskys der Meistersinger von Nürnberg sowie den Walther von der Vogelweide in der neuen Tannhäuser-Inszenierung von Tobias Kratzer. Als Sohn der Sängerin Renate Behle ist er schon in jungen Jahren nicht nur mit der Oper, sondern direkt mit Wagner in Kontakt gekommen und hat dadurch seine Liebe dazu entdeckt.

Ein Mädchen auf dem Weg zur Selbstbestimmung: Christina Nilsson als Elsa

Christina Nilsson © Peter Knutson

Noch kann niemand sagen, wie die Karriere der jungen schwedischen Sopranistin Christina Nilsson verlaufen wird. Unbestritten ist jedoch, dass ihre Interpretation der Elsa ziemlich sensationell ist und schon jetzt so ziemlich jeden begeistert, der es hören kann. Eigentlich durch Zufall entdeckte sie als Kind, dass sie eine Opernstimme besitzt und konnte so schon ziemlich früh ihre solide Ausbildung beginnen, die sie mit siebzehn Jahren am  University College of Opera in Stockholm vervollkommnete. Mit ihrer Ausnahmestimme und der Teilnahme an Wettbewerben wie dem Internationalen Gesangswettbewerb NEUE STIMMEN (2017) ersang sie sich aufregende Engagements. So war sie u. a. als Ariadne in Ariadne auf Naxos an der Oper Frankfurt zu erleben und begeisterte als Die Aufseherin sowie Cover der Chrysothemis (Elektra) an der Opéra de Lyon. Mit Elsa gibt sie nicht nur ihr Rollendebüt an der Oper Dortmund, sondern überhaupt im Wagner-Fach. Dass sie als Schwedin eine besondere Affinität dazu hat, ist für sie eigentlich selbstverständlich, denn „wir Schweden singen sehr gerne auf Deutsch, das liegt uns einfach.“

Mit Gewalt zur Macht: Stéphanie Müther als Ortrud

Stéphanie Müther © Lutz Edelhoff

Die dramatische Sopranistin Stéphanie Müther ist an der Oper Dortmund keine Unbekannte mehr, in der vergangenen Spielzeit begeisterte sie bereits als eiskalte Prinzessin Turandot. Ihre aktuelle Rolle ist mindestens genauso erbarmungslos, wenn auch deutlich feuriger. Auch sie schwelgt schon länger im Wagner-Rausch, am Theater Chemnitz ist sie in dieser Spielzeit als Brünnhilde im gesamten Ring des Nibelungen zu erleben. Mit der gleichen Partie war sie außerdem schon an der Biwako Hall in Kyoto, Japan, zu hören. Als diabolische Ortrud gibt sie nun ihr Debüt in der Ruhrgebietsmetropole und es bereitet ihr großen Spaß, diese hinterlistige Figur mit Leben zu füllen. Denn das ist einer der großen Vorteile einer Bühnendarstellerin: dort kann man sich charakterliche Facetten zugestehen, die man im Alltag niemals zulassen würde.

Mit der Gesamtsituation unzufrieden: Shavleg Armasi als König Heinrich

Shavleg Armasi © Thilo Nass

Im Hannoveraner Opernensemble beheimatet, ist Shavleg Armasis Weg nach Dortmund nicht allzu weit. So war er hier in der vergangenen Spielzeit bereits als König (Il Re) in Aida zu erleben. Ebenso königlich, wenn auch auf eine ganz andere Weise, tritt er nun im Lohengrin in Erscheinung. Der georgische Bass hat schon zahlreiche Wagner-Partien interpretiert, so zum Beispiel den Landgraf im Tannhäuser, Hagen in der Götterdämmerung, König Marke in Tristan und Isolde oder Daland im Fliegenden Holländer. Viele Rollen fehlen ihm also nicht mehr, im Wagner-Kosmos – umso mehr freuen wir uns, dass er seinen König Heinrich nun zum ersten Mal für die Dortmunder Bühne einstudiert.

Hat immer den Überblick: Morgan Moody als Heerrufer

Morgan Moody © Björn Hickmann

Als langjähriges Ensemblemitglied der Oper Dortmund hat Morgan Moody in den letzten Jahren bereits mehrfach und auf die unterschiedlichste Weise unter Beweis gestellt, dass er in so ziemlich jedem Genre glänzen kann. Seine Wagner-Erfahrung konzentriert sich bisher auf die Figur des Biterolf im Tannhäuser, den er hier an seinem Stammhaus gesungen hat. Nun steht der amerikanische Bass-Bariton erstmals im Lohengrin auf der Bühne, und zwar in der oft stiefmütterlich behandelten Rolle des Heerrufers. Bei einem charismatischen Sängerdarsteller von seinem Format wird natürlich sogar eine scheinbare Randfigur schnell zum Publikumsliebling. Auch diesmal kann es Morgan Moody nicht lassen, seiner Figur das gewisse Etwas zu verleihen und seinen ersten Heerrufer als gleichermaßen souveränen und verspielten Strippenzieher zu gestalten. Er ist begeistert diese Musik zu singen, denn sie erinnert ihn immer wieder an einen seiner Lieblingsfilme, nämlich Star Wars: „John Williams, der Komponist der Filmmusik, hat sich an vielen Stellen nicht nur von Wagner im Allgemeinen, sondern ganz besonders auch vom Lohengrin beeinflussen lassen. Lohengrin ist eine Oper für Star Wars-Fans!“

Last but not least – kein Debütant, aber genauso wichtig: Joachim Goltz als Friedrich

Joachim Goltz © privat

Auch wenn Joachim Goltz den Friedrich von Telramund schon viele Male und in verschiedenen Inszenierungen erarbeitet hat, so soll er doch in diesem Sängerporträt nicht fehlen. Als Ensemblemitglied im Nationaltheater Mannheim kann der Bariton auf ein breites Repertoire zurückgreifen. Dazu zählen Wagner-Partien wie Alberich (Der Ring des Nibelungen), Kurwenal (Tristan und Isolde), Amfortas (Parsifal), die Titelfigur in Der fliegende Holländer sowie in Verdis Falstaff, die vier Bösewichte (Hoffmanns Erzählungen), Papageno (Die Zauberflöte) oder auch Faninal (Der Rosenkavalier). Ebenso zählt aber auch die Operette zu seinen großen Leidenschaften; sei es als Graf Danilo in Die lustige Witwe, als Eisenstein in der Fledermaus oder als Leopold im Weißen Rössl. Dabei ist ihm bei jeder Rolle wichtig, sie bis in die letzte Facette mit seiner schillernden Persönlichkeit auszufüllen. Der betrogene Betrüger Friedrich bietet dabei besonders viele Möglichkeiten, sodass Joachim Goltz auf der Bühne der Oper Dortmund in Bestform zu erleben sein wird.

Titelbild © Thomas Jauck mit Lohengrin (Daniel Behle) und Elsa (Christina Nilsson)

This article was written by

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.