„Nah dran, Erstaunen, überraschend“ – Ein Erfahrungsbericht aus der Bürgeroper

„Nah dran, Erstaunen, überraschend“ – Ein Erfahrungsbericht aus der Bürgeroper

Praktikant der Bürgeroper Jeremy Heiß © Julia Geller

„Ohja, endlich mal ein partizipatives Musiktheaterformat!“ dachte ich, als ich bei meiner Recherche nach einem Praktikumsplatz im Rahmen meiner Ausbildung zum Theaterpädagogen BUT die Worte „We DO Opera! – Die Dortmunder Bürgeroper“ auf der Homepage der Oper Dortmund entdeckt habe. Wenige Wochen, Mails und Telefonate später wurde mir ein Platz bestätigt. Als ich am 04. Februar mein Praktikum an der Bürgeroper begonnen habe, war ich ganz schön baff. Ein Musiktheaterstück mit über 100 Teilnehmenden zu entwickeln, schien mir im ersten Moment überambitioniert. Aber so viel kann ich nach den bisherigen Wochen definitiv feststellen: es funktioniert. Auf bis zu drei Räumen im Opernhaus verteilt proben die einzelnen Gruppen und nähern sich dem Projekt auf instrumentale, gesangliche und schauspielerische Weise.

Ich habe den Eindruck, dass das Projekt Bürgeroper und die damit einhergehende Öffnung der Oper in die Stadt, eine Herzensangelegenheit des Dortmunder Opernteams ist. Sie wollen allen Bürgerinnen und Bürgern Zugang zum Musiktheater ermöglichen und diese Kunstform auch Menschen näher bringen, die bisher wenig oder gar keinen Kontakt damit hatten. Und dieses Vorhaben geht auf. Im Gespräch mit einem Teilnehmer fragte ich ihn, was die ersten drei Wörter seien, die ihm einfallen würden, wenn er das Wort „Oper“ hört. Er antwortete: „Streng, Schickeria, weit weg.“ Auf meine nächste Frage, was die ersten drei Wörter seien, die ihm in den Sinn kämen, wenn er das Wort „Bürgeroper“ hört, lautete seine Antwort: „Nah dran, Erstaunen, überraschend.“ Nah dran. Das ist das Stichwort. Über das Format Bürgeroper gelingt es der Oper Dortmund die Kunstform Oper nah an die Menschen zu bringen. Und genau das ist es, was die Oper heutzutage braucht. Dass sie von ihrem Elfenbeinturm heruntersteigt und nah am Leben, an der Gegenwart und an den BürgerInnen dran ist. Und genau das schafft die Oper Dortmund mit der Bürgeroper, so mein Eindruck aus den bisherigen Praktikumswochen. Oper ist hier keine abstrakte Kunstform, die von hochtalentierten und lang ausgebildeten Profis erarbeitet und dann performt wird. Hier ist die Oper eine Kunstform, bei der gemeinsam ein Thema kreativ erforscht wird und an der sich alle beteiligen können, unabhängig ihrer bisherigen Erfahrungen und Fähigkeiten.

Das Thema in dieser Spielzeit lautet „Stadt“. Seit Beginn der Proben Ende Oktober 2018 wurden in den jeweiligen Gruppen Schauspiel, Chor, Orchester und einer Schreibgruppe künstlerisches Handwerk vermittelt, Texte generiert und erste szenische Versuche gestartet. Am 04. März war es dann so weit. Der Komponist Enver Yalçın Özdiker stellte die, seitens der Teilnehmenden sehnlich erwartete, Komposition vor. „Das ist wie Weihnachten“ sagte eine Teilnehmerin mit leuchtenden Augen, als Özdiker seine Kompositionen präsentierte. Nach der gelungenen „Bescherung“ beginnt die Einstudierung für die Premiere am 28. Juni 2019, die auf dem Opernvorplatz stattfinden wird. Bis dahin ist noch viel zu tun, also „hands on“, wenn es wieder heißt, heute Abend probt die Bürgeroper.

Interview mit der Teilnehmerin Ludgera Stadtbäumer

Ensemble Bürgeroper Ludgera Stadtbäumer
© Jeremy Heiß

Was waren deine Erwartungen, als du dich hier angemeldet hast?

Ich hatte die Erwartung, dass wir hier gecastet werden. Dann wurde gleich am ersten Abend gesagt „Nicht wir casten euch, sondern ihr entscheidet euch für uns.“ Damit hatte ich nicht gerechnet. Rückblickend finde ich, dass das sehr viel Sinn macht. Denn nur so kann man die ganze Bandbreite einer Stadtgesellschaft

einfangen. Und das ist ja die Idee hinter der Bürgeroper.                                 Es fasziniert mich zunehmend, dass ein so breites Spektrum hier mitmacht. Ich treffe hier Menschen, deren Lebensweg sonst niemals meinen gekreuzt hätte. Das Spannende hier ist gemeinsam etwas auf die Bühne zu bringen, das hohes Niveau hat. Der Leistungsgedanke besteht hier erst im zweiten Schritt. Alle werden mitgenommen, man muss nicht schon mit großartigen Vorkenntnissen kommen.


Vorstellung der Komposition am 04. März , v.l.n.r.: Ulrike Schubert (Chorleitung), Enver Yalçın Özdiker (Komponist) und Günfer Çölgeçen (Künstlerische Projektleitung). © Jeremy Heiß

Inwiefern unterscheidet sich das angelegte Stück von einer konventionellen Oper?

Der Chor der Bürgeroper bei der Probe © Günfer Çölgeçen

Es unterscheidet sich insofern, als dass es keine Hauptfiguren gibt, die durch das Stück tragen oder eine Geschichte erzählen. Es sind vielmehr Fenster, Szenerien, die aufploppen. Oper hat für mich immer mit Liebe, Leidenschaft und mit Drama zu tun. Ich glaube wir haben da einen anderen Schwerpunkt. Unser Stück ist nicht so sehr geprägt durch große Emotionen, sondern ein bisschen näher am normalen Leben, mit all dem, was das Leben mit sich bringt an Zumutung, aber auch an wundervollen Erfahrungen.

Kannst du dich spontan an einen Lieblingsmoment in den bisherigen Proben erinnern?

Das waren eigentlich immer Momente, die ich in den Workshops bei Günfer Çölgeçen erlebt habe, wenn es darum ging ins Spielen zu kommen, sich auszudrücken und dann miteinander zu erleben wie Interaktion geschieht, ohne dass man sprechen muss.

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