Vom Suchen und Finden der Sucht nach dem Sehnen

Vom Suchen und Finden der Sucht nach dem Sehnen

Endlich wieder Barockmusik an der Oper Dortmund! Dabei spricht der Titel des Abends, der am 19. Dezember seine Premiere feiern wird, vermutlich uns allen aus der Seele: Sehnsucht. Die Sehnsüchte und Wünsche sind in diesen Tagen groß – ob nach Normalität, nach Nähe oder nach Freiheit. Um diesem Gefühl auch künstlerisch Ausdruck zu verleihen, entsteht ein fantasievoller Opernabend, in dem sich das Kreativteam bestehend aus Philipp Armbruster (Musikalische Leitung), Andreas Rosar (Regie), Dina Nur (Bühne) und Alexander Djurkov Hotter (Kostüme) mit diesem Begriff auseinandersetzen. Die Form, die ihnen dafür zur Verfügung steht, ist die des Pasticcios.

Was ist ein Pasticcio?

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Ein musikalisches Pasticcio hat nichts mit dem schmackhaften griechischen Auflauf zu tun, den man als ersten Treffer angezeigt bekommt, wenn man dieses Wort googelt. Sein etymologischer Ursprung hat allerdings tatsächlich mit etwas Essbarem zu tun, es stammt von dem französischen Wort ‚pastiche‘ ab, was so viel wie ‚Pastete‘ bedeutet. Dabei würde das Bild einer großen, bunt belegten Pizza wesentlich besser dazu passen, denn ein Pasticcio ist nach der Definition im Duden die „Zusammenstellung von Teilen aus Opern eines oder mehrerer Komponisten zu einem neuen Werk mit eigenem Titel und Libretto“. Der knusprige, alles verbindende und mit einem fruchtigen Sugo bestrichene Teig ist in diesem Fall das Thema Sehnsucht, die abwechslungsreichen Beläge steuern verschiedene barocke Komponisten bei. Ebenso wie die Pizza stammt auch diese Praxis aus Italien, sie fand dort schon seit den 1640er Jahren Anwendung und entstand im Zuge des öffentlich und dadurch profitorientierter werdenden Opernbetriebs. Ein Grund dafür war, dass man dem zahlenden Publikum möglichst viele beliebte Arien bekannter Komponisten präsentieren wollte. Ein anderer ergab sich aus der Musikpraxis, in der die Sänger:innen entweder ihre Lieblingsarien in andere Stücke einfügen wollten, oder aber für sie ungeeignete Nummern entfernen ließen. Heute, nicht ganz 400 Jahre später, erlangt das Konzept des Pasticcios eine neue Bedeutung – seine Vorzüge gerade in unsicheren und von strengen Beschränkungen geprägten Pandemie-Zeiten liegen auf der Hand: Man kann für ein bestehendes Sänger:innenensemble geeignete Partien auswählen, die vorwiegende Auswahl von Soloarien sorgt für eine einfachere Einhaltung der Auflagen und gleichzeitig wird voller Kreativität ein neues Stück geschaffen!

Am Anfang steht die Neugier

Doch wie nähert man sich einem gleichermaßen abstrakten wie komplexen Gegenstand, wie es die Sehnsucht ist, an? Zuerst einmal kann man sich mit dem Wort selbst beschäftigen, schon das ist in diesem Fall ziemlich interessant. In ihrem Deutschen Wörterbuch beschreiben die Brüder Grimm ‚Sehnsucht‘ als „krankheit des schmerzlichen verlangens“. Der Duden findet eine ähnliche Definition: „inniges, schmerzliches Verlangen nach jemandem, etwas [Entbehrtem, Fernem]“. Das (zumindest bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt) unerfüllte Begehren hat also etwas mit Abwesenheit und Schmerz zu tun. Doch was löst dieses mit einer Krankheit gleichgesetzte Gefühl aus? Auch in der Vergangenheit widmeten sich viele Dichter:innen, Denker:innen, Kunstschaffende und Wissenschaftler:innen diesem leidvollen Verlangen, das vielleicht niemals in Gänze gestillt werden kann – denn es treibt die Menschen an und lässt sie Ungeahntes vollbringen. Ein Blick in unsere reichhaltige Kulturgeschichte offenbart spannende Gedanken, und einige dieser Ideen sollen hier nun vorgestellt werden.

Platons Mythos von den Kugelmenschen

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In der Antike schrieb der griechische Philosoph Platon einen Text mit dem Titel Symposion. Dieser handelt von einem ausgiebigen Abendessen, bei dem sich verschiedene berühmte Personen seiner Zeit in Dialogform unterhalten – jedoch alles rein fiktiv. Dabei diskutieren sie über ihre unterschiedlichen Ansätze zum Thema Erotik sowie das Treiben und die Macht von Eros, dem Gott der begehrlichen Liebe. Einer dieser Diskutanten ist Aristophanes, der sich als berühmter Komödiendichter u. a. mit Die Vögel bis heute (auch Alfred Hitchcock ließ sich in seiner gleichnamigen Verfilmung davon inspirieren) einen Namen gemacht hat. Seine These geht von dem Mythos der Kugelmenschen aus: Einst, in früher Vorzeit, gab es nicht nur zwei, sondern drei Geschlechter: Frau, Mann und Mannweib, deren Körper darüber hinaus kugelförmig waren. In seiner Geschichte beschreibt Aristophanes, dass ihre „Rücken und Seiten im Kreise herumliefen, und ein jeder hatte vier Hände und ebenso viele Füße und zwei einander durchaus ähnliche Gesichter auf einem rings herumgehenden Nacken, zu den beiden nach der entgegengesetzten Seite von einander stehenden Gesichtern aber einen gemeinschaftlichen Kopf, ferner vier Ohren und zwei Schamteile“. Wen die Muse küsst, kann ja mal versuchen ein Bild dieser Kugelmenschen zu zeichnen und uns gerne schicken. Es gibt zwar nichts zu gewinnen, aber kreative Ergüsse finden wir auch so interessant! Doch zurück zu Aristophanes Erzählung: Diese vorzeitlichen Menschen hatten nicht nur ein außergewöhnliches Erscheinungsbild, sondern waren auch außergewöhnlich stark und klug – und wurden damit zu einer Bedrohung für die Götter. Diese fürchteten einen Angriff der kugeligen Supermenschen und so überlegte man im Olymp, wie man sich schützen könnte. Zeus kam schließlich auf die zündende Idee, dass man die Menschen schwächen könne, indem man die Kugeln in zwei Hälften trennte. So würden sie fortbestehen können, jedoch nur mit halber Stärke und Klugheit. In seiner Rede legt Aristophanes dem Göttervater folgende Worte in den Mund: „Ich glaube ein Mittel gefunden zu haben, wie die Menschen erhalten bleiben können und doch ihrem Übermut Einhalt geschieht, indem sie schwächer geworden. Ich will nämlich jetzt jeden von ihnen in zwei Hälften zerschneiden, und so werden sie zugleich schwächer und uns nützlicher werden, weil dadurch ihre Zahl vergrößert wird, und sie sollen nunmehr aufrecht auf zwei Beinen gehen.“ Gesagt, getan, die Götter zerschnitten die Kugelmenschen in zwei Teile und beraubten sie so ihrer Vollkommenheit. Die halbierten Menschen wurden schlagartig von einer großen Sehnsucht nach ihrer jeweiligen anderen Hälfte erfasst, sie hielten sich in den Armen und wünschten sich, wieder zusammenzuwachsen. Doch weil das nicht funktionierte, starben die meisten schließlich vor Hunger und Vernachlässigung ihrer Bedürfnisse. Wenn jedoch eine der Hälften überlebte, dann suchte sie eine andere vereinsamte Hälfte, um sich mit dieser zu verbinden. Zunächst konnten sich diese Wesen allerdings nicht fortpflanzen, weil das durch ihre getrennte kugelförmige Physiognomie unmöglich war. Zeus lenkte schließlich ein und verlegte die Fortpflanzungsorgane auf die Vorderseite der Körper. In seiner Erzählung beschreibt Aristophanes: Zeus „bewirkte dadurch die Erzeugung in einander, nämlich in dem Weiblichen durch das Männliche, zu dem Zwecke, dass, wenn dabei ein Mann auf ein Weib träfe, sie in der Umarmung zugleich erzeugten und so die Gattung fortgepflanzt würde; wenn dagegen ein Mann auf einen Mann träfe, sie wenigstens von ihrem Zusammensein eine Befriedigung hätten und so, von dieser gesättigt, inzwischen ihren Geschäften nachgingen und für ihre übrigen Lebensverhältnisse Sorge trügen.“ Auf diese Weise lässt sich also nicht nur die weltumfassende Sehnsucht nach einem Liebespartner erklären, sondern auch die geschlechtliche Vielfalt, wie sie erst in unserer Zeit zu einer neuen Selbstverständlichkeit nicht nur im Alltag sondern auch in der Sprache wird. Dies sind also die drei Phasen, die die Kugelmenschen durchlebten und deren Konsequenz wir bis heute am eigenen Leib erfahren: das Ganze, die Trennung und die Findung. Nach Platon stecken wir alle – als Erben der Kugelmenschen – in der Phase der Findung, suchen also unser Gegenüber, das uns vervollständigt und die (von den Göttern verursachte) menschliche Schwäche heilt. So abstrus diese Vorstellung auch sein mag, dass wir einst als Doppelkugeln durch die Welt rollten, so ist die Motivation für diese Geschichte doch sehr verständlich. Platon versucht damit eine nachvollziehbare Erklärung für das große Verlangen, die große Sehnsucht nach einem Partner zu finden; er beantwortet damit die Frage, warum sich zwei Menschen überhaupt ineinander verlieben und warum die Liebe eine solche Macht hat. Seine Perspektive geht davon aus, dass der Mensch als Einzelwesen unvollständig ist und eine zweite Hälfte braucht, damit Herz, Geist und Körper nicht verkümmern.

(Das gesamte Symposion ist nachzulesen auf http://www.zeno.org/Philosophie/M/Platon/Das+Gastmahl. Von dort wurden auch die Zitate entnommen.)

Ovids Gedicht von der liebestollen Nymphe

Die Nymphe Salmacis und Hermaphroditus von Françios Joseph Navez (1829) © public domain

Auch der berühmte antike römische Dichter Publius Ovidius Naso, besser bekannt als Ovid, erfand eine Geschichte, in der es nicht nur um eine die Grenzen überwindende Sehnsucht, sondern auch die Pluralität von verschiedenen Geschlechtern in einer Person geht. In seiner berühmten 15-bändigen Gedichtsammlung Metamorphosen beschreibt er zahlreiche Mythen zum Thema Verwandlung. Die Episode, die uns an dieser Stelle interessiert, steht im 4. Buch, dessen Anfangskapitel von den Töchtern des Minyas berichten. Dieser Minyas selbst ist eine etwas undurchsichtige Erscheinung, mal wird er z. B. als Enkel des Zeus, mal als Enkel oder Sohn des Poseidon beschrieben. Auf jeden Fall soll er der Gründer der antiken Stadt Orchomenos in Böotien gewesen sein. Viel wichtiger ist jedoch, dass Ovid uns von seinen drei Töchtern berichtet, von denen Salmacis die dritte ist. In dem Kapitel „Salmacis und Hermaphroditus“ erzählt uns der Dichter von einer kuriosen Begebenheit. Die eitle Nymphe Salmacis lebte in einer Quelle und genoss es, sich die sanften Wellen um den Körper spülen zu lassen. Eines Tages kam der 15-jährige Hermaphroditos des Weges, der eigentlich gerade seine Heimat verlassen hatte, um die Welt zu entdecken. Die lungernde Nymphe sah den wohlgeratenen Knaben mit wollüstigem Blick und dachte, er sei der Liebesgott Amor. Sofort erwachten leidenschaftliche Gefühle in ihr, sie verliebte sich in ihn und wusste, dass sie ihn besitzen muss. Er hingegen fühlte sich dadurch unangenehm überrumpelt, wurde vor Verlegenheit ganz rot und wies sie brüsk zurück. Doch Salmacis gab nicht auf und legte sich auf die Lauer, sie hoffte auf eine glückliche Wendung des Schicksals. Diese kam, als sich Hermaphroditos etwas später dazu entschloss, ein Bad in der Quelle zu nehmen und sich die Nymphe ohne zu Zögern auf ihn stürzte. Bei Ovid klingt das so: „,Sieg! er ist mein!’ So ruft die Naiadʼ, und jegliche Hülle schleudert sie fort und wirft sich mitten hinein in die Wellen, hält den Streitenden fest und raubt im Ringen ihm Küsse“. So zog sie ihn mit sich, überwältigte den sich Wehrenden und flehte die Götter an, sie für immer mit dem Jüngling zu vereinen. Die Götter erfüllten ihren Wunsch und ließen die beiden Körper miteinander verschmelzen: Als neues Zwitterwesen, das fortan Hermaphroditos genannt wurde, besaß es weibliche Maße und Brüste, jedoch männliche Genitalien. Auch die Stimme klang eher feminin und mit dieser äußerte das auf diese Weise neu erstandene Wesen in Ovids Dichtung seinen letzten Wunsch: „‚Erweist, o Vater und Mutter, Euerem Sohne die Gunst, der führt von euch beiden den Namen: Wer in den Quell hier kommt als Mann, der steige als Zwitter wieder heraus und erschlaffe sogleich, wie er taucht in das Wasser.‘“ So ließ die begierige Sehnsucht einer Nymphe in diesem Mythos die Grenzen zwischen den Geschlechtern verschmelzen.

(Das gesamte 4. Buch der Metarmophosen ist nachzulesen auf https://www.gottwein.de/Lat/ov/met04de.php. Von dort wurden auch die Zitate entnommen.)

Und dann explodiert das Museum

Gedenktafel für Alfred Schnittke
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Eröffnet wird das barocke Pasticcio Sehnsucht von einem Werk, das auf den ersten Blick nicht so recht dazu passen mag: der erste Satz aus dem Concerto Grosso Nr. 3 von Alfred Schnittke. Der russisch-deutsche Pianist und Komponist wurde sein Leben lang von der Sehnsucht nach Identität umgetrieben. Als sogenannter Wolgadeutscher in Russland geboren erfuhr er bis zu seinem Tod immer wieder verschiedenste Formen der Ausgrenzung. In seiner Heimat bezeichnete man ihn wahlweise als Juden oder Deutschen; in Deutschland, wohin er 1989 emigrierte, schob man ihn sogar in drei verschiedene Schubladen: die des russischen Komponisten, die des Juden, der seine eigene Sprache nicht beherrschte oder aber in die des in sowjetischen Terrain lebenden Menschen. Wie auch immer man dies betrachten möchte, das Leben Schnittkes war von einer quälenden Pluralität bestimmt – und diese schlug sich auch in sein Werk nieder. Seine grundlegende Suche nach Identität, sei es nach nationaler, religiöser, sozialpolitischer, kultureller oder existentieller Identität, ließ ihn diese Vielfalt auch musikalisch verarbeiten. Seien es unterschiedliche Ausprägungen des geistlichen Gesangs, historische Ebenen oder auch das Nebeneinander von E- und U-Musik, für Schnittke ist die Idee des „Zusammenwirkens verschiedener Zeiten in einem Werk“ (Alfred Schnittke, zum 60. Geburtstag, Hamburg 1994) notwendig, um seiner Sehnsucht musikalischen Ausdruck zu verleihen. Diese Technik wendet er auch in seinem dritten Concerto Grosso an, das 1985 anlässlich des fünffachen Jubiläumsjahres der Komponisten Schütz, Bach, Händel, Scarlatti und Berg entstand. Schnittke erläuterte dazu selbst, dass das Concerto „neoklassizistisch [beginnt] – aber nach einigen Minuten explodiert das Museum, und wir stehen mit den Brocken der Vergangenheit vor der gefährlichen und unsicheren Gegenwart.“ (Alfred Schnittke, zum 60. Geburtstag, Hamburg 1994) Diese Schatten der Vergangenheit, die aus dem ‚Museum‘ entflohen, verflüchtigen sich nicht, sondern bleiben als Teil der Gegenwart bestehen. So ähnlich verhält es sich auch mit den Sehnsüchten der Menschen: Sie bleiben in der Welt, werden von einer Generation zur nächsten weitergegeben und vermischen sich mit anderen. Alfred Schnittke fand für sich und in seiner Musik einen Weg, damit umzugehen.

Die persönliche Perspektive

Die verschiedenen Gedankenpunkte dieses Textes haben gezeigt, wie unterschiedlich Sehnsucht sein kann – und dabei fehlen in dieser Aufzählung selbstverständlich noch eine ganze Menge. Das Thema ist sehr persönlich, jede:r Einzelne hat dazu ihre/seine eigenen Gedanken und Assoziationen und das ist auch richtig so. Darum möchte ich Ihnen für unseren Opernabend Sehnsucht lediglich ein paar mögliche Anknüpfungspunkte vorstellen – wie Sie Musik und Handlung schließlich auf sich wirken lassen, obliegt allein Ihnen. Dies gilt nun zwar prinzipiell für alle Opernabende, für diesen aber im ganz Besonderen. Lassen Sie sich von der virtuosen und makellosen Musik des Barock in die eigene Sehnsuchtswelt entführen!

Titelbild: © Ria Sopala, Pixabay (public domain)

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