„Regieassistent aus Leidenschaft“

„Regieassistent aus Leidenschaft“

Ein Interview mit Dominik Kastl 

Der Regieassistent Dominik Kastl (29) ist seit der Spielzeit 2018/19 an der Oper Dortmund tätig. Er befindet sich momentan in den Proben zur West Side Story (Musikalische Leitung: Philipp Armbruster, Regie: Gil Mehmert) und hat zuvor Aida (Musikalische Leitung: Gabriel Feltz, Regie: Jacopo Spirei) betreut. Vorher war er vier Jahre Regieassistent am Pfalztheater Kaiserslautern und davor zwei Jahre Gast am Staatstheater Augsburg. Dominik Kastl gibt im Gespräch Einblicke in die Arbeit von Regieassistenten, berichtet über die aktuellen Produktionen und über seine Zukunftspläne.

Wie sieht der typische Alltag eines Regieassistenten aus?

Ich komme bevor die Probe beginnt und richte alles ein, damit die Probe ordentlich stattfinden kann. Während der Probe mache ich irgendwie alles, aber hauptsächlich bin ich für das Führen des Regiebuches zuständig. Man schreibt Gänge oder Intentionen auf, damit man für alle Fälle gewappnet ist, etwa für Krankheitsfälle oder wenn schnell ein Gast eingewiesen werden muss. Oder auch, wenn Sänger oder Regisseure vergessen was gemacht wurde. Das ist der Hauptteil der Arbeit. In Absprache mit dem Regisseur gestalte ich zudem den Probenplan für den nächsten Tag. Dann habe ich vier Stunden Pause. Und abends von 18 bis 22 Uhr nochmal Probe.

 Du machst den Beruf ja jetzt seit sechs Jahren. Bist du immer noch mit der gleichen Leidenschaft dabei?

Bis zu meiner Zeit als Hospitant hatte ich keinerlei Vorbildung und mit Opern und klassischer Musik nie etwas zu tun. Ich bin jetzt also immer noch in der Phase, wo fast jedes Stück, das ich betreue, neu für mich ist und diese Stücke kennenzulernen, ist für mich immer noch wie sich neu zu verlieben. Vielleicht sage ich in zehn Jahren: „Oh mein Gott meine fünfte Zauberflöte, nein danke“. Ja, vielleicht flaut es dann ab, aber da ich bisher noch keine Zauberflöte gemacht habe, freue ich mich auf die erste, die kommt.

Was bringst du selber für Regieambitionen mit?

Ich merke, dass die Idee Regie zu führen in mir nicht so brennt wie in anderen Kollegen. In den letzten Jahren hat sich für mich ein leichtes Fragezeichen gebildet, ob ich nicht doch noch versuche eine Gesangsausbildung anzugehen. Mir fällt auf, dass es mir sehr viel Spaß macht auf der Bühne zu stehen. Wenn ich mich mit anderen Assistenten unterhalte und die sagen: Ich bin jetzt schon zwei Jahre hier und möchte unbedingt inszenieren. Diese Haltung hatte ich nie. Es war nie so das Feuer, dass ich mir sage, bis 30 gebe ich mir Zeit und werde dann freier Regisseur. Ich spüre eine größere Lust, selber auf der Bühne zu stehen.

In den Proben zu Aida bist du szenisch für erkrankte Sänger eingesprungen. Bist du über die Regieassistenz zum Spielen gekommen?

Bei mir ist es andersherum gelaufen. Ich habe die Regieassistenz über das Spielen entdeckt. Vom Schultheater bin ich ins Jugendtheater in Augsburg gerutscht und da wurde mir eine Hospitanz angeboten und dann später die Regieassistenz. Das finde ich super, weil ich als Assistent alles machen darf: Einspringen finde ich ganz toll und häufig sind Regieassistenten auch Diplomaten.

Du betreust ja die West Side Story. Was zeichnet die Dortmunder Inszenierung aus?

West Side Story ist ein gelungener Spagat zwischen Unterhaltungsmusical und großartigen Choreografien. Die Choreografien (Jonathan Huor) sind wirklich ausgezeichnet! Das Musical hat eine gute und keineswegs zu kitschige Handlung, wovor manche Leute beim Musical ja Angst haben. Die Regie (Gil Mehmert) ist sehr schlüssig und sehr präzise. Gil Mehmert und die Studenten der Folkwang Universität füllen Gesang, Tanz und Darstellung mit dieser jugendlichen Frische. Alles ist sehr präzise und man spürt die Leidenschaft an der Sache. Deswegen ist West Side Story sehr zu empfehlen, weil einfach ein sehr frischer Wind weht und es ein gelungener Abend wird.

Dominik Kastl bei einer Probe zur West Side Story

Und wie ist es bei Aida?

Aida ist wahrscheinlich das letzte Hurra für Leute der traditionelleren Regie. Aida ist ein großes Festival von toller Musik, die Stimmen sind wirklich ausgezeichnet. Und die Regie rückt, was man heutzutage nicht mehr so oft sieht, die Geschichte in den Fokus. Es gibt keine Gimmicks, keine, „wir lassen die Geschichte in einem Krankenhaus spielen“ oder sowas. Der Regisseur hat dem Stück einfach sehr vertraut und das ergibt ein insgesamt rundes, ästhetisches Bild. Wer Aida kennt, wird natürlich nicht aus allen Wolken fallen und sich denken, so habe ich es noch nie gesehen. Aber der eine oder andere wird sich denken: So gut habe ich es noch nie gesehen.

Bei Regieassistenten denken viele an sehr viel Arbeit, harte Bedingungen und schlechte Bezahlung. Gleichzeitig genießt der Job ein gewisses Standing, weil man direkter Ansprechpartner des Regisseurs ist, später Abendspielleitung macht und stark mit dem Inszenierungsprozess vertraut ist. Wie siehst du das?

Entweder mache ich alles falsch oder alles richtig, weil ich den Beruf nie als so extrem arbeitsreich empfand. In den acht, zehn oder auch mal zwölf Stunden meiner Arbeit kriege ich alles gut hin. Es stimmt, dass man als erster Ansprechpartner gefragt wird was zu tun ist, aber gerade das finde ich schön, weil ich sehr viel Einfluss auf die Qualität einer Produktion habe. Das Interessante sind die vielen Schaltstellen wie z.B. Requisite, Regie, Darsteller, Lichttechnik, Orchester oder Dramaturgie, die ich betreuen kann. Mir gefällt es auch, Verantwortung zu übernehmen. Deswegen empfand ich diesen Beruf nie als Last. Klar, wenn man drei Tage nicht rauskommt, weil man probt, probt, probt, da gibt es schon Momente, wo man denkt, „Puh“. Oder wenn man Regisseure hat, die nicht so effizient mit den Energien der Sänger umgehen. Aber das Gute an dem Job ist, dass ein Regisseur sechs Wochen bleibt und man sich dann wieder erholen kann. Bisher hatte ich aber das das Glück, auf nicht so viele Regisseure getroffen zu sein, deren Arbeitsweise so an den Kräften zehrt. Das Schöne ist auch, das man als Regieassistent einen großen Einfluss auf die Atmosphäre in den Proben haben kann: So kann ich den Sängern das Gefühl geben für sie da zu sein, die Leute auch mal schützen und auffangen. Das gibt mir auch sehr viel.

Du bist für drei Jahre hier als Regieassistent engagiert und hast angedeutet, dass du nicht Regisseur werden möchtest. Hast du denn Pläne, wo es hingehen soll?

Bisher habe ich mich nicht darum bemüht, will es aber nicht ganz ausschließen. Hättest du mich vor zwei Jahren gefragt, hätte ich auf jeden Fall gesagt, dass ich mir die Regieassistenz bis zum Ruhestand vorstellen kann. Ich kann es mir auch immer noch vorstellen, weil es mir unglaublichen Spaß macht. Ich sitze meine Zeit hier nicht ab, wie gesagt, auch wenn es ungewöhnlich ist, weil Regieassistenz ja eher eine Trittbrettfahrerfunktion ist. Zumindest könnte ich mir keinen anderen Beruf vorstellen als im Theater, vielleicht einen anderen als den des Assistenten, in einem anderen Bereich. Wenn von heute auf morgen alle Theater in Deutschland und auf der Welt schließen würden, müsste ich mir wirklich lange überlegen, was denn in Frage käme.

Die Premiere von West Side Story am 24. November 2018 ist bereits ausverkauft.

Termine West Side Story

http://www.tdo.li/westside

Termine Aida

http://www.tdo.li/aida

 

Fotos von Anke Sundermeier

This article was written by

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.