„Ein sich gegenseitig Bälle zuspielen“

„Ein sich gegenseitig Bälle zuspielen“

Interview mit Ensemblemitglied Irina Simmes, die in Neverland, der aktuellen Produktion der Jungen Oper, Elsa singt.

Die Sopranistin Irina Simmes ist eng mit der Jungen Oper Dortmund verbunden: In der letzten Spielzeit sang sie die Titelpartie in der Familienoper Wo die wilden Kerle wohnen (Oliver Knussen) und auch in der laufenden Spielzeit wird sie in zwei Produktionen der Jungen Oper zu hören sein. Im Herbst und Winter wird sie Elsa in Neverland singen, Richard Wagners Lohengrin in einer Fassung für Jugendliche ab 12 Jahren. Bei dieser Produktion steht das Frageverbot, das Lohengrin seiner frischvermählten Ehefrau Elsa auferlegt im Fokus: Sie soll ihn nicht nach seiner Herkunft und seinem Namen fragen. Außerdem ist Irina Simmes als weibliche Hauptrolle in der Uraufführung der Familienoper Die Kinder des Sultans (Avner Dorman) besetzt, die am 05.04.2020 Premiere feiern wird. Im Interview gibt sie Einblicke in die Produktion Neverland, berichtet von der Besonderheit für junges Publikum zu spielen und erläutert ihre Beziehung zu Wagner.

Was unterscheidet Neverland von der abendfüllenden Oper Lohengrin?

Neverland ist eine stark zusammengekürzte Version von Lohengrin, aus drei Stunden Musik wird eine. Wir kommen aber trotz dieser Kürzung auf die gleiche Essenz. Ich stelle mir im Probenprozess die gleichen Fragen wie ich sie mir zum „großen Lohengrin“ stelle. Dennoch ist unsere Fassung  anders, weil sie auf das Frageverbot zugespitzt ist. Sie ist reduziert auf Elsa und Lohengrin. Und auf Ortrud und Friedrich, die das Frageverbot nicht verstehen.

Figurine Elsa © Emine Güner

Neverland wird in der Spielstätte der Jungen Oper aufgeführt werden. Wie unterscheidet sich diese von der Bühne im Opernhaus?

Aufgrund der Größe des Raums haben wir in der Jungen Oper eine wesentlich kleinere Orchesterbesetzung (Streichquartett, Oboe, Fagott und zwei Hörner) hingegen dem vollen Wagner-Orchester. Das bedeutet für den Gesang, dass man nicht über ein riesen Orchester singen muss. Das Schöne an dieser Spielstätte ist außerdem, dass man die Musiker sehen kann und man direkten Kontakt, ja sogar Blickkontakt hat.


Was ist das Besondere am Bühnenaufbau bei Neverland?

Bei dieser Produktion befindet sich die Bühne in der Mitte und das Publikum sitzt zu beiden Seiten. Das hat zur Folge, dass ich meistens einen Meter vom Publikum entfernt bin. Durch diese Intimität und Direktheit ist alles wie unter die Lupe genommen und wir müssen sehr genau arbeiten, um die Geschichte glaubhaft zu erzählen.

Probebühne Neverland © Jeremy Heiß

Du hast bereits Max in der Kinderoper Wo die wilden Kerle wohnen gesungen. Hast du dabei einen Unterschied feststellen können ob das Publikum überwiegend aus Kindern oder aus einem durchmischten Opernpublikum besteht?

Ja klar. Wenn eine Vorstellung von Wo die wilden Kerle wohnen voll war, dann waren im Parkett ein paar hundert Kinder. Wenn wir dann schon auf der Bühne waren bevor der Decker hoch ging, dann hörten wir wie der Saal tobte. Ich merkte aber auch, wenn sich während des Stücks eine gebannte Stille bei den Kindern eingestellt hat. Und es kamen auch Reaktionen, wenn die Kinder sich gefürchtet oder gelacht haben. Das gießt dann immer Öl ins Feuer, dann wird die Vorstellung zu einem sich gegenseitig Bälle zuspielen.

Irina Simmes als Max (Mitte) in Wo die wilden Kerle wohnen © Björn Hickmann

Bist du bei überwiegend jungem Publikum aufgeregter?

Junge Leute und insbesondere Kinder sind ein sehr ehrliches Publikum. Da kommen gnadenlos Kommentare dazwischen geschossen. Das kann einen sehr nervös machen. Auch muss man schauen, dass man nicht aus der Konzentration kommt oder gar selbst anfängt zu lachen, weil es zum Teil sehr komisch ist was da an Kommentaren kommt. Sobald Kinder den Text nicht verstehen sagen sie: „Häh, was sagt die da?“ Dabei ist es besonders bei Produktionen für junges Publikum wichtig, dass der Text verständlich ist. Sonst schalten sie ab, weil es ihnen nicht nur darum geht beispielsweise eine Stunde der Atmosphäre von Wagner zu lauschen.

Um die Premiere von Neverland wird es zwei Diskussionsrunden zu Wagner, seinem Antisemitismus und der Widersprüchlichkeit zwischen Werk und Person geben. Wie stehst du dazu Wagner zu singen und aufzuführen?

Das ist ein riesen Thema. Diese Diskurse gehen immer sehr auseinander und man bekommt so viele Belege für mögliche Indizien wie er wohl getickt hat, dass es nicht eindeutig zu ergründen ist, was für ein Mensch er wirklich war. Ich möchte mich davon distanzieren dem ganzen einen Stempel aufzudrücken und beispielsweise zu sagen, dass ich ein Problem damit habe Wagner zu singen. Ich weiß aber, dass seine Musik und seine Dramen mich unglaublich fesseln. Er ist mein Lieblingsopernkomponist. Ich habe viel Verdi und Mozart gemacht, aber ich möchte jede Gelegenheit nutzen den Wagnerkosmos zu betreten.

Termine Neverland

https://www.theaterdo.de/detail/event/20861/

Das Interview führte Jeremy Heiß, Musiktheaterpädagoge

Titelbild © suncorona

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