10 Dinge, die Sie über Die Entführung aus dem Serail wissen sollten

10 Dinge, die Sie über Die Entführung aus dem Serail wissen sollten

Nach langer Zwangspause ist es endlich wieder soweit, mit einer ganz besonderen Premiere eröffnet die Oper Dortmund die aufregende Spielzeit 2020/21! Der neue Hausregisseur der Oper, Nikolaus Habjan, macht aus der Not der Corona-Auflagen eine Tugend und demonstriert mit seiner Inszenierung von Mozarts Singspiel Die Entführung aus dem Serail gleich mehrere seiner Begabungen: Als Regisseur, als Puppenbauer und als Puppenspieler. Erfahren Sie hier zehn interessante Hintergründe zur ersten Produktion der Spielzeit 2020/21!

Nikolaus Habjan © Lupi Spuma

Bei dem jungen Grazer Nikolaus Habjan bekommt man schnell das Bedürfnis, ihn als Universalgenie zu bezeichnen – auch wenn er selbst darauf hinweist, dass er neben seinen Talenten auch die eine oder andere Schwäche besitzt. Kopfrechnen zum Beispiel. Durch seine große Leidenschaft für sämtliche ins Abseits geratene Kunstformen hat er sich jedoch in den vergangenen Jahren bereits einen Namen gemacht. Und mit seinen frischen 32 Jahren kann er mittlerweile auf einen beachtlichen Werdegang zurückblicken, dessen Zenit sicher noch lange nicht erreicht ist. Umso mehr freuen wir uns, dass Nikolaus Habjan in den kommenden vier Spielzeiten als Dortmunder Hausregisseur unser Publikum in fünf Inszenierungen an seiner virtuosen Kunst teilhaben lässt. Nikolaus Habjan ist nicht nur Regisseur, sondern auch Puppenspieler und –designer sowie Kunstpfeifer, alles auf gleichermaßen hohem Niveau. Seine Liebe zur Oper begann mit fünf Jahren ungewöhnlich früh, angeregt durch den Besuch einer Zauberflöte für Kinder des Salzburger Marionettentheaters. Dabei genügte es ihm nicht, häufig ins Theater zu gehen, sondern er wollte von Anfang an auch selbst Theater machen. So baute er mit Hilfe seines Großvaters zuhause die ersten Marionetten und führte kleine Stücke vor seinen Freund:innen im Kindergarten auf. Bereits neben der Schule studierte er Violine am Konservatorium seiner Heimatstadt. Einige Jahre später vervollkommnete er seine Fähigkeiten im Puppenspiel, indem er 14-jährig mehrere Workshops des australischen Puppenspielers Neville Tranter besuchte. Kleine Anekdote am Rande: Um an diesen Workshops teilnehmen zu dürfen, musste er sich um zwei Jahre älter schummeln. An der Universität für Musik in Wien studierte Nikolaus Habjan Musiktheaterregie und absolvierte währenddessen erste Auftritte in der österreichischen Hauptstadt – die Figurentheaterproduktion F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig wurde 2012 mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnet. Neben dem aktiven Spiel auf der Bühne ist Nikolaus Habjan ebenfalls als Regisseur gefragt und auch seine Inszenierungen gewinnen häufig Preise – zuletzt wurde die Uraufführung Böhm 2018 als „Beste Bundesländer-Aufführung“ für den Nestroy-Preis nominiert und Nikolaus Habjan zum zweiten Mal mit dem renommierten Nestroy-Publikumspreis ausgezeichnet. In der Spielzeit 2019/20 war er Artist in residence am Theater an der Wien und inszenierte dort Salome sowie Faust an der Wiener Kammeroper. Als etablierter Kunstpfeifer ist er in Sälen wie der Elbphilharmonie Hamburg oder dem Großen Saal des Wiener Konzerthauses zu erleben und interpretiert kunstvolle Koloraturarien mit Bravour. Hört man Nikolaus Habjan über die Oper sprechen, so merkt man schnell, dass er wirklich dafür brennt. Er hat eine große Begabung dafür, den Kern eines Werkes zu erfassen und in einer gleichermaßen poetischen wie zeitgemäßen Deutung auf die Bühne zu bringen. Dabei reizt es ihn stets, sich Herausforderungen aus einem anderen Blickwinkel zu nähern und in augenscheinlichen Problemen Besonderheiten zu entdecken. Für seinen Dortmunder Einstand wird er zusammen mit dem renommierten Autor und Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer die Entführung aus dem Serail neu durchleuchten. Gemeinsam erstellen sie eine neue Fassung von Mozarts Singspiel, die mit einer sportlichen Dauer von circa 70 Minuten den Corona-Beschränkungen zwar gerecht wird, gleichzeitig aber so viel Material der Oper wie möglich beinhaltet.

2) Von Hand zum Leben erweckt: Puppen als Bühnenstars

© Nikolaus Habjan

Auf den ersten Blick erinnern die Puppen von Nikolaus Habjan an Marionetten. Das liegt aber vielleicht auch etwas daran, dass man oft gar keine andere Form kennt, denn die Kunst des Puppenspiels beschränkt sich hierzulande nur auf ein paar lokale Hotspots und ist ansonsten leider überwiegend in Vergessenheit geraten. Seine Puppen baut der junge Künstler stets selbst, oft gemeinsam mit seiner kongenialen Kollegin Marianne Meinl. Die Allgäuerin studierte Maskenbild an der bayerischen Theaterakademie August Everding München und arbeitet seit 2017 mit Nikolaus Habjan zusammen an Theatern wie dem Residenztheater München, Schauspielhaus Graz, Schauspielhaus Zürich oder dem Akademie-Theater Wien. Zuletzt fertigte sie 2020 die aufsehenerregenden Masken für die ProSieben-Show The Masked Singer, nun geht es also an Mozarts Entführung. Bei der Umsetzung entschieden sich die beiden Künstler:innen für zwei unterschiedliche Puppenarten: Tischfiguren sowie eine Klappmaulpuppe. Sämtliche Figuren der Oper – Bassa Selim, Konstanze, Belmonte, Blonde, Pedrillo und Osmin – erscheinen als ein Meter große Tischfiguren. Ihre Körper sind vollständig und die Extremitäten beweglich. Bei allen Puppen werden die Köpfe aus Ton gefertigt, die Körper sind hingegen aus Stoff, Draht und Schaumgummi. Man spielt sie von hinten auf einer etwa tischhohen Spielfläche, somit sind sie auch auf der großen Bühne der Oper Dortmund sehr gut zu sehen. Das Publikum kommt jedoch ebenfalls in den Genuss einer Klappmaulpuppe, deren Mund – wie der Name schon sagt – durch das Öffnen und Schließen der Hand bewegt werden kann. Vielleicht erinnert sich der/die ein/eine oder andere jetzt an Ernie und Bert aus der Sesamstraße oder hat gar selbst schon einmal so eine Puppe aus einer Socke gebastelt! Die Puppe von Nikolaus Habjan und Marianne Meinl ist freilich etwas komplexer und lebensgroß: Sie stellt ein Kind dar, das der puppenspielende Regisseur als neugierige Rahmenfigur in sein Konzept eingefügt hat. Die Kleidung für die schweigsamen aber in keiner Weise stummen Darsteller:innen fertigt Kostümbildnerin Denise Heschl mit Liebe zum Detail und großem Vergnügen an spielerischer Opulenz, sodass trotz der aktuell waltenden Einschränkungen ein aufwändiger Opernabend garantiert ist!

3) Endlich eine eigene Oper: Das deutsche Singspiel

Der Gründer des Nationalsingspiels in Wien: Kaiser Joseph II. © public domain

Im Musiktheater gibt es viele verschiedene Bezeichnungen, mit denen die unterschiedlichen Genres bezeichnet werden. Für manche Begriffe gibt es gängige Definitionen, weil sie sich von der Art des Werkes herleiten, andere kreierten die Komponist:innen selbst, um ihre Schöpfung von den anderen abzuheben. Mozarts Die Entführung aus dem Serail ist ein sogenanntes deutsches Singspiel, was auf den ersten Blick vielleicht ein bisschen befremdlich wirkt: Erstens ist das Wort ‚Singspiel‘ heute nicht mehr besonders geläufig, zweitens könnte man sich die Frage stellen, was einem Stück, das in einem Serail – also auf jeden Fall nicht in Deutschland spielt – so deutsch ist. Doch wie so oft ist die Erklärung einfacher, als man annehmen könnte. Den Auslöser zur Entstehung des Werks gab niemand geringeres als der österreichische Kaiser Joseph II. höchstpersönlich, der 1776 in Wien ein explizit deutsches Theater gründen wollte, nämlich das Nationalsingspiel am Burgtheater. Dazu muss man einerseits wissen, dass er erst wenige Jahre zuvor verfügt hatte, dass Deutsch die Einheitssprache für die Doppelmonarchie werde. Andererseits war die Sprache der großen, ernstzunehmenden Oper bis dato in erster Linie Italienisch (immerhin die Muttersprache der Oper) oder Französisch. Doch der Kaiser strebte danach, in seiner Hauptstadt eine Oper in der Landessprache zu etablieren, und dazu mussten neue Werke geschaffen werden. Seinen Ursprung hatte das Singspiel im Schauspiel, dort war es ein meist komisches Volksstück, dessen Gesangsparts oft einfacherer Natur waren. Dass diese Werke meist einen eher volkstümlichen Charakter hatten – sei es im Personal, im Text oder zuweilen auch in der Musik – trug zur Stärkung des nationalen Charakters bei. Und da man immer versuchte, eine logische Erklärung für die singenden Personen auf der Bühne zu finden, wechselten sich geschlossene Gesangsnummern und gesprochene Dialoge ab: Aus dem Konflikt heraus entsteht ein Gefühl, dass in Musik gefasst werden muss. Neben der Entführung, die bei ihm natürlich weitaus virtuoser und anspruchsvoller ausfiel als die Vorgänger es je gewesen waren,komponierte Mozart noch weitere Singspiele; das berühmteste ist sicher die zum Non-plus-ultra-Klassiker mutierte Zauberflöte, doch auch, Bastien und Bastienne, DerSchauspieldirektor und die nicht vollendete Zaide (übrigens ein Vorläufer zur Entführung aus dem Jahr 1780) zählen dazu.

4) Ein kaiserlicher Befehl, ein übervorteilter Autor und drei Körbe für Mozart: Zur Entstehung

Theaterzettel der Uraufführung (Burgtheater Wien, 16. Juli 1782) © public domain

Entstanden ist Die Entführung aus dem Serail in der zweiten Hälfte des Jahres 1781 und der ersten des Jahres 1782. Wie bei wenigen anderen Werken lässt sich der Entstehungsprozess hier aufs Genaueste nachvollziehen, da Mozart seinem Vater brav regelmäßigen Rapport übersandte – dies war nötig, denn der junge Komponist (Mozart war 25 Jahre alt) hatte sich erst kurz zuvor nicht nur von seinem übermächtigen Vater abgenabelt, sondern auch den Dienst beim Fürst Erzbischof von Salzburg quittiert, um nach Wien zu gehen. Wie bereits erwähnt erhielt er den Auftrag zu einer deutschen Oper von Kaiser Joseph II., vermutlich überbracht von Franz Xaver Graf Rosenberg-Orsini, Oberst-Kämmerer des Kaisers und Intendant der Hoftheater. Den akuten Anlass zu einem neuen Werk lieferte wohl der bevorstehende Staatsbesuch des russischen Thronfolgers, doch schließlich entschied man sich, diesem zwei bereits bestehende Werke von Gluck vorzuführen und die Uraufführung auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Bei seiner Ankunft in Wien hatte Mozart bereits ein – wenn auch nicht abgeschlossenes – Werk im Gepäck, das jedoch keinen Gefallen fand: Zaide. Das türkische Sujet entsprach dem vorherrschenden Zeitgeist, denn in Wien fand man gerade alles Orientalische und Exotische todschick – Mozart soll selbst mit einem Turban zum Fasching gegangen sein. Die Geschichte handelte von einer Mädchenentführung im türkischen Milieu und die daran angeknüpfte Frage der Treue war ein beliebter Stoff in der Tradition der Opera buffa. Auch Christoph Friedrich Bretzner verfasste ein Stück, das sich mit dieser Thematik beschäftigte. Die Komposition des Offenbacher Komponisten Johann André wurde unter dem Titel Belmont und Constanze, oder Die Entführung aus dem Serail im Mai 1781 in Berlin uraufgeführt. In Wien erhielt Johann Gottlieb Stephanie d. J. den Auftrag, das Stück zu überarbeiten. Komponist und Librettist nahmen weitreichende Änderungen vor: Während sich der Bassa bei Bretzner als Vater Belmontes herausstellte, ist er bei Mozart gar der Erzfeind von dessen Vater. Voller Verdruss reagierte Bretzners auf dieses Plagiat: „Ein gewisser Mensch namens Mozart in Wien, hat sich erdreistet, mein Drama Belmont und Constanze zu einem Operntexte zu mißbrauchen. Ich protestiere hiermit feierlichst gegen diesen Eingriff in meine Rechte und behalte mir Weiteres vor.“ Dieser Protest blieb allerdings wirkungslos. Nachdem Mozart das Buch von Stephanie d. J. erhalten hatte, war er so begeistert, dass er sofort mit der Arbeit begann und in gerade einmal zwei Tagen zwei Arien und ein Terzett komponierte. Schnell wuchs das Werk heran. Zeitgleich arbeitete der 25-Jährige jedoch noch an einem anderen Projekt: seiner Beziehung zu Constanze Weber. Die Namensgleichheit zu seiner Protagonistin war ein großer Zufall, dennoch regte sie Mozart sicher dazu an, in der Bühnenheldin auch die Angebetete zu sehen. Es war zu einer näheren Bekanntschaft zu ihr gekommen, da der junge Komponist im Haus der Mutter zur Miete untergekommen war. Im Juli 1781 kam plötzlich das Gerücht auf, er wolle Constanze heiraten. Dies wies er allerdings entschieden zurück: „ich Narrire und mache spaß mit ihr, wenn es mir die zeit zuläst.“ Aber „wenn ich die alle heyrathen müsste, mit denen ich gespasst habe, so müsste ich leicht 200 frauen haben.“ Entschieden bekräftigte er: „wenn ich mein lebetag nicht aufs heyraten gedacht habe, so ist es gewiss izt!“ Auch wenn er sich verstärkt mit Constanze beschäftigt, berichtete er seinem Vater lange nicht wirklich Schmeichelhaftes über sie und urteilt kritisch, sie sei „nicht hässlich, aber auch nicht weniger als schön […], sie hat gesunden Menschenverstand genug“. Außerdem beschrieb er sie als „Marterin“, also Märtyrerin der Familie – dabei muss man natürlich zwangsläufig an Konstanzes Arie „Martern aller Arten“ denken. Fünf Monate nach seiner überzeugten Verkündung, er habe nicht vor zu heiraten, informierte Mozart seinen Vater darüber, dass er nun genau das mit Constanze tun wolle. Die ganze Angelegenheit wirkte allerdings etwas dubios, denn von Constanzes Seite schienen die Heiratsambitionen nicht ganz so ausgeprägt zu sein. Im April 1872, als Mozart gerade an der Arbeit zum 2. Akt saß, wies Constanze seinen Antrag wiederholt zurück. Er schrieb ihr daraufhin: „- überlegen sie wohl, was sie heute zu mir gesagt haben. – sie haben mir, |: allen meinen bitten :|3 mal den korb gegeben, und mir gerade ins gesicht gesagt, daß sie mit mir nichts mehr zu thun haben wollten. – ich, dem es nicht so gleichgültig ist, wie ihnen, den geliebten gegenstand zu verlieren, bin nicht so hitzig, unüberlegt, und unvernünftig den korb – anzunehmen.“ Doch am Ende setzte sich Mozarts Hartnäckigkeit auf voller Linie durch: Nachdem am 16. Juli 1782 unter seiner Leitung die Uraufführung der Entführung vonstattenging, trat er nur knapp drei Wochen später am 4. August 1782 mit seiner Constanze vor den Traualter im Stephansdom zu Wien.

5) Palast der osmanischen Herrscher: Das sagenumwobene Serail

Blick auf Konstantinopel und das Serail, zwischen 1770 und 1780 © Jan van der Stehen / public domain

Insbesondere im 18. Jahrhundert, also zur Zeit der Entstehung der Entführung, war man fasziniert von der exotischen Kultur des Osmanischen Reiches – man hatte, vor allem in Wien, so langsam die verheerenden Folgen der Türkenbelagerungen von 1529 und 1683 vergessen oder verdrängt. Ein farbenfrohes Bild des Orients war allseits in Mode und die nicht immer authentischen Vorstellungen dienten als Spielort für zahlreiche Stücke und Opern. Ein ‚Serail‘ bezeichnet im europäischen Verständnis den zumeist prächtigen Palast eines türkischen Herrschers, in unserem Fall des Bassa Selim. Wer schon einmal einen solchen besichtigt hat, weiß, wie eindrucksvoll die langen, schattigen Gänge unter verspielten Säulenkolonnaden, wie zauberhaft die von Wasserspielen durchzogenen Innenhöfe und wie farbenfroh und kostbar die aufwendigen Ornamente sind, die Böden und Wände zieren. Faszinierend ist die Struktur dieser Bauwerke, die sich oft aus verschiedenen Höfen zusammensetzen, durch die man immer weiter in das Herz des Palastes durchdringt. Verborgen und schwer zu erreichen liegt der Harem im Privatbereich des Sultans oder Paschas (Bassas). ‚Harem‘ bedeutet nichts anderes als ‚verbotener Ort‘ – hier hat nur der Herrscher und sein engstes Umfeld Zutritt und er ist der Wohnbereich der Frauen und Kinder. Beschützt aber auch bewacht wurden sie meist von den Eunuchen, kastrierten Palastdienern. Oft wurden die schönen und bisweilen ausländischen Frauen (z. B. aus dem Kaukasus oder Europa) als Geschenke von Günstlingen oder fremden Mächten dem Sultan ‚überreicht‘ und lebten fortan zu dessen Unterhaltung in seinem Harem. In der Entführung handhabt Bassa Selim den Umgang mit den auf dem Sklavenmarkt gekauften Damen Konstanze und Blonde etwas lockerer: Auch wenn sie von Osmin bewacht werden und das Serail nicht verlassen können, so dürfen sie sich doch freier bewegen – sonst könnte sich Blonde gar nicht mit ihrem als Gärtner arbeitenden Freund Pedrillo treffen.

6) Schlaflos im Serail: Mozarts Janitscharen-Musik

Ein Janitschar © Christoph Weigel nach Caspar Luyken (1703) / public domai

„Die Sinfonie (= Ouvertüre), den Chor im ersten Akt und den Schlußchor werde ich mit türkischer Musik machen. Die Ouvertüre ist ganz kurz und wechselt mit Forte und Piano ab, wo beim Forte allzeit die türkische Musik einfällt, moduliert so durch die Töne fort, und ich glaube, man wird dabei nicht schlafen können, und sollte man eine ganze Nacht nicht geschlafen haben.“ Mit diesen Worten beschreibt Mozart den Einstieg in seine Entführung, und so wundert es auch nicht, dass er besonderes Augenmaß auf diese „türkische Musik“ gelegt hat. Die Instrumente, die er für dieses exotische Kolorit der Janitscharenmusik verwendet, sind Piccolo-Flöte, Becken, Triangel und große Trommel – diese war bis dato unüblich im klassischen europäischen Orchester. Er setzt sie bewusst und mit Freude ein, und zwar vor allem – neben der Ouvertüre – an den Stellen, an denen auch die ‚orientalischen‘ Personen auftreten, nämlich der Bassa mit seinem ihn huldigenden Chor oder bei den Szenen Osmins.

7) Bassa Selim: Eine gesanglose Opernfigur

Kostümentwurf für Bassa Selim Johann Georg Christoph Fries um 1840 © Angelo Quaglio / public domain

Dreh- und Angelpunkt der Entführung aus dem Serail ist die ambivalente Figur des Bassa Selim. Das besondere an ihr ist, dass die eigentliche Zentralgestalt der Oper während des gesamten Abends keinen einzigen Ton singt. Nun waren reine Sprechpartien in Singspielen an sich keine Seltenheit, doch dies waren dann zumeist auch Werke, in denen die Ansprüche an die Musik nicht besonders ausgeprägt waren. Ganz anders natürlich in Mozarts Oper, hier stellt die Komposition allergrößte Anforderungen, virtuose Koloraturen inklusive! Dass der Autor selbst in seinen unzähligen Briefen keinen dezidierten Grund dafür nennt, öffnet den Raum für Spekulationen. Es besteht die Möglichkeit, dass der ursprünglich für diese Partie geplante Sänger gefeuert worden war – doch warum hatte man dann nicht einfach einen anderen Sänger nachbesetzt? War in ganz Wien kein geeigneter zugegegen? Doch da auch die Person des Bassas einigen Anlass zu Spekulationen gibt, so fügt sich der Umstand, dass er keinen einzigen Ton singt, ganz gut in das dramaturgische Gesamtbild ein. Bassa Selim ist ein Renegat, das heißt er ist ein Abtrünniger eines Glaubens. In unserem Fall war er in früherer Zeit ein in Spanien lebender Christ gewesen, der jedoch seinem Land und seinem Glauben den Rücken zukehrte, nachdem ihm dort die Braut geraubt und er um seine Ehre und Vermögen gebracht worden war. Nach seiner Flucht in die Türkei ist er zum Islam konvertiert und herrscht dort nun über sein prächtiges Serail. Als einstiger Europäer scheint er in dem exotischen Land eine Sonderrolle einzunehmen, vor allem mit Blick auf die angeblichen Sitten – auf die insbesondere der Aufseher Osmin größten Wert legt: „Hier sind wir in der Türkei, und da geht’s aus einem anderen Tone. Ich dein Herr, du meine Sklavin; ich befehle, du mußt gehorchen!“, so wettert er gegen das freche Blondchen (II./1.). Auch der Bassa möchte die Liebe der schönen Konstanze gewinnen, doch als er merkt, dass er bei ihr mit Drohen nicht weiterkommt, gehen ihm ganz andere Gedanken durch den Kopf: „Ihr Schmerz, ihre Tränen, ihre Standhaftigkeit bezaubern mein Herz immer mehr, machen mir ihre Liebe nur noch wünschenswerter. Ha, wer wollte gegen ein solches Herz Gewalt brauchen? Nein, Konstanze, nein, auch Selim hat ein Herz, auch Selim kennt Liebe!“ (I./8.) Auf den ersten Blick wirkt der Bassa gütig und nach europäischen Begriffen aufgeklärt – doch ist er das wirklich? Man muss doch skeptisch werden, wie er in diesem Fall einen ausgewachsenen Grobian wie Osmin in seinem Gefolge tolerieren kann. Regisseur Nikolaus Habjan findet hingegen eine ganz eigene Deutung für dieses Phänomen: Setzt man Musik mit Liebe gleich, dann sind alle Figuren wahrhaft verliebt, Konstanze in Belmonte, Belmonte in Konstanze, Blonde in Pedrillo, Pedrillo in Blonde und Osmin ebenfalls in Blonde – nur Selim schweigt. Für ihn siegen Vernunft und Berechnung über das Gefühl, er möchte Konstanze nicht zur Liebe zwingen. Die Tatsache, dass er am Ende großmütig bleibt, demonstriert, wie man sich auch verhalten könnte. Er bleibt in seiner (abgehobenen) Ratio derart verhaftet, dass er nicht mehr in die Ebene der wogenden Herzen zurückfindet.

8) Kein One-Hit-Wonder: Erfolg auf ganzer Linie

Wolfgang Amadeus Mozart (posthum 1819) © Barbara Kraft / public domain

Viele, ja wenn nicht gar die meisten Komponist:innen hatten (und vielleicht haben?) das Pech, den Erfolg ihrer Werke nicht richtig auskosten zu können, weil sie ihn gar nicht mehr erleben. Doch Die Entführung aus dem Serail, Mozarts 13. vollendetes Bühnenwerk (von insgesamt 19), war bereits zu seinen Lebzeiten ein sagenhafter Erfolg: Die ersten Vorstellungen waren durchweg ausverkauft und die Oper wurde bis zum Tod ihres Schöpfers bereits in 30 Städten gespielt und in mindestens fünf Sprachen übersetzt. Man konnte auf Englisch, Russisch, Polnisch, Dänisch und Tschechisch mit dem Schicksal um Konstanze, Belmonte und Co. mitfiebern! Da es zu dieser Zeit jedoch leider noch nicht das Urheberrecht in der Form gab, wie wir es heute genießen, hatte Mozart bedauerlicherweise keinen materiellen Vorteil davon – er hatte das Werk für 100 Kaiserliche Ducaten komponiert und war damit ausbezahlt. Doch die Begeisterung, die das Werk schnell verbreitete, dürften ihm dennoch ein gewisser Trost gewesen sein. Wenn auch die ersten beiden Vorstellungen noch von recht heftigen „Cabalen“ gestört worden war – man musste sich zunächst noch etwas an den neuen Stil gewöhnen –, so herrschte ab der dritten Vorstellung recht einstimmiger Jubel, wie Mozart seinem Vater in einem Brief am 27. Juli 1782 berichtet: Das Werk fand „allen applauso […] und das theater war wieder ohngeacht der erschröcklichen hitze gestrozt voll. […] die leute kann ich sagen sind recht Närrisch auf diese oper. – es thut einem doch wohl wenn man solchen beyfall erhällt.“ Und der Erfolg der Entführung ist bis heute ungebrochen: Der eiserne Anführer der Spitzenliste der seit 2005 meist gespielten Opern ist zwar noch immer die Zauberflöte mit sage und schreibe 490 Vorstellungen, doch auch die 188 Vorstellungen der Entführung sind absolut respektabel – Mozart würde sich freuen!

9) Neu im Ensemble: Die Debütant:innen in der Entführung

In der Spielzeit 2020/21 hat das Ensemble der Oper Dortmund einigen Zuwachs bekommen und gleich zwei der jungen Künstler:innen geben mit Mozarts Entführung ihr Debüt an ihrem neuen Stammhaus.

Sooyeon Lee © Julian Baumann

Die in Südkorea geborene Sooyeon Lee übernimmt den Part der entzückend frechen und verführerischen Blonde, die ihren Geliebten Pedrillo (gesungen von Fritz Steinbacher) mehr als einmal in den Wahnsinn treibt. Die Sopranistin, die zuletzt Mitglied im Opernensemble des Oldenburgischen Staatstheaters (2016/17–2019/20) war, studierte Gesang an der Seoul Arts High School und am College of Music der Seoul National University. Zur Vervollkommnung ihrer Fertigkeiten wechselte sie nach dem Abschluss an die renommierte Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien und absolvierte bei Ks. Edith Lienbacher einen Master im Fach Operngesang. Darüber hinaus erweiterte sie als Postgraduierte ihr Studium um die Fächer Lied und Oratorium bei Ks. Gabriele Fontana. In ihrer Freizeit geht Sooyeon Lee gerne Joggen, Bowlen, Vloggt (Video-bloggt) mit ihrem Ehemann oder nimmt an anspruchsvollen Wettbewerben teil, in denen sie ihr Können unter Beweis stellt. Zu den Höhepunkten darunter zählen sicherlich der ARD-Musikwettbewerb, bei dem sie 2015 den 2. Preis und den Publikumspreis errang sowie der BBC Cardiff Singer of the World, den sie 2018 als Finalistin im Haupt- und Liedwettbewerb bestritt. Dies ist ein bedeutender Wettbewerb für die Gesangswelt und schon die Einladung dazu bedeutet eine große Ehre. Das Dortmunder Publikum kann Sooyeon Lee in der Spielzeit 2020/21 außerdem in Ariadne auf Naxos auf der Bühne erleben.

Sungho Kim © Julian Baumann

Dem ebenfalls in Südkorea geborenen Tenor Sungho Kim fällt es in dieser Neuproduktion der Entführung aus dem Serail zu, dem treuherzigen Belmonte auf seiner Suche nach der Geliebten eine Stimme zu verleihen. Ausgiebige Bühnenerfahrung konnte er bereits als Mitglied des Internationalen Opernstudios der Hamburgischen Staatsoper sammeln, dem er seit der Spielzeit 2018/19 angehörte. Hier musizierte er u. a. unter dem Dirigat von Kent Nagano sowie an der Seite von herausragenden Solisten wie Plácido Domingo und Ks. Kwangchul Youn und spielte u. a. Abdallo (Nabucco) in der Inszenierung von Kirill Serebrennikow. Sein Gesangsstudium absolvierte er an der Nationalen Universität der Kunst in Korea sowie an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Währenddessen besuchte er Meisterklassen u. a. bei Lioba Braun, Deborah Polaski, Bejun Mehta, Gerd Uecker und Brigitte Fassbaender. Er wurde sowohl in seiner Heimat als auch international vielfach für seine musikalischen Leistungen ausgezeichnet. U. a. erhielt er den 1. Preis beim Internationalen Hans Gabor Belvedere Gesangswettbewerb (2018) und wurde beim 54. Internationalen Gesangswettbewerb Tenor Viñas in Barcelona (2016) mit einem Sonderpreis ausgezeichnet. Jüngst gewann er einen 2. Preis beim Salvatore Licitra Concurso in Mailand (2020). An der Oper Dortmund wird er in der Spielzeit 2020/21 weiterhin in Frédégonde, Ariadne auf Naxos sowie Fin de Partie (Endspiel) zu erleben sein.

10) Zwar kein Corona, aber: …

… Auch die Uraufführungsproduktion der Entführung fiel einer Krankheitswelle zum Opfer: Nachdem am Montag, den 3. Juni 1782 die Proben begonnen hatten, mussten sie schon am 8. Juni wieder für eine geschlagene Woche unterbrochen werden, weil unter den Künstler:innen ein schwere Grippe-Epidemie herrschte.

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